Der Coiffeur der Herzen

Diesen Sommer wird der Dällenbach Kari zum Musicalstar. Berühmt war er schon zu Lebzeiten. Die Geschichte des beliebtesten Berner Stadtoriginals.

Walo Lüönd als «Dällebach Kari»: 1970 im Film von Kurt Früh.

Walo Lüönd als «Dällebach Kari»: 1970 im Film von Kurt Früh. Bild: Praesens Film AG

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Es stinkt nicht! Zum Glück! Denn die Befürchtung, dass es in einer Schaukäserei so riechen könnte wie in einem tagelang nicht gelüfteten Kühlschrank, die ist ja nun nicht so weit hergeholt. Und dabei geht es hier nicht einmal um Käse, sondern um einen Coiffeur, und in einem Coiffeursalon riecht es bekanntlich fein. Es geht um den berühmtesten Coiffeur Berns, den Dällenbach Kari, und dem ist nun eben in der Schaukäserei von Affoltern im Emmental eine kleine Ausstellung gewidmet.

Die Schaukäserei ist aussen schmuck und innen von blendender Ordentlichkeit, und vor dem Restaurant, wo die Besucher fürs Mittagessen Schlange stehen, steht eine Tafel mit der Aufschrift: «Dällebach Kari's Lieblingsgericht – Heissi Burehamme mit Härdöpfelsalat & Sänf». Im Sommer wird der Kari, der 1877 als Karl Tellenbach im emmentalischen Walkringen zur Welt kam und es in der Zukunft mit der Schreibweise seines Namens nicht allzu genau nahm, auf dem Thunersee besungen werden. Er ist dann ein Musicalstar. Über 35'000 Karten sind schon verkauft, denn das Volk will noch einmal durchmachen, was es dank dem Kari immer wieder tut, dank dem Film-Kari (verkörpert von Walo Lüönd) genauer, den Kurt Früh 1970 im «Dällebach Kari» verewigte: Es will noch einmal mit Kari lachen und mit Kari weinen.

Das offene Gesicht

«Es ist nicht das erste Mal, dass einer, der sein ganzes Leben lang gelacht und gescherzt und Frohsinn verbreitet hat, plötzlich still wurde, einsam, vielleicht immer mit sich einsam gewesen war, dass, wenn er lachte, er eigentlich lieber geweint hätte», schrieb das «Berner Tagblatt» am 13. August 1931, genau vierzehn Tage, nachdem sich Kari «himmeltruurig» das Leben genommen hatte. «Himmeltruurig» fand das – gleich zu Beginn des Films von Kurt Früh – der andere grosse Berner, der wie Kari den Witz, die Melancholie und einen Schnauz mit sich herumtrug, der Liedermacher Mani Matter nämlich. Auch er ist nicht mehr, aber so wie Karis Anekdoten, so leben auch Manis Lieder in Berns Gassen ewig weiter. Und Manis unsterblichstes Berner Lied ist gewiss die «Ballade (Dällebach Kari)». Da bluten Berner Herzen.

Seinen Schnauz trug der Dällenbach Kari allerdings nicht wie Mani Matter um der Mode willen, sondern um seine Hasenscharte zu verdecken, mit der er neben einem Wolfsrachen zur Welt gekommen war. Und schaut man sich alte Bilder des echten Kari an, dann sieht man da einen lebenslangen, verwunderten Schmerz in seinen Augen, weil sein Gesicht an zwei Stellen einfach nicht richtig zusammenwachsen wollte. Weil es die nach Tieren benannten Verformungen der Normalität vorzog.

Das «Chräbsli»

Natürlich war es dieses Gesicht, das ihm auch sonst die Normalität entzog, das ihn erst zum Gegenstand des Spottes, dann zum grossen Spötter und Hofnarren von Bern machte. Sein Gesicht – und seine Herkunft. Kari kam als Sohn eines armen Bauern zur Welt, sechs seiner acht Geschwister wurden verdingt. Als er vier Jahre alt war, starb sein Vater, und die Mutter musste den kleinen Hof aufgeben. Er war ein guter Schüler, die Grundschule schloss er ein Jahr früher ab als alle andern, danach lernte er Coiffeur, und 1901 eröffnete er in Bern an der Neuengasse 4 seinen eigenen Salon. An dem Haus, wo er einst wirtschaftete, hängt heute eine Gedenkplakette, anstelle seines Ladens ist Yves Rocher eingemietet. Immer noch ein Ort also, an dem der Schönheit gedient wird.

Dass er sich in die blonde Berner Maturandin und Fabrikantentochter Annemarie verliebte, das war sein Schicksal: Der reiche Vater, der jeden Arbeiter für einen Anarchisten hielt, verbot die Beziehung. Im Film ist es nicht nur die tödliche Krebserkrankung – von Kari liebevoll «Chräbsli» genannt –, sondern auch ein wieder und wieder verpasstes Rendezvous mit der lebenslang geliebten Annemarie, das den Kari verzweifelt in die Aare springen lässt. Den Kari, der seinen Lebtag lang gegen alle wetterte, die nicht wussten, wie es ist, einen Knick im Leben zu haben.

Hübsch und sentimental

In der kleinen, von der Berner Grafikerin Claudine Etter eingerichteten Ausstellung in Affoltern sind Annemarie gleich zwei von sechs Vitrinen mit Karis Lebensstationen gewidmet. Einmal ertönt die pompöse Ballade «Stärn über Bärn» aus dem Musical, während in einem Modell der Stadt langsam alle Lichter gelöscht werden und, aus Sternen geformt, der Name «Annemarie» am Himmel erscheint. Einmal ist es ein aus ihren blonden Haaren geformtes, von innen heraus leuchtendes Herz, dessen zarte Kapillaren von Coiffeurscheren zertrennt werden. Auf den Scherenblättern stehen die bösen Worte von Annemaries Vater.

Es sind hübsche, sentimentale Aperçus, die Claudine Etter im Auftrag der Thuner Seespiele in den ersten Stock der Schaukäserei gebaut hat. In einem anderen Schaukasten regnet es schwarze Buchstaben auf einen Beizentisch hinab, und auf dem weissen Tischtuch formieren sie sich zu Karis berühmtesten Witzen, die in Bern seit seinem Tod gesammelt wurden und zu denen immer neue hinzukamen. Denn der Dällenbach-Witz wurde zu einer Berner Marke, und man konnte ihn auch ohne Kari weiterspinnen. Überliefert soll etwa dieser sein: Kari ist nachts auf dem Heimweg betrunken umgefallen. Zu den beiden Polizisten, die ihn wieder auf die Füsse stellen, sagt er, zwei Italiener hätten ihn zu Fall gebracht. «Welche denn?», fragen die Polizisten. Kari antwortet: «Der Chianti und der Barbera.»

Belege für Karis Existenz

Am schönsten sind in der Ausstellung die Belege von Karis Existenz: sein Eintrag ins Adressbuch der Stadt Bern, sein Spazierstock, auf dem unter einem Edelweiss «Grindelwald» eingraviert ist. Die Kopie des «Berner Tagblatts» vom 13. August 1931, auf dessen Frontseite der Mehrteiler «Stalin, der Rote Diktator», geschrieben «von seinem ehemaligen Privatsekretär Boris Bajanow», prangt, innen drin dann der Nachruf auf den Kari. «Dällenbach war berühmt. Und er wusste von dieser Berühmtheit. Er sah darin aber nur die Verpflichtung, noch schlagfertiger zu sein, noch mehr Witze zu lancieren», steht da. Ein Prominenter also, lange bevor ihn Film und Musical zum Mythos machten.

Eine Kopie seiner «Letztwilligen Verfügung», die er drei Tage vor seinem Tod verfasste, ist auch zu sehen. Unterzeichnet hat er sie mit «Geschrieben in stiller Nacht. Cari Dällenbach». Dazu erklingt sein Lieblingslied, das er genauso sehr liebte wie seine Annemarie: «Wo die Blümlein draussen zittern». Und das würgt einem dann fast das Herz ab.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2010, 21:01 Uhr

Ein Berner Stadtoriginal: Der echte Dällenbach Kari. (Bild: PD)

Die Ausstellung

Die Ausstellung in der Schaukäserei Affoltern ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet. www.showdairy.ch. Das Musical «Dällebach Kari» hat am 17. Juli Premiere.

Am Sonntag, 16. Mai, um 20.05 Uhr, zeigt SF 1 Kurt Frühs «Dällebach Kari».

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