Zuhause auf dem Parkplatz

Eine US-Journalistin porträtiert Arbeitsnomaden, die ohne festen Wohnsitz von Job zu Job reisen. Eine spannende Sozialreportage.

Arbeitsnomaden wie sie sind überall einsetzbar: Linda May in ihrem «wheel estate», einem vom Schrottplatz geretteten Jeep. Foto: Jessica Bruder

Arbeitsnomaden wie sie sind überall einsetzbar: Linda May in ihrem «wheel estate», einem vom Schrottplatz geretteten Jeep. Foto: Jessica Bruder

Linda May hat ihr Heim bei einer Auktion erstanden. 1400 Dollar hat der Trailer gekostet, ein blassgelber Hunter Compact, Baujahr 1974. «Der Innenraum ist 1,60 Meter hoch, ich bin 1,50», sagt sie. «Passt perfekt.» May ist Mitte sechzig, zweifache Mutter, vierfache Grossmutter, trägt ­silbergraue Haare und eine rosa Brille. Die Amerikanerin verbringt ihren Lebensabend in ­diesem Anhänger beziehungsweise am Steuer ihres Jeep Grand Cherokee, den sie von einem Schrottplatz gerettet hat.

May zählt zu einer wachsenden Gruppe von Nomaden in den USA. Sie übernachten neben den Highways, auf Supermarktparkplätzen, in der Wüste, sie füllen ihre Benzintanks mit Saisonarbeit. Diese Workamper, wie sie sich nennen, verladen Zucker­rüben, schieben Rollwagen durch Warenlager, pflücken Äpfel in Oregon und Blaubeeren in ­Kentucky, bewachen Tore an Ölfeldern in Texas.

Meistens handelt es sich um Mittelschichtler, die in ihren früheren Leben Manager, Banker, IT-Ingenieure, Sachbearbeiter waren. Die meisten von ihnen hat die Finanzkrise von 2008 um ihre Rücklagen gebracht. Ohne Altersabsicherung ziehen sie nun von Job zu Job, von Küste zu ­Küste. Ihre Häuser und Wohnungen, ihren «real estate», mussten sie tauschen gegen etwas, das sie «wheel estate» nennen: gebrauchte Wohnmobile, ausgediente Schulbusse, Pick-ups mit Campingaufbauten, Trailer.

50 Interviews, 15000 Meilen

Diesem Treck durch Amerika ist die Journalistin Jessica Bruder gefolgt, hat selbst Monate in einem Camper verbracht. Ihre Recherche spann sich über drei Jahre und 15000 Meilen, gut 50 Interviews hat sie mit Arbeitsnomaden geführt. Das Ergebnis ist eine 384 Seiten dicke Mischung aus Dokumentation und Reportage.

Bruder hat an der Columbia Journalism School in New York gelehrt, sie schreibt unter anderem für die «Washington Post» und das Magazin der «New York Times». «Nomaden der Arbeit» basiert auf einem Artikel, den sie für das angesehene «Harper’s Magazine» schrieb. Sie gewann dafür einen Journalistenpreis und war für weitere nominiert. Damit nicht genug: Das Buch wird demnächst verfilmt, mit ­Oscar-Preisträgerin Frances McDormand in der Hauptrolle. Solche Ehre wird Journalisten selten zuteil.

Jessica Bruder eröffnet Einblicke auf ein soziales Phänomen, das so brisant wie tabuisiert ist. Die Workamper leben in einer fast geschlossenen, unsichtbaren Welt, aus Scham oder weil sich ihre Existenz in den Weiten Amerikas und neben den vielen sorglos dauerreisenden Senioren in ihren Riesencampern ­verliert. Sie haben eigene Strukturen mit eigener Logistik. Sie organisieren sich über Apps, sie angeln sich Jobs durch Inserate auf Websites wie «Workers on Wheels» und «Workamper News», sie helfen sich aus, wenn jemand in akute Not gerät.

2016 waren fast neun Millionen der über 65-jährigen Amerikaner noch immer angestellt, 60 Prozent mehr als ein Jahrzehnt davor, zitiert Bruder die Statistik. Freilich, und das erwähnt sie nicht, gehören dazu auch Freiwillige, die ohne wirtschaftliche Not einfach gern ­beschäftigt bleiben; Amerikas Arbeitsrecht kennt keine Altersgrenze nach oben. Mit den Zehntausenden Arbeitsnomaden entstand eine Schattenwirtschaft. Sie sind jederzeit und überall einsetzbar, als Saisonpersonal erscheinen sie, wo und wann sie gebraucht werden.

Sozialkritische Tradition

Sie bringen ihr Eigenheim mit und verwandeln Firmenparkplätze vorübergehend in Firmensiedlungen. Sie sind nicht lange genug dabei, um sich gewerkschaftlich zu organisieren. Amerikanische Unternehmen werden steuerbegünstigt, wenn sie «sozial Schwache» beschäftigen; für einen Konzern wie Amazon sind sie daher ideale Aushilfen. Der Versandhändler betreibt eigens ein Programm namens Camper Force: In der Hochsaison, also den vier Monaten vor Weihnachten, engagiert er zusätzlich bevorzugt betagte Wanderarbeiter.

In der Tradition sozialkritischer US-Schriftsteller wie John Steinbeck («Früchte des Zorns»), Upton Sinclair («Der Dschungel») oder Barbara Ehrenreich («Nickel and Dimed») porträtiert Jessica Bruder Missstände und soziale Verlierer. Diejenigen, bei denen ein prekäres Elternhaus, schlechte Ausbildung, Krankheit, Scheidung, Drogenmissbrauch oder eben eine Finanzkrise dem American Dream im Weg stehen. Manches Scheitern ist fremd-, manches selbstverschuldet. Linda Mays Tochter etwa kommt wie ihre Mutter kaum über die Runden, dennoch leistet sich die ­Familie vier Hunde, die sie miternähren muss.

Die Seniorin May hat sich auf Campingplätze spezialisiert, zu ihrer Arbeit als Platzwart gehört nicht nur, Tag und Nacht für Neuankömmlinge ansprechbar zu sein, sondern auch dreimal täglich die Toiletten zu putzen. Ihre früheren Jobs waren: Truckerin, Cocktailkellnerin, Versicherungsagentin, Bauinspektorin oder Händlerin mit Bodenbelägen. Sie hat sich nie um Alterssicherung gekümmert. Nach vielen Jahren mit schlechter Bezahlung verlor sie Wohnung, Arbeit, dann Arbeitslosenhilfe. Alkohol und Meth machten sich in ihrem Leben breit. Sie zog bei einer Tochter und deren Familie ein, bis die ebenfalls aus Geldnot in eine kleinere Wohnung wechseln mussten. Sie hat Anspruch auf Sozialhilfe, aber die 500 Dollar im Monat reichen nicht mal für die Miete. So landete Linda May in ihrem Trailer.

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