Acht Punkte, an denen die SBB nachpolieren müssen

Die SBB haben den Preis für die beste Bahn Europas abgeräumt. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Die SBB wurden zum besten Bahnbetreiber Europas gekürt. Doch Reisende wurden nicht befragt. Bild: Keystone

Die SBB wurden zum besten Bahnbetreiber Europas gekürt. Doch Reisende wurden nicht befragt. Bild: Keystone

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Letzte Woche gab der britische Online-Buchungsdienst Loco2 den Sieger des «Great Train Comparison Report» bekannt: die SBB.

Doch lediglich die Zuggesellschaften beantworteten Fragen zu Annehmlichkeiten, welche Reisenden zur Verfügung stehen. Reisende selbst wurden nicht befragt.

Kein Problem. Ich stelle mich gerne zur Verfügung. Als ehemalige GA- und wenigstens noch Halbtax-Besitzerin habe ich viele Tausend Kilometer in den Wagen der SBB zurückgelegt und mich oft mit den Plus- und Minuspunkten unserer Bundesbahnen auseinandergesetzt. Hier acht verbesserungswürdige Punkte:

1. Vergessliche bezahlen doppelt

Man vergisst das Abo. Kann passieren. Doch die SBB verlangen dafür fünf Franken, auch wenn man sich über die App als Swisspass-Besitzer mit Kundennummer ausweisen kann. Kundenbindung funktioniert anders, gerade wenn ich ein GA-Besitzer bin, der für sein Abo mehrere Tausend Franken bezahlt, und das für die SBB bestimmt nachprüfbar ist – im Zeitalter des Swisspass ist ja alles vernetzt und verbunden.

2. Sparbillette muss man sich erst verdienen

Sparbillette sind eine tolle Idee. Sie ermöglichen auch Personen mit kleinerem Budget, mal von Zürich nach Bern und zurück zu fahren, was sonst bei einem Preis von satten 100 Franken ohne Halbtax nicht mal in den kühnsten Träumen von Wenigverdienenden vorkommt.

Möchte man sich also so ein Sparbillett kaufen, kann man das aber nur über die SBB-Website oder die SBB-App machen. Am Schalter oder am Automaten kann man die vergünstigten Tickets nicht beziehen. So bin ich als Kundin gezwungen, ein Gerät mit Internet zu haben, um den Vorzugspreis zu bekommen.

Der Ticketkauf ist oft eine Wissenschaft für sich, auch wenn es um Sparbillette geht. Die gibts nämlich nicht am Automaten. Bild: Keystone

Der Kauf eines Sparbilletts hält aber noch einen weiteren Ärger bereit. Sucht man auf der SBB-Website oder via SBB-App nach Zugverbindungen mit Sparbilletten, zeigt jeweils ein Prozentzeichen oder ein Preishinweis an, ob für die gegebene Verbindung eine Vergünstigung vorhanden ist. Doch nicht selten muss man dann feststellen, dass es gar keine Sparbillette mehr hat, sondern einfach andere Arten von Vergünstigungen. Oder das Sparticket für mich als normale Einzelperson ist gerade mal einen Franken billiger. Das sieht man aber erst, wenn man das Prozentzeichen jeder einzelnen Verbindung angeklickt hat. Die deutsche Konkurrenz zeigt die Preise einfach ganz rechts in der Spalte der Zugverbindungen an. So als Tipp.

3. Offline-Geschenkkarte

Ab und zu kriege ich eine SBB-Gutscheinkarte geschenkt. Doch leider kann ich damit nur am Automaten und am Schalter bezahlen. Im Internet oder über die App kann ich sie nicht einlösen. Ich konnte damit also bisher auch keine Sparbillette kaufen, denn die gibts ja eben nicht am Automaten oder am Schalter.

4. Internet, einfach nur Internet

Ich arbeite oft, wenn ich Zug fahre, meistens am Laptop. Nichts Ungewöhnliches. Doch anstatt mich ins SBB-Wi-Fi einzuloggen, muss ich mein eigenes Handy zücken, einen Hotspot einrichten und hoffen, dass ich das Ladekabel fürs Handy auch dabei habe, weil die Hotspot-Verbindung so viel Strom braucht. Und dann fällt mir ein, dass ich mich neben eine Steckdose hätte setzen müssen. Wir schreiben das Jahr 2018. Gibts nicht, geht nicht. SBB-Wi-Fi jetzt!

5. Keine spontanen Reisen für Leute im Rollstuhl

Laut der britischen Bewertung belegen die SBB aber den ersten Platz in der Unterkategorie «Passagiere mit Behinderung». Ja, es gibt spezielle Infrastruktur an Bahnhöfen und in Zügen selbst, damit sich Personen mit Handicap besser zurechtfinden und ebenfalls am Zugfahren teilnehmen können. Wenn man sich als Rollstuhlfahrer aber nicht bis 60 Minuten vor Abfahrt anmeldet, wird man nicht mitgenommen. Deshalb hat ein Bekannter von mir, ein Rollstuhlfahrer, angefangen, Passanten zu fragen, ob sie ihn verladen könnten, wenn er «zu spät» dran ist für die offizielle Prozedur.

Leute im Rollstuhl müssen sich vorher anmelden, wenn sie in einen Zug ohne ebenerdigen Einstieg wollen. Denn dann brauchen sie eine Einstiegshilfe. Bild: Keystone

Dass es in der heutigen Zeit mit all dem technologischen Fortschritt und viel gut qualifiziertem und geschultem Personal nicht möglich ist, Rollstuhlfahrern ein spontanes, einfaches, selbstständiges Reisen zu ermöglichen, finde ich schade, genauer: unakzeptabel. Es müsse noch viel geschehen, sagte mir der eine Rollstuhlfahrer. Er wäre wohl einverstanden, wenn wir der SBB an dieser Stelle nicht den 1. Platz für die Sparte «Passagiere mit Behinderung» geben.

6. Neue Reisedisziplin: Velostemmen

Mag sein, dass dieser Platz in den anderen Kategorien verdient ist – «Wintersportler», «Familien mit Kindern» und «Velofahrer». Wobei, halt, da fällt mir gerade ein, dass ich auch schon mal mit meinem Velo im Zug gereist bin. Das Velo in einem Wagen aufzuhängen, der nur eine kleine Ecke mit wenigen Haken dafür zur Verfügung hat, ist ein Kunststück und ein Kraftakt. Zudem gibt es Züge, in die man das Fahrrad über mehrere steile, hohe Einstiegsstufen nach oben hieven muss. Da hat die SBB den Briten wohl nur von den grossen Extravelowagen mit ebenerdigem Einstieg berichtet.

7. Beratung und Preise von Bahnreisen ins Ausland

Wagen wir noch einen Blick auf fernere Reisen, die man über das SBB-Reisecenter buchen kann. Es gibt auch da tolle Angebote. Für 60 Franken kann man bis in den Balkan fahren. Doch leider spuckte der Computer der SBB bei meiner letzten Reiseanfrage eine Landkarte aus, auf der der Zerfall von Jugoslawien noch nicht ganz abgeschlossen war. Der Angestellte war mit der Anfrage so oder so überfordert, woraufhin ich ihm erklärte, welcher Zug wohin fährt, wo welche Wagen getauscht werden, und wo man dagegen nicht umsteigen muss. Die Preisanfrage gab ich daraufhin auf.

Ich weiss, dass auf dem Balkan oder im sonstigen Ausland keine SBB-Züge rollen. Trotzdem möchte ich kompetent beraten werden, wenn ich für Auslandreisen für jedes Ticket 10 Franken Buchungsgebühr drauflegen muss. Oft aber kommt es gar nicht so weit, weil der Preis sowieso beim Sechsfachen eines Fluges liegt – wenn man bei den SBB bucht. Würde man es beim Anbieter des Ziel- oder Durchfahrtslandes machen, käme man oft auf einen Bruchteil. Das animiert nicht zum Zugfahren und CO2-Sparen.

8. WC als schlechte Visitenkarte

Einige SBB-Zug-WC verströmen ein himmlisches Ambiente. Doch bei weitem nicht alle. Bild: Keystone

Und wenn wir gerade bei Osteuropa sind. Viele Klos der SBB-Züge können locker mit dem Metallverschlag polnischer oder serbischer vorkommunistischer Züge mithalten. Auch die sehen oft so einladend aus, dass man sich überlegt, doch noch die sechs Stunden bis zum Zielort ohne Gang aufs WC durchzuhalten.

Unangenehm für Reisende, sehr unangenehm. Passt auch nicht zum Entwicklungsstand unseres Landes. Jeder, der ein WC hat, weiss, dass man sich schämt, wenn es dreckig ist, auch wenn man es nicht selbst verpinkelt hat. Man hat dann den Reflex, es trotzdem wegzumachen, nicht dass noch jemand denkt, man sei ein Grüsel.

Denken Sie bloss an die Touristen aus fernen Ländern, die in die schöne, saubere Schweiz kommen und dann die Alpen in einem SBB-Zug erkunden. Es ist eine schlechte Visitenkarte, wenn man zwischen Bergpanorama und Viadukten auf ein stinkiges WC muss. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.05.2018, 16:55 Uhr

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