Gefangen im Netz

Die meisten Kinder und Jugendlichen bewegen sich täglich im Internet – viele davon exzessiv. Eine Studie der Uni Zürich gelangt zu besorgniserregenden Resultaten.

Kinder und Jugendliche treffen sich weitaus häufiger mit Internetbekanntschaften als bisher angenommen, wie eine Studie zeigt

Kinder und Jugendliche treffen sich weitaus häufiger mit Internetbekanntschaften als bisher angenommen, wie eine Studie zeigt

(Bild: Stefan Arend (EPD))

Gabriela Braun@tagesanzeiger

Melina* kann nicht mehr sein ohne, auch nachts nicht, im Bett. Die zwei Smartphones der 15-Jährigen liegen neben ihrem Kopfkissen. Sie hat sie so jederzeit griffbereit. Mit dem einen ist sie im Internet auf Facebook verbunden, mit dem anderen im Chat Whatsapp. Erhält Melina neue Nachrichten, vibrieren die Geräte. Die junge Frau erwacht aus dem Dämmerschlaf, ist sofort hellwach. Sie schreibt zurück und fühlt sich gut. Ein paar Minuten lang wartet sie, ob jemand auf ihr Posting antwortet. Dann gleitet sie zurück in den Halbschlaf.

Melina ist ein extremes Beispiel, sagt Joachim Zahn. Er ist Projektleiter des gemeinnützigen Vereins Zischtig.ch und bietet Schulungen für Eltern und Schulklassen zur Mediennutzung an. Das Verhalten eines Teenagers wie Melina sei jedoch nicht ungewöhnlich: Chat-Foren und soziale Medien beinhalteten das grösste Suchtpotenzial, gefolgt von Online-Games wie dem angesagten Spiel «Clash of Clans». Melina kann, wie viele andere Jugendliche in ihrem Alter, kaum mehr offline sein. Sie will in dauerndem Kontakt stehen zu ihren zig virtuellen Freunden. Sonst fühlt sie sich nicht komplett. Knapp ein Drittel der 15- bis 16-Jährigen kennt dieses Gefühl.

Netzbekanntschaften treffen

In einer Studie der Universität Zürich gaben 30 Prozent von Melinas Altersklasse an, Online-Medien schon exzessiv genutzt zu haben. Sie liessen für ein Online-Game schon mal ihre Hausaufgaben sausen oder trafen sich deswegen nicht mit Kollegen. 8 Prozent von ihnen haben sogar schon oft erfolglos versucht, weniger Zeit im Internet zu verbringen. Die Studie der Universität Zürich fand im Rahmen eines Nationalfondsprojekts statt: Die Wissenschaftler befragten 1000 Schweizer Kinder zwischen 9 und 16 Jahren zu ihrem Umgang mit dem Internet. Auch die Eltern konnten sich äussern. Mit der Studie beteiligt sich die Schweiz am Projekt «EU Kids online». Ziel ist eine umfassende europäische Datenbasis, aus der sich Trends und vorsorgliche Massnahmen ableiten lassen.

Über die Resultate zur exzessiven Nutzung zeigt sich Studienleiter Martin Hermida überrascht. «Es handelt sich um eigene Angaben der Kinder und Jugendlichen. Sie sind sich demnach bewusst, dass sie das Internet oft zu sehr absorbiert.» Allerdings lassen auch andere Studienresultate aufhorchen: zum Beispiel, dass sich Kinder und Jugendliche weitaus häufiger mit Internetbekanntschaften treffen als bisher angenommen – nämlich 7 Prozent der Befragten. Das sind rund zwei Kinder pro Schulklasse. 2 Prozent gaben an, auf diese Weise «unangenehme Erfahrungen» gemacht zu haben. Dabei waren Kinder aus Haushalten mit niedrigem Einkommen und tieferem sozialem Status eher zu solchen Treffen bereit als Kinder aus Haushalten mit mittlerem oder hohem sozioökonomischem Status. Martin Hermida hält diese Resultate für besorgniserregend. Die meisten der betroffenen Eltern hatten von den Treffen keine Kenntnis. «Hier liegt das grösste Gefahrenpotenzial», sagt Hermida. «Erstaunlich, dass die Eltern gerade in diesem Punkt am schlechtesten informiert sind.» Vor solchen Fremdkontakten hätten die Eltern zwar Angst, bei ihren Kindern seien sie in dieser Hinsicht aber meistens blind.

Nicht alle Fachleute halten die Anzahl der sogenannten Fremdkontakte allerdings für hoch. Joachim Zahn weist darauf hin, dass es sich bei den Internettreffen mit Fremden häufig um gleichaltrige Schüler aus der Gegend handle. Die Jugendlichen seien interessiert, neue Gleichaltrige kennen zu lernen, und lernten diese neu mittels Onlineplattformen auch übers Netz kennen. Doch auch den frühen Kontakt mit Sexbildern unterschätzen die Erwachsenen. Von den befragten Kindern zwischen 9 und 16 Jahren gaben über 20 Prozent an, in den vergangenen zwölf Monaten im Netz sexuelle Bilder gesehen zu haben; im europäischen Durchschnitt sind es 14 Prozent.

Vergleicht man die Schweizer Studienergebnisse mit jenen aus dem Ausland, wird klar: Die Schweizer Jugend bewegt sich nicht nur punkto Smartphone-Verbreitung an der Spitze – sondern auch in Bezug auf die damit verbundenen Risiken. Das hat damit zu tun, dass die Jugendlichen mehr Möglichkeiten haben, ins Internet zu gelangen, als Gleichaltrige im Ausland. Aufgrund des Wohlstands und der nahezu lückenlosen Netzabdeckung werden hierzulande weit mehr mobile Geräte genutzt als in den meisten übrigen Staaten.

Kontrolle ist unmöglich

Besassen 2010 noch 50 Prozent aller befragten Jugendlichen ein Smartphone, waren es 2012 schon 80 Prozent, und der Anteil steigt weiter. Das hat zur Folge, dass die Kinder nicht mehr wie früher am heimischen PC surften, sondern vermehrt auf ihrem eigenen Smartphone. Vorbei die Zeiten, in denen Eltern den Computer zu bestimmten Zeiten wegschlossen. Mit einem Smartphone können die Kinder jederzeit und überall ins Word Wide Web: in Cafés, an Bahnhöfen, auf Schulplätzen. Die Kontrolle, wann und auf welchen Internetsites die Kinder surfen, wird so für Eltern schwierig – wenn nicht unmöglich.

Gerade deshalb ist gemäss Joachim Zahn eine seriöse Aufklärung nötig und ein echtes Interesse der Eltern für die Bewegungen ihrer Kinder im Netz. Die Annahme, die junge Generation von heute – die sogenannten Digital Natives – könne mit den neuen Medien von allein kompetent umgehen, stimme bloss zur Hälfte. Die Kinder wüssten zwar, was gerade im Trend liegt, und nutzten die digitalen Medien sehr flink. Doch das sei bloss die eine Seite. «Wann, wie und wie lange sie die Geräte verwenden, müssen die Kinder erst noch lernen.» Eltern und Schule stünden in der Pflicht.

Die oft gehörten Ausreden von Eltern, dass sie die Technik nicht verstehen, keine Zeit dafür aufbringen oder sich schlicht nicht dafür begeistern können, zähle nicht. Mit etwas Überwindung und Neugierde würden das alle hinkriegen, sagt Zahn. In den zahlreichen Schulungen, die er leitet, rät Zahn den Müttern und Vätern, die Fragen nach der Onlinewelt selbstverständlich in den Alltag zu integrieren. Statt täglich bloss zu fragen, wie es in der Schule war, solle man sich auch darüber informieren, was online los war. «Das fördert das Verständnis und den Austausch.»

Gemäss Olivier Andermatt, Psychotherapeut der Jugendberatungsstelle Samowar in Meilen, sind Gespräche und fixe Onlineregeln zwischen Eltern und Kindern zentral. Andermatt hat vermehrt mit Jugendlichen zu tun, die kaum mehr von ihren technischen Geräten loskommen. Seine Beobachtung ist allerdings, dass jene jungen Erwachsenen, die eine entsprechende Sucht entwickeln, oft auch jene sind, die noch andere Probleme haben. «Das ist so wie bei anderen Süchten auch.»

Das Schwierige bei der Onlinesucht sei allerdings, dass man heute nicht ohne digitale Medien leben kann. Das Internet brauche man für die Schule, die Arbeit, die Wohnungssuche oder die Freizeit. «Ein trockener Alkoholiker kann lernen, abstinent zu leben.»

Gar nicht surfen wäre abnormal

Doch ab welchem Alter soll ein Kind denn nun ein Handy oder Smartphone besitzen? Joachim Zahn betont, dass das je nach Ort und Quartier variieren könne. Wenn die Mehrheit der Fünftklässler im Quartier schon ein Smartphone habe, sei es allenfalls angezeigt, dem eigenen Kind den Umgang damit früher beizubringen. Sonst gelte: Ab der Mittelstufe sei ein Prepaid-Handy oder Smartphone angebracht, allerdings nur mit WLAN – «und vorausgesetzt, die Eltern haben dafür den Nerv».

Ab der Oberstufe sei ein Smartphone mit Internetverbindung sinnvoll. In diesem Alter hätten die Kinder das Bedürfnis, vermehrt online zu kommunizieren. «Das ist durchaus normal», sagt Joachim Zahn. Er erlebe immer wieder Eltern, die ihre Haltung auf die Kinder übertragen wollen, im Stil von: «Ich chatte ja auch nicht dauernd, also brauchst du das auch nicht zu tun.» Das sei weder fair noch zeitgemäss. Im Gegenteil: Sei ein Zwölfjähriger nicht an Onlinekommunikation interessiert, sei dies beinahe auffällig. Zahn: «Man müsste das Kind fast schon abklären lassen.»

* Name geändert

Tages-Anzeiger

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