Die marxistisch-kapitalistische Kebab-Verbrüderung

Glosse

Am 1. Mai haben alle Zürcher frei – und nicht nur die Linken. Für manche ist es gar nicht so einfach, damit umzugehen. Eine Glosse.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

1. Mai 2012, 6.53 Uhr, Ecke Langstrasse/Militärstrasse. Kioskbesitzer und Kebabverkäufer Azad lehnt sich über die Theke, davor steht ein kleiner, verschlafener Roter Falke, ein Spross der sozialistischen Kindergruppe Zürichs also, dessen Eltern froh sind, dass er sich engagiert und nicht auf blödere Ideen kommt. Ein junger Banker kommt hinzu geschlendert, ein Sonnyboy mit Borderline-Tendenzen. Seine Krawatte ist gelockert, das Gesicht stoppelig, auf seiner Hose hats einen Flecken unbekannter Herkunft. Der Banker rülpst.

Banker:*börps* Heyheyhey, ihr zwei! Heute ist doch Ostern, odr?

Roter Falke (mustert ihn ärgerlich, mit pathetischer Stimme): Deine Dekadenz macht mich traurig und wütend. Der 1. Mai ist der einzige Feiertag, der weltweit gefeiert wird – egal welche Hautfarbe, Religion, welches Geschlecht und wie viel Geld du hast. Niemand wird ausgegrenzt. Gut… zu viel Geld darfst du nicht haben. Kapitalisten wie dich brauchen wir am 1. Mai nicht.

B: Oooch...

RF:Motz' nicht. Du solltest dankbar sein, denn das Proletariat schenkt auch dir einen Feiertag.

B (horcht auf):Das heisst, der ganze Tag frei? (klatscht begeistert in die Hände, ruft aus) Ja, geili opportunity! (lacht) Mal zur Abwechslung ein paar low-hanging-fruits hier in der Langstrasse pflücken - I mean, why not, gäu? (seine Miene verfinstert sich plötzlich) Und sowieso, finds ja auch gut, wenn man mal darüber nachdenkt, wie diskrimierend unsere ach so lieb-liberale Gesellschaft doch in Tat und Wahrheit ist (seufzt)... was ich mir alles anhören muss, nur weil ich Staatssubventionen genommen habe, Schwarzgeld über die Grenze schmuggle und jedes Jahr fette Boni abkassiere... (seufzt tief)

RF (unzufrieden):Gotzno? Deine egoistische Reaktion gefällt mir nicht, weil sie imperialistisch ist. Wie kannst du nur so egoistisch sein? Fehlt dir die Gewissensverpflichtung für deine Mitmenschen? Wie kannst du einfach wegschauen? Das macht mich jetzt wirklich noch mehr wütend als traurig.

Azad schaltet sich ein:Aber 1. Mai ist immer auch gutes Geschäft.

B und RF (drehen sich um, einstimmig): Was?

A:Mein Cousin Kerwan sowie seine Söhne Ako und Ari kommen gleich mit VW-Büssli, bringen Olma-Bratwürste aus St. Gallen, verkauf ich alle für 5.50 – fünfzig Rappen billiger als Metzger Künzli vis-à-vis! Ist prima Tag. Doch natürlich gibt es auch Spezialitäten für Ethno-Kinder mit Rasta. Lamm-Döner heisst heute Tike und Dolma...

B (interessiert): Tike und Dolma, you name it!

A: ... das ist mit Reis gefülltes und gut gekochtes Gemüse. Ich mache Umsatz des Jahres! (Aus Azads Hose singt plötzlich Tarkan, oynama sikidim sikidim.... Azad nimmt das Handy ab): Was, Vater will PKK-Flagge aufhängen?! Nein, das geht nicht! Versuche ihm das auszureden! Allah! (verlegen) Ähm, entschuldigt, meine Freunde, der alte Mann macht mich verrückt... Heute verkaufe ich auch viel Soft-Ice, Bier, viel Bier und Zigaretten...

RF (ärgerlich): Aber Azad! Du darfst nicht immer an den Kommerz denken! Du musst Solidarität zeigen am 1. Mai!

A (irritiert): Mit wem?

RF: Mit allen Minderheiten und den Benachteiligten und den Randgruppen. Mit der Arbeiterklasse halt. Und den Chiapas und den politischen Gefangenen in der BRD und den Frauen und allen, die vom System ausgebeutet werden.

A: Bei Allah, kleiner Mensch – das ist ja die ganze Welt?!

RF (stolz):Ja, todo el mundo!

A:Und wie zeigst du denn deine Solidarität?

RF: Ja ich zeig sie halt. Mehr kann ich jetzt im Moment auch nicht tun. Aber im Gegensatz zu euch beiden bin ich wenigstens noch nicht so abgestumpft und schau über den Tellerrand hinaus.

A: Aber auf Tellerrand schauen, gefüllt mit saftigem Döner ist auch gut, oder? Guck, hier hast du meine Visitenkarte plus Membercard: Jeder fünfte Döner ist nur die Hälfte, bei jedem siebten Döner gibts noch ein Bier.

B (anerkennend):Dasch käi Monkey Business!

A zu RF:Du, kleiner Adler, willst Membercard?

RF:Nein! Du enttäuschst mich, Azad! Ausgerechnet Du, als unterdrückter Kurde!

A:Tut mir leid. Wotsch Schläckstängel?

RF: Nein. In der Gelatine ist Tiermehl drin!

(Azad verwirft die Hände, Banker lacht auf)

B (umarmt die beiden im Affekt): Lasst euch knuddeln, ihr Lieblingskommunisten! Azad, hast noch Raki für mich?

A (reicht ihm eine Flasche): Hier, mein kapitalistischer Freund.

(Banker leert sie in einem Zug)

B: So, ich haus' zum Bellevue, bevor ein schwarzer Block auf meinen weissen Porsche plumpst, hehe, Du wäääisch. (lacht laut)

(Banker torkelnd ab)

A:Wotsch Bio-Falafel?

RF: Nein. Ich muss jetzt zum Transpi-Malen.

(Azad seufzt.)

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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