Dr. phil. Abstellgleis

Hintergrund

Der Verteilkampf um die akademischen Honigtöpfe – die Professuren also – ist brutal. Selbst für den Rektor der Uni Zürich, Professor Andreas Fischer, täte eine Veränderung des Systems not.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Reicht das Gehalt eines Professors, damit er seinen Lebensunterhalt «angemessen» bestreiten kann? Diese Frage beschäftigte letzte Woche ernsthaft die deutschen Gerichte (man entschied sich schliesslich für leichte Nachbesserungen). In einem Nebensatz ihrer Urteilsbegründung warfen die Richter ein Schlaglicht auf das eigentliche Hochschul-Drama, das sich unterhalb der Professurstelle, im sogenannten Mittelbau, abspielt: Die für eine Professur notwendigen Qualifikationen würden von einem Wissenschaftler «typischerweise nicht vor dem 35., oft erst um das 40. Lebensjahr herum erreicht».

Das akademische Nadelöhr

Die akademische Karriere – zumal jene innerhalb der grössten Fakultät, der philosophisch-historischen – gleicht einem Marathon, dessen Rennstrecke auf dem letzten Kilometer plötzlich zu einem Nadelöhr verengt wird. Wer nach Abschluss des Studiums auf eine Professur hinarbeitet, peilt während drei Jahren das Doktorat an, dann folgen ein paar Jahre in der universitären Lehre, dann die Habilitation, die zirka weitere vier Jahre in Anspruch nimmt und dann, irgendwann: das besagte Nadelöhr zur Professur, die einzige sichere Stelle im Universitätsbetrieb. Fachkompetenz ist bloss ein Faktor unter vielen und wird als selbstverständlich vorausgesetzt.

«Ich habe mich enorm gefreut, als ich meine Professurstelle erhalten habe», sagt auch Andreas Fischer, seit 1985 Professor für Englische Philologie und derzeit Rektor der Uni Zürich.

Auf Gedeih und Verderben

Erst mit der unbefristeten und zumeist gut dotierten Professur kann sich ein Wissenschaftler seiner akademischen Existenz sicher sein. Der Mittelbau dagegen – Doktoranden, Assistenten, Privatdozenten – arbeitet in einem prekären Zwischenstadium nach dem Prinzip Hoffnung. Er ist auf Gedeih und Verderben von der Gunst der vorgesetzten Professoren abhängig. Deren Meinungen und Vorlieben, deren Launen und Marotten entscheiden darüber, ob ihre Zöglinge reüssieren können, dürfen oder nicht.

Die Uni-Hierarchie gemahnt dabei ans mittelalterliche Feudalwesen, der Professor – mehr oder minder willkürlich waltend – als Lehnsherr, seine Assistenten und Hilfsassistenten als eifrig zudienende Vasallen. Diese Einschätzung sei ihm natürlich bekannt, meint Rektor Fischer, er teile sie aber keineswegs. «Ich persönlich und viele Kollegen haben ganz andere Erfahrungen gemacht. Die Beziehung zum Professor kann auch eine sehr vertrauensvolle, freundschaftliche sein.»

Weiter verkompliziert wird die Lage der Nachwuchswissenschaftler noch durch den Umstand, dass die meisten Professoren selbst seit Studiumsabschluss voll und ganz damit beschäftigt waren, die Stufen zum akademischen Top-Job zu erklimmen und folglich keinerlei Führungserfahrung für ihre verantwortungsvolle Aufgabe mitbringen. Hier versuche man, mit Kursen Abhilfe zu schaffen, erklärt Rektor Fischer.

Mit 40 vor dem Nichts

Um eine unbefristete Anstellung an einem geistes- oder sozialwissenschaftlichen Institut zu erlangen, resümiert eine vom Staatssekretariat für Bildung und Forschung finanzierte Studie («Zur Lage des akademischen Mittelbaus», 2009, siehe Link), müsse sich ein Wissenschaftler künftig einer noch grösseren Mitbewerberzahl stellen. An der Uni Zürich bewerben sich schon heute bis zu 100 Kandidaten um eine Professur.

«Ich rate jedem, der eine akademische Karriere anstrebt, möglichst zügig zu doktorieren», sagt Rektor Fischer. Mit etwa 30 sollte man promoviert, mit 35 habilitiert sein, empfiehlt Fischer. Dies nicht zuletzt, weil die Entlöhnung auf Doktorandenstellen nicht fürstlich sei. Das ginge jedoch in Ordnung: «Wer promoviert, hat keinen Beruf, sondern ist in Ausbildung.»

So kommt es, dass nicht wenige Wissenschaftler (zumal Geisteswissenschaftler), die auf die Uni-Karriere gesetzt haben, mit 40, 45 Jahren vor dem Aus stehen, ja nicht einmal einen eigentlichen Beruf vorweisen können. Auf jeden erfolgreichen Professor kommen mehrere solche definitiv gescheiterte Bewerber, über die in den Medien und in den Hochglanzprospekten der Universitäten kaum ein Wort verloren wird.

«Ich kenne natürlich auch einige solche Fälle, die entgegen ihren eigenen Karriereplänen nicht Professor oder Professorin geworden sind», gibt Rektor Fischer zu. Doch gäbe es für diese Forscher auf dem Abstellgleis anderweitige Alternativen: «Wenn man flexibel ist, gibt es viele Berufe ausserhalb der Universität, für die eine gute akademische Qualifikation wichtig ist. Manche lassen sich auch mit einer (Neben-)Tätigkeit als Privatdozent oder Titularprofessorin verbinden.» Anders ausgedrückt: Entweder suchen sich die Verschmähten in der Privatwirtschaft einen ganz neuen Beruf (was schwierig ist), oder sie bescheiden sich mit einem Leben als Privatdozent. Privatdozenten, das sind jene eher karg besoldeten Lehrkräfte, die sich von Semester zu Semester, von Temporärstelle zu Temporärstelle hangeln müssen – bis zur Pensionierung.

«Auch wenn die Luft nach oben dünner wird...»

Die erwähnte SBF-Studie regt an, «alternative, attraktive Stellenmodelle» unterhalb der Professur zu schaffen, um der bisherigen «starken Einengung auf eine Spitzenfunktion» entgegenzuwirken. Auch Fischer erscheint der Ist-Zustand unbefriedigend, er möchte aber nicht den Mittelbau, sondern die Professuren ausbauen.

«Ich würde es begrüssen, wenn Mittel umgelagert würden, Mittelbaustellen tendenziell abgebaut und dafür mehr Professuren geschaffen würden», sagt Fischer. Sein Vorbild sei diesbezüglich das angelsächsische Universitätssystem.

Fischers Vorschlag würde das problematische akademische Nadelöhr also nicht abschaffen, sondern in der Uni-Hierarchie nach unten verschieben. Ob der wissenschaftlichen Forschung damit gedient wäre, erscheint zwar fragwürdig – aber immerhin könnte so der Gefahr der akademischen Prekarisierung, dem Schicksal des Taxi fahrenden Philosophie-Doktors, entgegengewirkt werden.

So oder so, für Rektor Fischer bleibt eins, für ihn weiterhin das Wichtigste, gleich: «Das Schaffen neuer Erkenntnisse ist etwas vom Schönsten, was man sich vorstellen kann – auch wenn die akademische Karriere einen langen und beschwerlichen Weg darstellt und die Luft nach oben dünner wird.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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