Wie kommt man ins Schweizerische Literaturarchiv?

Wer ins Archiv will, der verschenkt seinen Nachlass – oder verkauft ihn. Eine garantierte Aufnahme ist beides jedoch nicht. Der Dichter Eugen Gomringer hat es jetzt geschafft.

Verschnürt und gut beschriftet: So kommt das Material von Eugen Gomringer im Schweizerischen Literaturarchiv an. Foto: Franziska Rothenbuehler

Verschnürt und gut beschriftet: So kommt das Material von Eugen Gomringer im Schweizerischen Literaturarchiv an. Foto: Franziska Rothenbuehler

Ein grosser Lastwagen rollt ins Depot des Schweizerischen Literaturarchivs (SLA) an der Einsteinstrasse in Bern. Beladen ist er mit fast 130 sorgfältig verschnürten Umzugskartons. Ihr Inhalt: das Archiv von Eugen Gomringer, Pionier der konkreten Poesie mit Berner Wurzeln. Der Wagen kommt aus dem oberfränkischen Rehau, wo der 94-jährige Gomringer lebt und Mitarbeitende des SLA die letzten Tage mit der Auswahl und dem Verpacken des Materials verbracht haben. In den Kisten befinden sich nun Werkmanuskripte, Tagebücher, Briefe und Sammlungen – die Dokumentation eines Künstlerlebens zwischen Bolivien, Gomringers Geburtsland, der Schweiz und Deutschland.

Doch die Reise ins SLA begann lange vor dem Transport. Zuerst wird entschieden, ob ein Archiv überhaupt zum Sammlungsauftrag des SLA passt, ob es, in den Worten der Leiterin Irmgard Wirtz, «relevant für die Schweizer Literatur ist und ob es Verbindungen zu Beständen gibt, die schon im SLA sind». Mit seinem jährlichen Erwerbsbudget von etwas mehr als einer halben Million Franken können zwischen sechs und zwölf Nachlässe gekauft werden.

Das Material wird von SLA-internen und externen Gutachtern evaluiert und, sofern es sich nicht um eine Schenkung handelt – immerhin rund 40 Prozent der Fälle –, auch geschätzt. Anschliessend wird ein Angebot gemacht und, wenn der Nachlassgeber zustimmt, ein Vertrag abgeschlossen. In ihm verpflichtet sich der Bund unter anderem, keine Teile des Archivs zu veräussern. Und schliesslich wird verpackt und transportiert, ausgeladen und aufgearbeitet, bis die Forschung und die interessierte Öffentlichkeit das Material konsultieren können.

Christian Kracht wollte zu viel

Viele Autoren tragen dem SLA selbst ihre Archive an. «Sicher einmal pro Woche bekommen wir eine Anfrage», erzählt Irmgard Wirtz. Natürlich müssen da auch Absagen gemacht werden. Manchmal scheitern die Verhandlungen später, weil Autoren oder Erben Bedingungen stellen, die das SLA nicht erfüllen kann, eine Werkausgabe oder eine grosse Ausstellung etwa.

Ums Geld geht es natürlich auch. So etwa im Fall von Christian Kracht, der seinen Bestand jetzt nach Marbach ins Deutsche Literaturarchiv gibt. Kracht, erzählt Irmgard Wirtz, wollte die Übergabe seines Archivs an einen Trust binden, aus dem noch seine Tochter Ausschüttungen bekäme. «Ich musste sagen: Dieses Modell ist dem Bund leider nicht bekannt. Zu welchen Konditionen er jetzt in Marbach ist, weiss ich nicht.»

Vater und Tochter: Eugen und Nora Gomringer im Schweizerischen Literaturarchiv. Foto: Franziska Rothenbuehler

Im Fall Gomringer setzte sich das SLA gegen Konkurrenzangebote der Bayerischen Staatsbibliothek und der Stadt Rehau durch. Gomringer hegte grosse Sympathien für die Idee, mit seinem Archiv nach Bern zurückzukehren. Hier studierte er, hier publizierte er auch die ersten konkreten Gedichte, welche die Sprache selbst zum Gegenstand und Zweck des Gedichts erhoben.

Eugen Gomringers Archiv wird nun erschlossen. Und das kann dauern: Mit Hermann Burgers Nachlass zum Beispiel war das SLA fast 30 Jahre lang beschäftigt. Auch Gomringers Bestand wird, wenn aufgearbeitet, einmal 400 Archivschachteln im SLA füllen.

Man sammelt nicht nur Papier

Natürlich sind Archive längst nicht mehr nur Regale mit Papierbergen: Das SLA verfolgt verschiedene Digitalisierungsprojekte für besonders wichtige Archivalien, zum Beispiel Manuskripte des Schweizer Nobelpreisträgers Carl Spitteler. Und Hermann Burgers erster Roman «Lokalbericht» wurde in einer aufwendigen Hybrid-Edition der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Ein Teil des Gomringer-Archivs ist aus besonders beständigem Material. «Gomringer hatte in Bern den Plan, in der Kunstgeschichte eine Doktorarbeit über italienische Kirchen zu schreiben», berichtet Irmgard Wirtz. Zu diesem Zweck sammelte er auf einer Rom-Reise handfeste Marmorfragmente aus Kirchen. Und auch später las er auf der ganzen Welt Steine auf, die künftig im SLA an der Seite der Steinsammlung Hermann Hesses stehen werden. Konkreter Stein neben konkreter Poesie.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt