«Das SMS wird verschwinden»

Interview

Das SMS ist 20 Jahre alt. Wie die 160 Zeichen uns verändert haben und wann wir aufpassen müssen, sagt der Unidozent Martin Hermida.

Feiert heute Geburtstag, dürfte jedoch bald verschwinden: Das SMS.

Feiert heute Geburtstag, dürfte jedoch bald verschwinden: Das SMS.

(Bild: Keystone)

Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Ein SMS ist auf 160 Zeichen beschränkt. Hat diese Beschränktheit negative Auswirkungen auf unsere Kommunikation? Nein. Die Telegramme früher waren ja auch nicht länger. Man darf nicht zu sehr schwarzmalen. Um jemandem zu sagen, «ich komme 15 Minuten später» oder «kannst du noch Brot und Milch bringen?», reichen 160 Zeichen.

Das erste SMS wurde vor 20 Jahren verschickt, seit 1995 wird der Dienst auch in der Schweiz genutzt. Welches ist die wichtigste Veränderung, die das SMS gebracht hat? Einerseits ermöglicht das SMS, sich viel einfacher zu koordinieren. Andererseits ist der Wunsch, sich besser zu koordinieren, der Grund, weshalb der SMS-Dienst so stark geworden ist. Die Individualisierung in der Gesellschaft hat zugenommen. Wir bewegen uns heute in mehreren Gruppen, zu denen wir Kontakt haben und die wir koordinieren müssen. Das ist auch bei Kindern und Jugendlichen so.

Ist durch die SMS-Kommunikation etwas verloren gegangen? Nein, im Gegenteil. Wir haben etwas dazugewonnen. Wenn wir alle noch an Festnetzanschlüsse gebunden wären, wäre es schwierig, sich zu koordinieren.

Aber früher klappte das ja auch ohne SMS. Bildet man sich nicht bloss ein, dass die Koordination anders nicht möglich oder viel schwieriger wäre? Nein, denn die Gesellschaft hat sich verändert. Gleichzeitig darf man nicht zu unkritisch sein. Man muss den richtigen Umgang mit dem Handy noch lernen, weil die Technologie noch sehr neu ist und auch sehr schnell aufgekommen ist.

Jährlich werden mehr und mehr SMS verschickt. Wird zu viel kommuniziert? Es kommt darauf an. Bei Erwachsenen besteht dieses Problem weniger. Bei ihnen geht es auch darum, per SMS den zwischenmenschlichen Kontakt zu ihrem Umfeld aufrechtzuerhalten und so die Zeit zu überbrücken, in der man sich nicht sieht. Man kann mit SMS auch seine Stimmung regulieren. Kurz vor einem Vorstellungsgespräch kann es sehr angenehm sein, seiner Liebsten zur Beruhigung ein SMS zu schicken. So kann Kommunikation eine sehr gute Funktion haben und den Alltag erleichtern. Das Problem ist eher die ständige Erreichbarkeit. Vor allem Kinder und Jugendliche haben Angst, etwas zu verpassen. Ihnen muss man beibringen, verantwortungsbewusst mit dem Handy umzugehen und einen Strich unter die ewige Verfügbarkeit zu ziehen.

Wie? Das Telefon ausschalten. Es gibt keine andere Möglichkeit.

Im Unterschied zu einem Telefonanruf muss man ein SMS nicht direkt beantworten. Ist ein SMS inzwischen höflicher, weil man das Gegenüber weniger stört? Hier gibt es einen Generationenunterschied. Jüngere Leute schreiben lieber ein SMS, statt zu telefonieren. Für ältere Leute dagegen wird ein SMS eher als unhöflich empfunden.

Wie kommt es, dass junge Leute heutzutage lieber schriftlich kommunizieren? Weil sie sich das von klein auf gewöhnt sind. Es ist eine Frage der Sozialisation. Andererseits ist es bei Jüngeren so, dass sich ihr Freundeskreise erst noch bilden muss und sie ihr soziales Umfeld frisch aufbauen. Sie müssen mehr koordinieren als Erwachsene. Die Kommunikation per SMS ist da einfacher.

Verändert es etwas, wenn man nur noch schriftlich kommuniziert? Es kommt drauf an, wofür man die schriftliche Kommunikation benötigt. In seiner Funktion ersetzt ein SMS die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht ja nicht. Im Gegenteil. Ein SMS hilft, eine Begegnung zu organisieren.

Sie sagen, dass das SMS eine wichtige Funktion in zwischenmenschlichen Beziehungen hat. Aber genau dort sind Missverständnisse programmiert. Klar fehlt ein Teil der Kommunikation. Man sieht den Gesichtsausdruck der anderen Person nicht, oder es ist schwierig herauszufinden, ob sie etwas sarkastisch gemeint hat oder nicht. Dieses Problem versucht man mit den Smileys zu entschärfen. Andererseits führt die SMS-Kommunikation ja meistens auf ein Treffen in der realen Welt hin.

Bei Jugendlichen sieht es aber oft eher danach aus, als würde sich ihre Kommunikation hauptsächlich aufs Handy beschränken, selbst wenn ihre Kollegen daneben sitzen. Genau hier stellt sich die Frage nach dem Moment, das Handy auszuschalten und wegzulegen. Das ist etwas, das man besonders jüngeren Leuten beibringen muss.

Sie als Kommunikationsexperte glauben nicht, dass die zwischenmenschliche Kommunikation durch die Schriftlichkeit und Verkürztheit verkümmert? Überhaupt nicht. Man muss auch sehen, dass wir dank SMS heute viel mehr schreiben als früher. Heute schreiben auch Leute, die früher keinen Grund hatten, schriftlich zu kommunizieren. Das ist ein Punkt, der in der eher negativen Betrachtung oft vergessen geht.

Die Schreibkompetenz steigt also? Man darf es nicht überbewerten. Es handelt sich ja um kurze, zwischenmenschliche Nachrichten, die auch formal nicht auf demselben Niveau sind wie ein geschäftlicher Brief.

Abgesehen von den Smileys, die sich inzwischen auch grafisch darstellen lassen, gibt es bei den SMS eine eigene Sprache von Abkürzungen. Werden ältere Generationen dadurch nicht ausgeschlossen? Dieses Phänomen hält sich in Grenzen. Wenn man weiss, was lG heisst oder lol, hat man die wichtigsten Begriffe. Zudem ist es in Ordnung, dass Jugendliche Abkürzungen haben, die nur sie kennen. Für ihre eigene Identitätsbildung und für die Gruppenidentität ist das völlig okay.

SMS haben es durch Gratisdienste wie Whatsapp schwierig. Wird das SMS verschwinden? Ich denke, dass der Dienst verschwinden wird, also das SMS an sich. Die Nutzung wird aber gleich bleiben. Bei Whatsapp sind im Gegensatz zum SMS auch Gruppenchats möglich. Es scheint mir, dass die Dinge, die in solchen Gruppenchats ausgemacht werden, eher weniger verbindlich sind, als wenn man mit einer einzelnen Person direkt kommuniziert.

Dadurch, dass Whatsapp kostenlos ist, kann man viel mehr schreiben. Statt sich auf 160 Zeichen zu beschränken, kann ein Dialog entstehen. Inzwischen sind vermehrt auch SMS gratis, weil viele Anbieter eine Flatrate anbieten. Allerdings ist bei Smartphones der Verlauf einer Unterhaltung sichtbar. Deshalb wird die SMS-Kommunikation heute mehr als Unterhaltung angesehen. Aber dennoch wird das SMS auch in Zukunft vor allem dazu verwendet, die zwischenmenschliche Beziehung aufrechtzuerhalten – aber im Hinblick darauf, sich tatsächlich zu treffen. Sonst würde die Kommunikation per SMS nichts mehr wert sein.

Wie hat das SMS Sie verändert? Kommunizieren Sie lieber schriftlich oder mündlich? Hat das SMS die Dinge erleichtert oder erschwert? Welche SMS-Erlebnisse haben Sie? Kommentare bitte unten eintragen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt