«Dieser Satz ist ein Zeichen der Schwäche»

In zwei Fällen wollten Männer einer bedrängten Frau helfen – und wurden verprügelt. Ex-Kommissar und Konflikt-Coach Ralf Bongartz über richtige und falsche Zivilcourage.

«Viele Täter haben als Kinder selbst Gewalt erfahren und sind Meister darin, Schwäche wahrzunehmen»: Wenn man schon rangeht, sollte man also selbstbewusst auftreten. Foto: iStock

«Viele Täter haben als Kinder selbst Gewalt erfahren und sind Meister darin, Schwäche wahrzunehmen»: Wenn man schon rangeht, sollte man also selbstbewusst auftreten. Foto: iStock

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Einer der verprügelten Männer hatte das Opfer gefragt, ob alles in Ordnung sei. Was hat er falsch gemacht?
Wenn man bei einer Tätergruppe allein einschreitet, ist das die schwierigste Situation überhaupt, und sie erfordert viel Geschick. Besser zwei, drei Leute suchen und ein strategisches Gegengewicht schaffen. Dann aus der Distanz Lärm machen.

Was für Lärm?
Laut rufen: «Stopp, lasst die Frau in Ruhe, sonst rufen wir sofort die Polizei!» Und wenn man schon rangeht, sollte man selbstbewusst auftreten: «Was ist denn los, dass ihr so wütend seid auf die Frau?» Der Satz «Alles in Ordnung?» ist für Täter, die bereits Gewalt anwenden, ein Zeichen der Schwäche. Sie wissen ja, dass dies nicht in Ordnung ist.

Wie reagiert man, wenn im Zug jemand von einer aggressiven Gruppe angepöbelt wird?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, je nach Gefährdungsgrad: Aufstehen und laut werden ist eine. Man kann das Opfer aber auch fragen, ob es Beistand braucht, es zu sich rufen oder aus der Situation herausholen. Bei schwerer Gewaltanwendung die Notbremse ziehen. Und wenn man aus Angst nichts unternimmt, wenigstens genau beobachten und einen Notruf absetzen, soweit das möglich ist. Auch wenn nichts unternommen wird, kann man sich nach einem Übergriff immer noch um das Opfer kümmern und als Zeuge zur Verfügung stehen.

Sollte man die Täter mit dem Handy filmen?
Nur wenn die Machtbalance stimmt. Sonst riskiert man, dass die Täter auf einen losgehen. Allein sollte dies nur aus Distanz geschehen und wenn es einen Fluchtweg gibt.

Wie und wann greift man bei einem eskalierenden Pärchenstreit ein?
Pärchenstreit ist heikel, weil man die Situation vollkommen falsch einschätzen kann. Daher unterscheiden wir drei Stufen: Zuerst stehen bleiben und hinsehen. Falls möglich jemand anderes ansprechen, ein Team bilden und aus fünf bis sechs Metern Distanz fragen, ob alles in Ordnung sei. Wenn aggressive Einschüchterung stattfindet – Stufe 2 – laut «Stopp» oder «Hey» rufen und fragen, ob die Frau Hilfe braucht. Wenn sie bejaht, den Mann mit kraftvoller Stimme auffordern, die Frau in Ruhe zu lassen: «Gehen Sie! Die Leute da drüben haben die Polizei schon gerufen!» Stufe 3 ist körperliche Gewalt – da gilt es, ausserhalb der Schlag- und Stichdistanz klare Befehle zu rufen und die Polizei zu verständigen. Auf keinen Fall zu nah herangehen. Es sei denn, man ist selbstsicher oder in Kampfsport ausgebildet und dem Täter klar überlegen. Doch selbst dann besteht die Gefahr, dass er ein Messer zückt.

Haben Frauen, die sich einmischen, eine grössere Wirkung auf Pöbler?
Es ist so, dass Frauen schneller eingreifen als Männer, und sie haben in der Regel eine stärkere deeskalative Wirkung, weil Männer Frauen gegenüber eine «Beisshemmung» haben. Sie sehen sie weniger als Gegner, sondern eher als moralische Instanz. Dennoch hängt es davon ab, wie emotional der Täter ist und aus welchem Milieu er kommt. Es kommt dann darauf an, was eine Frau sagt. Die junge Tugçe, deren Fall international Aufsehen erregte, starb durch den Schlag des Täters und einen unglücklichen Sturz. Sie war so wütend, dass sie den Täter, der offenbar mehrere Frauen belästigt hatte, mehrfach beleidigte. Ihr Eingreifen war mutig, leider auch falsch. Man sollte Täter weder beleidigen noch schlagen. Später stellte sich heraus, dass mindestens eine der drangsalierten Frauen die Belästigung als «nicht bedrohlich» empfand. Jedenfalls sagte sie dies vor Gericht aus.

Wie effektiv ist es, etwas Überraschendes zu tun?
Das ist eine gute Möglichkeit, weil man sich nicht zum neuen Feindbild des Täters macht. In einem Fall fuhr eine alte Frau mit dem Rollator in eine gewaltsame Auseinandersetzung rein und tat so, als würde sie nichts verstehen. So hat sie die Situation erfolgreich beruhigt. Jemand anderes täuschte einen epileptischen Anfall vor. Allerdings hält die Verwirrung nur wenige Sekunden an, während dieser Zeit muss das Opfer sich aus dem Staub machen.

Wie reagiert man als Opfer in einer Auseinandersetzung? Etwa wenn man im Zug allein fährt und grob angepöbelt wird?
Nur nicht sitzen bleiben und wegschauen. «Unsichtbar machen» funktioniert nicht, im Gegenteil. Viele Täter haben als Kinder selbst Gewalt erfahren und sind Meister darin, Schwäche wahrzunehmen. Man sollte aufstehen und sich zu einer Gruppe setzen. Wenn ich trotzdem eingekesselt werde, laut werden, klare Ansagen machen oder sogar ausrasten: «Lassen Sie mich in Ruhe. Fassen Sie mich nicht an!» Dann blitzartig aufstehen und gezielt flüchten.

Wie reagiert man, wenn eine bedrohlich aussehende Gruppe in Sicht ist?
Natürlich ist meiden stets die beste Option. Einen Bogen um die Gruppe machen. Wenn man aber bereits im Fokus ist, sollte man die Provokation selbstbewusst ignorieren: Hinschauen, vorbeigehen, die Gruppe im Blickwinkel haben. Wenn man trotzdem angepöbelt wird, Täter anschauen und sagen: «Was ist los, was wollen Sie von mir?», und nach einer Antwort sagen: «Lassen Sie mich in Ruhe, ich kenne Sie nicht.» Täter sind keine Monster. Wenn man stark und sicher auftritt, ziehen sie sich meist zurück. Wenn nicht, muss man Hilfe bei anderen suchen.

Welche Täter sind besonders gefährlich?
Überzeugungstäter wie Amokläufer, Linksradikale oder Rechtsradikale mit einem festen Glaubenskodex. Da hilft nur, sich schnell in Sicherheit zu bringen. Sonst unterscheide ich zwischen den unsicheren Tätertypen und den Machtbeanspruchern, die selbstbewusst auftreten. Beide sollte man selbstsicher ansprechen. Bei einem Überfall mit einer Waffe muss man aber unbedingt kooperieren, dem Täter geben, was er will, und gleichzeitig schnell aus der Situation gehen. Ist bei einem Überfall keine Waffe im Spiel, kann man es wiederum mit Lautwerden und Weglaufen probieren.

Wie ist bei ungewollter Anmache zu reagieren?
Bei einer verbalen Provokation aus der Mitteldistanz oder von fern sollte man die Anmache einfach ignorieren. Von nahem sollte mit bestimmter Stimme Einhalt geboten werden. Bloss nicht freundlich sein in der Hoffnung, dass der Aggressor so zur Vernunft kommt. Wird eine Frau betatscht, empfiehlt es sich, den Täter anzubrüllen oder sich körperlich zur Wehr zu setzen. Es gibt Spezialtrainings wie Krav Maga oder Street Combat, die Frauen beibringen, in diesen Situationen Vollgas zu geben. In 75 Prozent der Fälle hört der Täter sofort auf, wenn sich eine Frau wehrt. Hilflosigkeit signalisiert ihm, dass er weitermachen kann.

Wie reagiert eine Frau bei einem Massenübergriff am besten?
Dann sind die Optionen leider beschränkt, das haben wir in der Kölner Silvesternacht erleben müssen. Die einzige Strategie, die in einer solchen Situation funktionieren könnte, ist, sich an einen schwachen Mitläufer der Gruppe zu richten: «Du hast doch auch eine Schwester oder Mutter! Ihr würdest du auch helfen! Du bist doch ein Mann!» Die Frau sollte aber ja nicht das angreifende Alphamännchen zu schlagen versuchen, weil die anderen Männer dies als Einladung verstehen könnten, auch handgreiflich zu werden.

Wie stehts um die Zivilcourage im öffentlichen Raum, hat sie zu- oder abgenommen?
Zivilcourage ist nach wie vor vorhanden, ausser bei massiver körperlicher Gewalt. Da trauen sich die wenigsten einzugreifen: zu Recht. Den Begriff Zivilcourage empfinde ich sowieso als suboptimal. Er vermittelt, dass man überall und stets beherzt reingehen soll, was dazu führt, dass die Leute sich zu schnell direkt in eine eskalierende Situation begeben – statt zuerst hinzusehen und aus Distanz Alarm zu schlagen oder in Stufen vorzugehen und immer auch an die Eigensicherung zu denken.

Und doch kennen wir alle die Situation, dass ein ganzes Tram wegsieht, wenn es zu einer Pöbelei kommt. Wieso handeln die Leute nicht, aus Angst oder Gleichgültigkeit?
Erstens fehlt den Leuten ein Plan oder das Wissen, was sie tun sollten. Zweitens ist da die Unsicherheit, etwas Falsches zu tun. Und natürlich haben viele auch Angst um sich selbst, zumal bei sehr aggressiven Tätern. Vor allem aber spielt der sogenannte Bystander-Effekt eine Rolle. Mit jeder Person, die im Tram sitzt, reduziert sich die Hilfsbereitschaft des Einzelnen um 50 Prozent. Jeder denkt, dass ein anderer näher dran sitzt oder stärker ist; man sagt sich: «Wenn der nichts tut, muss ich auch nichts tun.» Die gute Nachricht: Wissen die Leute einmal um diesen Bystander-Effekt, handeln sie in der Regel eher. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 31.10.2018, 09:36 Uhr

Ralf Bongartz
Der 56-Jährige war in Deutschland Kriminalhauptkommissar für Sexualstraftaten, Tötungsdelikte und rechtsextremistische Kriminalität. Danach liess er sich zum Schauspieler ausbilden und stand 13 Jahre lang auf der Bühne. Heute berät er als Trainer für Konfliktmanagement Schulen, Behörden und die Polizei. Er ist Autor des Buchs «Nutze deine Angst – wie wir in Gewaltsituationen richtig reagieren». (red)

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