«Ein perfides Beispiel»

Interview

Das Schock-SMS von «Nico» verängstigt derzeit Zürcher Schüler. Der Digital-Experte und Lehrer Philippe Wampfler über die Gefahren und Absender solcher Kettennachrichten.

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Gabriela Braun@tagesanzeiger

Herr Wampfler, wie schätzen Sie den aktuellen Kettenbrief ein? Er ist typisch für seine Art: Er macht Angst, setzt unter Druck. Im Netz lässt sich so was schnell und einfach verbreiten, ein Weiterschicken ist kostenlos. Dieser Kettenbrief ist allerdings ein perfides Beispiel. Es kann für ein Kind traumatisierend sein. Die Wirkung einer solchen Nachricht darf man als Erwachsener nicht unterschätzen.

Weshalb ist er besonders schlimm? Es wird einerseits beschrieben, was schon mal passiert ist. Dass also jemandem bereits etwas Schlimmes widerfahren ist. Andererseits wird der Absender klar beschrieben. Das Bild von dem blutigen und vernarbten Gesicht bleibt vielen Kindern im Gedächtnis haften. Sie können das kaum ausblenden.

Wer verbreitet solche Horrornachrichten? Das sind häufig Jugendliche – aber auch Erwachsene, die die Mechanismen kennen. Es handelt sich um Menschen, die auf diese Weise Aufmerksamkeit wollen.

Kann man die Urheber ausfindig machen? Nein, man ist ziemlich machtlos. Die Nachrichten verbreiten die Nutzer selbst. Es wird schwierig, den Urheber herauszufinden. Ich kenne keinen solchen Fall.

Wie problematisch sind Kettenbriefe im Netz? Sie sorgen für grosse Verunsicherung. Kettenbriefe sind für die meisten Jugendlichen der Einstieg in den Problembereich des Internets. Spricht man mit Schülern der 6. und 7. Klasse über Inhalte elektronischer Nachrichten, sind Kettenbriefe das Hauptthema. Die Jugendlichen wissen nicht, wie sie mit solchen Botschaften über Whatsapp umgehen sollen, ob und wem sie sie weiterschicken sollen, was erlaubt ist und was nicht. Problematisch sind aber auch Gerüchte, die sich auf diese Weise weiterverbreiten. Man weiss nicht, ob die Geschichten stimmen, man leitet die Nachricht aber trotzdem weiter.

Gab es Gerüchte und Kettenbriefe nicht schon immer? Ja. Doch über Internet und Chats wie Whatsapp verbreiten sich die Geschichten schneller. Und es kann sein, dass man als Kind oder Jugendlicher mit der Nachricht alleingelassen wird. Grund für das häufige Weiterleiten von Kettenbriefen ist sicher auch eine gewisse Langeweile, die sich auf Whatsapp breitmacht. Die Kinder und Jugendlichen chatten und plaudern darin zwar unglaublich viel, doch sagen sie sich inhaltlich meist nichts Substanzielles. Ein solcher Kettenbrief kann eine dankbare Abwechslung sein. Es passiert etwas.

Sind Kettenbriefe eine neue Art von Cybermobbing? Nein, bei einem Mobbing gibt es viele Täter und bloss wenige Opfer. Bei einem Kettenbrief sind alle gleichermassen davon betroffen. Ausser natürlich, eine Gruppe beschliesst, Kettenbriefe gezielt immer nur an eine Person zu senden. Dann ist es eine Form von Cybermobbing.

Wie sollen Eltern ihre Kinder im Umgang mit bizarren Nachrichten unterstützen? Indem sie sie bei der Nutzung von Whatsapp begleiten. Sie sollen sich für die Aktivitäten des Kindes interessieren, auch im Netz. Wendet sich das Kind mit einer verstörenden Whatsapp-Nachricht an die Eltern, sollen sie darüber reden. Kinder lernen so, sich im Netz zu bewegen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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