Expansion zum Erdmittelpunkt

Für sein Buch «Die Schweiz unter Tag» hat sich Journalist und Autor Jost auf der Maur in den Untergrund begeben und die endlosen Tunnel- und Bunkeranlagen des Landes erkundet.

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Michael Feller@mikefelloni

Jost auf der Maur, Sie haben ein Buch über Tunnel, Stollen und Bunker in der Schweiz geschrieben. Wie oft litten Sie an Platzangst?Jost auf der Maur:(lacht) Ich leide nicht unter Klaustrophobie. Aber: Die statische Situation im Untergrund hat eine Architektur zur Folge, die enormen Druck auffangen muss. Das ergibt eine Welt, die etwas Erdrückendes hat. Sie signalisiert einem sofort: Hier gehörst du nicht hin.

Das spürt man im Berg?Das Gefühl hatte ich immer wieder in den 20 Jahren, in denen ich mich mit dem Thema beschäftigt habe. Es war dann stark, wenn es von mir abfiel, wenn ich wieder auftauchte aus dem Berg.

Weshalb begannen Sie, nach den Geschichten im Untergrund zu bohren?Es begann mit einem Artikel für die Zeitschrift «Geo», die ein Spezialheft über die Schweiz herausgab. Mein Thema war das Projekt «Swiss-Metro» – in diesem Zusammenhang schrieb ich, dass es viele unterirdische Bauten gibt in der Schweiz. Das war der Anfang.

Und, wie viele gibt es?Alle theoretisch begehbaren unterirdischen Anlagen und Tunnel aneinandergereiht würden einen Stollen von Zürich bis nach Teheran ergeben, das sind 3750 Kilometer.

Wahnsinn.Das immense Ausmass war der Hauptgrund, weshalb ich mich intensiv damit befasst habe.

Warum gräbt man in der Schweiz so viele Löcher?Es gibt jene, die graben, um Rohstoffe zu gewinnen. Andere graben, um Raum zu gewinnen. Und darin ist die Schweiz herausragend. Das Bauen in den Boden ist eine Territoriumserweiterung in Richtung Erdmittelpunkt.

Ist das exzessive Graben ein Schweizer Phänomen?Wir haben im Berg offenbar eine Lösung gesehen für ganz verschiedene Probleme – und das Land erfüllte die Voraussetzungen: Banken, die Kredite vergaben, und eine gute Schule. Die ­Ingenieure der ETH Zürich konzipierten den ersten Gotthardtunnel, und auch für alle weiteren Bauten waren gut ausgebildete Planer nötig.

Ist die Erschliessung das ­Hauptmotiv?Es gibt zwei grundsätzliche Aspekte: das Verbindende, wie man es beim Gotthard-Basistunnel sieht. Und es gibt das Hermetische, die Zivilschutz- und Sicherheitsbauten.

Die Idee der Geborgenheit im Kriegsfall steht Ihrem Gefühl gegenüber, nicht in den Berg zu gehören.Die Idee des Einbunkerns widerspricht eigentlich dem Instinkt des Menschen. Bei Gefahr flieht er. Aber die Schweiz wählte ihre militärische Doktrin: Das Gelände ist ein guter Kamerad, und es soll gegen allerlei Gefahren schützen. So lassen sich heute die drei Generationen von Festungsbauten erklären, die irrwitzige Summen gekostet haben. Noch in den 1990er-Jahren wurde in den Berg gebaut, als Festungen strategisch überholt waren. Beim Zivilschutz stellte sich die Schweiz auf einen Atomkrieg ein und installierte 115 Prozent Schutzplätze, also mehr Plätze, als nötig wären. Das ist weltweit einzigartig. Statt etwa das Gesundheitswesen unentgeltlich zu machen, hat die Schweiz entschieden, sich eine Stahlbetondecke überzuziehen.

«Alle begehbaren unterirdischen ­Anlagen ­aneinandergereiht würden einen ­Stollen von Zürich bis nach ­Teheran ergeben.»Jost auf der Maur, Autor

Beim Bundesratsbunker von Amsteg kommen Sie zum Schluss, dass er nicht wirklich einsatztauglich war. Und andere Bauten waren noch weit wahnwitziger.Der Bundesratsbunker war sicherheitstechnisch nicht vollkommen, er hätte sich leicht knacken lassen. Er war allenfalls wichtig als moralische Rückversicherung. Das gilt auch für monströse Bauten wie den Sonnenberg in Luzern, eine Stadt im Berg für 20 000 Bewohner. Dort wurden die vielen Mängel schon bei den Übungen offenkundig. Man wusste, dass die Anlage nicht benutzbar wäre. Es sind verlochte Millionenbeträge.

20 000 Menschen in einem ausgehöhlten Berg wären auch sehr einfach anzugreifen gewesen. Das war doch eine total widersprüchliche Strategie!Das müssen Sie den Zivilschutzgenerälen sagen und den Poli­tikern, die damals entschieden. Und der jubelnden Bauwirtschaft. Wir müssen einfach ­sehen: Es war eine andere Zeit. Das Damoklesschwert des Atomkriegs führte dazu, dass die Sicherheitsapostel grossen Zulauf hatten. Mit dem Ernstfall liess sich während des Kalten Krieges fast alles durchdrücken.

Sie erzählen in Ihrem Buch Geschichten von Begegnungen in den Dörfern, in denen die Anlagen stehen. Da geht es immer um Geheimniskrämerei.Die Vorstellung, die Schweiz sei durchlöchert wie ein Emmentaler Käse, hielt ich zuerst für einen Witz, aber sie ist bitterer Ernst. Im Kalten Krieg gab es örtlich ­gefärbte Sagen und Mythen. Der grösste Mythos war der Lastwagen, der von Sankt Margrethen bis Saint Maurice durch die Alpen fahren könne, wenn man nur die richtigen Schlüssel besitze. Das ist natürlich ein Märchen – aber auch ein Propagandaerfolg der Armee für ihre Geheimhaltungsstrategie.

Konnten Sie bei Ihren Recherchen einen Ort aus militärischen Gründen nicht besuchen?Ja, was ich wegen der verpassten schieren Schönheit bedaure: Im Berner Oberland gibt es eine ­militärische Anlage, die über eine Bahn verbunden ist, die durch den Jungfraugletscher führt. An einem schönen Tag verspüre man ein erhabenes Gefühl, wenn man durch den blau schimmernden Gletscher fahre, hat man mir ­gesagt. Weil die Anlage noch in Betrieb ist, erhielt ich keine ­Besuchererlaubnis.

Was hat Sie am meisten ­beeindruckt?Mich hat die Leistung jener ­beeindruckt, die die Anlagen tatsächlich gebaut haben. Die Mineure, die unter Tag Löcher sprengten. Und es weiterhin tun, es wird weiterhin viel gebaut. Für die gefährlichen Arbeiten haben wir stets Leute aus dem Ausland geholt. Wir haben massiv von ­ihnen profitiert. Ich sehe aber nur ein paar Ingenieure, die es zu Ruhm und Ehre gebracht haben. Die namenlosen Söldner der ­Verkehrs- und Energiewirtschaft gingen vergessen.

Sie beschreiben eine Sprengung beim Bau des Gotthard-Basistunnels. Durften Sie wirklich selbst den Knopf drücken?Ich habe eine Woche lang eine Gruppe von Tunnelbauern aus Kärnten begleitet, die beim Seitenangriff in Amsteg tätig waren. Sie nahm mich gut auf, ich war immer dabei. Am Schluss durfte ich die Zündung auslösen.

Sie müssen eine Todesangst ­gehabt haben.Nein. Ich wusste, dass die mir nicht etwas in die Hand drücken würden, das sie nicht verantworten könnten. Ausserdem hatte ich in der Grenadierschule schon mit Sprengstoff zu tun. Aber der Eindruck, wenn 500 Kilo Sprengstoff hochgehen, ist schon schockierend.

«Die Schweiz unter Tag»von Jost auf der Maur erscheint am Montag, publiziert im Echtzeit-Verlag, 144 S.Buchvernissage:8. Juni, 19 Uhr,Alpines Museum, Bern.

Berner Zeitung

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