Die mühsamen Seiten des Pendelns

Meinung

Nicht die Körperhaltung von Männern in öffentlichen Verkehrsmitteln nervt. Es sind ganz andere Dinge, mit denen Pendler kämpfen.

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Gabriela Braun@tagesanzeiger

Es gibt in der Tat Menschen, die sich in Zug, Bus, Tram oder Flugzeug hinfläzen, als ob sie sich auf ihrem XXL-Lounge-Sofa daheim befänden. Sie hängen im Sitz, machen die Beine breit und fahren ihre Arme aus. Genauso wie der englische Schauspieler Richard Madden («Game of Thrones»), der in der Londoner U-Bahn in solch einer Lümmelhaltung fotografiert wurde.

Eine Journalistin der englischen Wochenzeitung «The Observer» regte sich fürchterlich über ebendiese Pose auf, denn sie sei typisch für männliches Verhalten – und störe insbesondere im öffentlichen Verkehr. Auch Männer sollten sich zusammennehmen können und sich nicht derart grossräumig ausbreiten, schreibt sie. Der Artikel löste zahlreiche Reaktionen aus. Bernerzeitung.ch/Newsnetz berichtete darüber.In den Kommentarspalten verteidigten viele Männer ihre Geschlechtsgenossen mit dem Argument, dass wenn man etwas zwischen den Beinen habe, man diese eben schlecht übereinanderschlagen könne.

Ich verstehe den Ärger der englischen Journalistin jedoch durchaus. Auch ich begegne in meinen täglichen Zugfahrten immer wieder Männern, die sich scheinbar extrabreit hinsetzen. Das kann nerven, besonders wenn der morgendliche Halb-acht-Uhr-Zug wie immer rappelvoll ist. Der Platz im Abteil ist eng genug. Egoistische Breitmacher haben gerade noch gefehlt.

Allerdings übertreibt die gute Frau mit ihrer Schimpftirade über die ach so ungebührlichen Männer doch etwas. Erstens beobachte ich dieses von ihr beschriebene männliche Verhalten selten. Zweitens benehmen sich hauptsächlich halbstarke Teenager so. Sie wollen auf diese Weise auffallen, sich abgrenzen, ihr Gebiet markieren und sicher auch provozieren – doch das ist für Jugendliche durchaus normal und irgendwie auch in Ordnung. Weshalb sich also aufregen? Man war doch hoffentlich selber einmal jung. Ja, und drittens kann man solchen Männern und Frauen schlicht aus dem Weg gehen. Die meisten Reisenden machen das von selbst, denn es gibt in der Tat Schöneres, als dass man verkrampft fremden Oberschenkeln ausweichen muss.

Rotz, Nägel und Pommes

Viel mühsamer finde ich deshalb jene Menschen, die im Zehnsekundentakt ihren Rotz hochziehen. Die alle an ihren ausgedehnten – und laut geführten – Telefongesprächen teilhaben lassen. Oder die sogleich zwei bis drei Plätze besetzen, um sich mit Laptop und Unterlagen auszubreiten. Aber auch die Frauen, die ihr morgendliches Schminkprozedere auf den Morgenzug legen und sich noch die Nägel feilen, sind unmöglich. Wie auch jene, die abends ihre nach Fritteuse stinkenden Pommes im Zug futtern. Nicht dass Letztere zu viel Platz einnehmen würden, sondern einfach, weil der Zug für solche Tätigkeiten nicht der angebrachte Ort ist. Das sollen sie zu Hause tun.

Die meisten Menschen wissen aber gottlob, wie sie sich und den anderen eine einigermassen angenehme Fahrt bescheren. Man schafft Platz, wenn man sieht, dass sich jemand neben einen setzen will. Man nimmt Rücksicht aufeinander. Das tun die meisten Frauen und Männer. Als geradezu rührend empfinde ich die zahlreichen Männer, die – ob grossgewachsen, dick oder kräftig – sich sichtlich Mühe geben, nicht allzu viel Platz einzunehmen. Sie halten ihre Beine parallel und schmal zueinander und lassen ihre breiten Schultern raumsparend nach vorne fallen. Ob dieses Verhalten im Vergleich mit England anders ist, kann ich schlecht beurteilen. Dafür kenne ich die Pendlergepflogenheiten von Männern in England zu wenig. Ich wage jedoch zu behaupten, dass die Aufregung um das männliche Breitmachen vor allem mit der eigenen Sichtweise zu tun hat. Ob man sich über einzelne negative Beispiele ärgern will oder sich über das rücksichtsvolle Verhalten vieler anderer freut, ist Einstellungssache.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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