Besser als ein Kuss

Das Sonohr-Radio- und Podcast-Festival hat sich in Bern als Festival für die ­Ohren etabliert. Aber funk­tioniert es auch für die breite Masse? Ja, besonders dann, wenn Geschichten aus dem Leben erzählt werden.

Live-Doku: This Wachter (Mitte) im Kino Rex in Bern.

Live-Doku: This Wachter (Mitte) im Kino Rex in Bern.

(Bild: Iris Andermatt)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Eines Morgens prangte ein Schriftzug an der Schulhauswand: «nur ein kuss» stand da. Meterhoch, etwas dilettantisch hingeschmiert. Man schrieb das Jahr 1987, die Kantonsschule Wetzikon im Zürcher Oberland war eben renoviert worden.

Bis heute ranken sich die wildesten Gerüchte um dieses Graffito, die Täterschaft wurde nie ausfindig gemacht. Und der Schriftzug wurde mit der Zeit zum Wahrzeichen der Schule. This Wachter besuchte damals eben jene Schule. In seiner Live-Audio-Doku «Kuss am Bau» rollt er die Entstehungsgeschichte des Schriftzugs noch einmal auf.

Schon nur die Idee ist packend: einen legendenumrankten Spruch zum Inhalt einer Dokumentation zu machen. Doch mit so viel Interesse hätten wohl weder der frühere Radiomann Wachter noch die Organisatoren des Sonohr-Festivals gerechnet.

Während das Festival ansonsten zwar gut besucht, aber nicht überrannt ist, platzt der grosse Saal des Berner Kinos Rex an diesem Samstagabend aus allen Nähten. Jeder Sessel ist besetzt, dicht gedrängt stehen die Leute auf beiden Seiten des Kinosaals.

Sie alle wollen diese für die Schweiz neue Form erleben, eine Audiodoku, die live fürs Publikum aufgeführt wird, mit Sprecher Wachter, mit Einspielungen, mit Musik (Martin Bezzola), mit Visuals (Manuel Schüpfer).

Putzfrau erwischt Liebespaar

In rotem Hemd sitzt This Wachter da. Mal erzählt er, mal blendet er Stimmen von Interviewten ein. Den heutigen Schulleiter, den ehemaligen Zeichnungslehrer, «der Schriftzug war mit einer Schablone gemacht, überhaupt nicht könnermässig, und beim letzten S ging die Farbe aus».

Man erfährt, dass es an der Schule später eine Abstimmung gab: Soll man das Efeu über den Schriftzug wachsen lassen? Oder soll man es zurückschneiden? Lachen im Kino Rex. Immer tiefer taucht Wachter in die Vergangenheit ein, immer widersprüchlicher werden die Erzählungen derjenigen, die damals dabei waren.

Vor dem Vandalenakt soll eine Putzfrau ein Schülerpärchen bei unsittlichem Benehmen erwischt haben, die beiden seien vor die Schulleitung zitiert worden. Der Schriftzug sei die Reaktion darauf. Davon ist sogar die damals involvierte Schülerin überzeugt. Und was war mit dem strengen Regierungsrat, der die Schule einweihen sollte? Eines wird bei dieser äusserst unterhaltsamen Präsentation klar: Das Gedächtnis färbt Erinnerungen nach eigenem Gutdünken.

Gerne taucht das Publikum mit Wachter in diese Legenden ein, folgt den reduzierten Visuals, die glücklicherweise den Schriftzug nie zeigen. Jeder kann sich selber ein Bild machen. Und dann findet This Wachter die Täter doch noch. Aber weil er die Legenden rund um ihren Vandalenakt nicht zerstören will, hat er ihnen versprochen, «Kuss am Bau» nur am Sonohr aufzuführen, einmalig.

Schade für alle, die es verpasst haben. Denn This Wachter, der sich in den USA vertieft mit den neuen Audioformen auseinandergesetzt hat, beweist, dass diese auch im deutschsprachigen Raum funktionieren. «Kuss am Bau» ist emotional, aus dem Leben gegriffen, süchtig machend. Wachter spielt gekonnt mit Fakten und Fiktionen, ohne unglaubwürdig zu werden. Gäbe es nur mehr davon!

Berner Zeitung

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