«Die meisten gehen davon aus, dass der Staat sie schützt»

Nächste Woche beginnen die Europäischen Trendtage – «Big Data» heisst das Thema. Was darunter zu verstehen ist und warum sich ein Verzicht auf Privatsphäre lohnen kann, sagt der Trendforscher Peter Wippermann.

«Statistiker werden die Popstars der Zukunft sein»: Trendforscher Peter Wippermann.

«Statistiker werden die Popstars der Zukunft sein»: Trendforscher Peter Wippermann.

Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Wir Menschen hinterlassen überall im Netz Daten, die uns dann erklären, wer wir sind. Sind wir tatsächlich so einfach gestrickt? Nein, natürlich nicht. Aber man muss sehen, dass es viel mehr Daten gibt, als wir uns jemals haben erträumen lassen. Das Überraschende ist, dass ein Drittel der gesamten Daten, die weltweit erzeugt werden, medizinische Daten sind. Durch diese individualisierten Daten können wir viel mehr über uns und unseren Körper erfahren als jemals zuvor. Dieses Quantified Self ist etwas, das bei jüngeren Leuten nicht auf Ablehnung, sondern auf Interesse stösst.

Mit medizinischen Daten meinen Sie wohl kaum ein Röntgenbild? Nein. Es geht bei Quantified Self darum, dass man seine persönlichen medizinischen Daten, egal wer sie erhoben hat, einem Unternehmen anvertraut. So ist beispielsweise eine individuelle Medizin möglich. Das wird sich in wenigen Jahren sehr schnell verbreiten.

Wie funktioniert das konkret? Wenn Sie beispielsweise ein Sportler sind und das Fuel Band von Nike tragen, erhalten Sie körperstatische Daten wie Herzschlag, Blutdruck und alle möglichen Leistungserkenntnisse, die Sie Nike anvertrauen. Es kann durchaus sein, dass Ihre Versicherung ein Interesse daran hat, diese Daten einzuspeisen und zu kalkulieren, ob Sie mehr oder weniger Beiträge zahlen sollen. Die Daten könnten auch mit der Karrieresituation gekoppelt werden. Unternehmen könnten sagen: Sie haben zwar eine sehr gute Ausbildung, aber nach Ihrer DNA ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass Sie den Beruf wahrscheinlich nicht lange ausüben können. Deshalb nehmen wir einen anderen Bewerber.

Was das alles nach sich ziehen kann, können wir uns heute wohl kaum vorstellen. Die meisten gehen davon aus, dass der Staat sie schützt. Technisch gesehen ist das eine Utopie. Die Daten sind im Netz. Man muss wissen, dass schätzungsweise 40 Prozent der Apps illegal Daten weitergeben. Man rechnet damit, dass es in zwei Jahren 14 Milliarden Apps geben wird. Die Datenmenge wird auf jeden Fall zunehmen. Das Spannende wird sein, wie wir damit umgehen werden.

Werden uns die Daten in Zukunft alle Entscheidungen abnehmen, weil sie uns sagen können, was wir tun sollen? Das ist das, was Herr Schmidt von Google angekündigt hat. Google will dem Nutzer Entscheidungshilfen geben, noch bevor er überhaupt eine Frage gestellt hat. Wie bei einem Navigationsgerät, das uns mit vorausschauenden Empfehlungen vor einem Stau bewahrt, was uns sehr sympathisch ist.

Unsympathischer ist es, dass mir jedes Mal, wenn ich eine Website öffne, eine Werbung genau die Art von Schuhen präsentiert, die ich mir am Abend zuvor angeschaut habe. Das löst bei mir eine Trotzreaktion aus, weil ich mich frage: Glauben die, dass ich so einfach durchschaubar bin? Sie haben ja die Optionsfreiheit. Das Unternehmen wäre aber schlecht beraten, Ihnen immer dieselben Schuhe anzupreisen. Bei Amazon beispielsweise erhalten Sie einen Mix aus bekannten und neuen Modellen und kriegen mit der Zeit auch Modelle, die auch im Umfeld Ihrer sozialen Beziehungen akzeptiert sind. Sie setzen Ihre Freunde sozusagen als Biofilter von Daten ein. Man versucht unter dem Stichwort Freunde Bezüge herzustellen. Dadurch filtert man eine ganze Menge von Nachrichten, von Anbietern und von Produkten aus. Man nimmt unterschiedliche unstrukturierte Daten, führt diese zusammen und generiert daraus Orientierungshilfen für den Einzelnen, aber auch für das Unternehmen. Das ist das Kennzeichen von Big Data.

Entgeht einem dann so nicht etwas? Wir müssen ja mit dem wachsenden Datenbestand umgehen. Wenn Sie immer mehr Informationen kriegen über sich und die Welt, würden Sie entweder nur noch mit sich und der Welt beschäftigt sein oder verrückt werden. Wenn Sie die Komplexität herunterbrechen wollen, tun Sie das, was früher auch üblich war. Damals nahm man seine nähere Umgebung zum Massstab, wie man die Welt sieht oder wie man sie auf keinen Fall sehen will. Das ist heute dasselbe, bloss hat man heute eine technische Umwelt und reduziert diese durch Freunde.

Sie sprechen am Europäischen Trendtag am GDI und sagen, «Statistiker seien die Popstars der Zukunft». Wie meinen Sie das? Früher waren die Programmierer die Popstars. Um Programme geht es zwar immer noch. Viel wichtiger ist es jedoch, dass man aus diesen Daten intelligente Fragestellungen baut, um Antworten zu erhalten, mit denen man wieder etwas anfangen kann.

Sind das tatsächlich die Statistiker? Nicht eher Psychologen? Vielleicht sind es sogar mehrere Leute. Aber Statistiker sind diejenigen, die in der Lage sind, die Daten in einen inhaltlichen Kontext zu bringen.

Sehen Sie da eine Missbrauchsgefahr? Es kann alles missbraucht werden. Ich will das weder schönreden noch kritisieren. Es handelt sich einfach um eine veränderte Situation. Es geht darum abzuwägen, was für eine Person oder ein Land sinnvoll ist. Das ist das Entscheidende.

Spielt Zufall eine Rolle bei Big Data? Menschen verhalten sich ja nicht immer vorhersehbar. Das ist der Vorteil der Menschen. Während die Programme geradlinig und berechenbar arbeiten, sind Menschen dies ja im täglichen Leben nicht.

Das würde gegen Big Data sprechen. Am Ende kann man sich ja doch nicht darauf verlassen, was die Statistiken über uns sagen. Ja, weil die Statistiker vielleicht nicht die richtigen Fragen gestellt haben. Deshalb sind sie ja auch so wichtig. Sie sind diejenigen, die die Fragen in die Systeme bringen. Gleichzeitig birgt das auch ein Gefahrenpotenzial. Wenn die Komplexität auf eine Antwort reduziert wird, kann eine Meinung manipuliert werden.

Glauben Sie, dass Big Data in Zukunft uns Menschen verändert? Vielleicht weil man eines Tages gar keine Entscheidungen mehr trifft und sich nur noch auf Daten verlässt oder weil wir uns absichtlich für das Gegenteil entscheiden, also gegen unser natürliches Verhalten? Ich hoffe doch, dass wir uns verändern. Es könnte alles Mögliche passieren. Vielleicht werden wir aber auch ganz einfach erkennen, dass es sehr nützlich sein kann, auf einen Teil unserer Privatsphäre zu verzichten.

Wie das? Wenn man davon ausgeht, dass die Privatsphäre ein geldwerter Vorteil ist und man Dienstleistungen im Netz nutzen kann, ohne dass man dafür mit einer bekannten Währung zahlen muss, sondern mit Privatsphäre. Wenn man das akzeptiert hat, fällt es leichter, darauf zu verzichten. Es wird wohl in Zukunft so sein, dass man sich Dienstleister nimmt, die Teile unserer Privatsphäre verschlüsseln. Somit zahlt man für die Privatsphäre, die früher umsonst war, weil der Staat sie geschützt hat. Das ist uns noch ganz fremd.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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