Eine Philosophin im Kreuzfeuer

Kopf des Tages

Judith Butler, die Pionierin der Gender-Forschung, wird als Israel-Hasserin angegriffen.

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Simone Meier

Als Judith Butler (56) noch ein Teenager in Ohio war, da galt sie als viel zu geschwätzig während der Schulstunden, als aufmüpfig und als Mädchen mit einem Hang zum anhaltenden Widerspruch. Zur Strafe, erzählte sie später, sei sie mit 14 bei einem Rabbi in einen besonders strengen Sonderunterricht über jüdische Ethik gesteckt worden. Es war ihr erster Kontakt mit jüdischer Philosophie, sie war sofort angefixt, sie verehrte den strengen Rabbi und beschloss, selbst eine Philosophin zu werden. Heute ist sie eine der grössten. Ist Professorin für Rhetorik und Komparatistik in Berkeley. Ihre Lebensgefährtin Wendy Brown ist dort Professorin für Politologie.

Monument der Menschenrechte

Dass sie am 11. September in Frankfurt eine Auszeichnung wie den Adorno-Preis in der Höhe von 50'000 Euro für massgebende philosophische Verdienste erhalten soll, ist längst überfällig. Schon 1990, als sie sich mit dem revolutionären Buch «Gender Trouble» über geschlechtsspezifische Sozialisierung in eine akademische Öffentlichkeit katapultierte, war das ein querdenkerischer Befreiungsschlag, wie ihn Philosophie und Geschlechtertheorie schon lange nicht mehr gesehen hatten. Ein komplexes, schwierig zu lesendes Buch, aber mutig, kühn, wegweisend, ein kluges Plädoyer gegen jegliche Form der Diskriminierung von Homo-, Hetero- und Transsexuellen. Ein Monument der Menschenrechte. So, wie sich die Jüdin Judith Butler, deren ungarische Grossmutter fast die ganze Familie unter Hitler verloren hatte, mit jeder Faser für Menschenrechte und gegen Gewalt einsetzt, ganz besonders gegen Antisemitismus.

Sie ist Beraterin der Organisation Jewish Voice for Peace, Mitglied der Kehilla-Synagoge in Oakland, Mitglied der Faculty for Israeli-Palestinian Peace in the US und des palästinensischen Jenin Theatre. Mit der israelischen Siedlungspolitik ist sie nicht einverstanden. Das muss sie auch nicht. Dass ihr jetzt, Tage vor der Preisverleihung in Frankfurt, von der rechten Organisation Scholars for Peace in the Middle East und vom Zentralrat der Juden in Deutschland vorgeworfen wird, eine «bekennende Israel-Hasserin» zu sein, ist jedoch vollkommen absurd.

Das Jüdische Museum Berlin hält an der Einladung fest

Der Generalsekretär Stephan J. Kramer beruft sich auf eine Aussage Butlers von 2006, als sie sagte, die Hamas und die Hizbollah würden sich klar als «antiimperialistisch» definieren und Antiimperialismus sei grundsätzlich ein Strukturmerkmal der globalen Linken. Sie sagte aber auch, dass sie die Hamas und die Hizbollah in keiner Weise unterstützen würde, weil sie Gewalt – weder terroristische noch staatliche – nie unterstütze.

Das wird nun ignoriert. Stephan J. Kramer bezeichnet sie als «eine Person, die sich mit den Todfeinden des jüdischen Staates verbündet», und bescheinigt ihr zudem eine grundsätzliche «moralische Verderbtheit». Besonders letztere Formulierung ist eine Ungeheuerlichkeit, über die man im Zusammenhang mit Judith Butlers Leben und Werk nicht allzu lange nachdenken darf. Auch das Jüdische Museum Berlin, das Judith Butler nun zu einer Debatte aus Anlass der Kontroverse eingeladen hat, geriet in die Schusslinie der Kritiker, hält aber an der Einladung fest.

Auf dem jüdischen Blog Mondoweiss wehrte sich Judith Butler am Montag in einem ausführlichen, äusserst klaren und sachlichen Text. Ob er auch gelesen wird, ist eine andere Frage. Gestern wurde sie auf einem Blog der linken deutschen Zeitung «Jungle World» bereits wieder als «Hamas-Fan» verunglimpft.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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