Wir alle kennen diese Frau

In ihrem Debüt «Elefanten im Garten» schildert die Bernerin Meral Kureyshi, wie sie mit ihrer Familie aus Kosovo in die Schweiz geflüchtet ist. In einfacher Sprache, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Und gerade deshalb grossartig.

Meral Kureyshi: Romandebüt zwischen Brotjobs.

Meral Kureyshi: Romandebüt zwischen Brotjobs.

(Bild: Matthias Günther/zvg)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Man findet in diesem Buch Bern wieder. Das Marzili, die Kontrolleure im Bus, die Hochhaussiedlungen in Bümpliz. Und doch erzählt «Elefanten im Garten» eine universelle Geschichte.

Eine Familiengeschichte in kurzen Fragmenten und vor einem hochaktuellen Hintergrund. Man liest sie und denkt am Ende unweigerlich: Man kennt die Frau, die das geschrieben hat. Sie hat alles von sich preisgegeben in diesem Buch, das mehr ein Büchlein ist, 140 kurze Seiten lang.

Meral Kureyshi lacht herzlich, als sie die Tür ihrer Wohnung in der Berner Altstadt öffnet. Hier wohnt sie mit ihrem Mann, dem Berner Filmregisseur Matthias Günter. Bücherstapel stehen ordentlich am Boden. Es wirkt, als ob die 32-Jährige gerade frisch eingezogen wäre und noch ein paar Möbel fehlten.

Doch sie wohnt schon seit Jahren hier. Es ist ein Gegenentwurf zur Hochhaussiedlung, wo Meral Kureyshi einige Jahre verbrachte. Mit den Eltern, dem jüngeren Bruder und der kleinen Schwester, die erst im neuen Land zur Welt kam.

Der Roman beschreibt die Migration aus der multikulturellen Stadt Prizren in Kosovo in die Schweiz. Zuerst der Bunker in Bern. Dann das Asylheim in Wilderswil, das die Icherzählerin nicht mehr findet, als sie es Jahre später aufsuchen will. Die Wohnung in Neuenegg, wo die Kinder die Schule besuchten.

Schliesslich das spätere Leben als junge Erwachsene in Bern, nach dem Tod des geliebten Vaters im Inselspital, nach der Erblindung der Mutter. Aber nicht in dieser Reihenfolge und ohne auf die Tränendrüse zu drücken.

Tatsächlich sind es Erinnerungsfetzen, die Zeitebenen sind alle vermischt. Geschrieben in einer einfachen Sprache, die gerade so einfach wirkt, weil Meral Kureyshi wieder und wieder an ihr gefeilt haben muss.

«Bin das ich?»

«Ich kann nicht über etwas anderes schreiben als das, was ich kenne», sagt die Autorin. Eine Schulfreundin habe sie angerufen und gefragt: «Bin das ich, diese Sarah im Buch? Aber wir hatten es doch so gut.» Die im Buch beschriebene Sarah lernte die Icherzählerin an ihrem ersten Schultag in Neuenegg kennen.

Sarah war die Einzige, die zu Hilfe eilte, als sie vom Klettergerüst hinunterfiel. Dieselbe Sarah lud sie später doch nicht an ihre Geburtstagsfeste ein. «Nein, das bist nicht du», habe sie ihr erklärt, auch wenn die Fakten dieselben seien.

Auch die Mutter habe angerufen: «Ich habe deinem Bruder nie mit Brennnesseln auf den Po gehauen, wenn er in die Hosen gemacht hat», habe sie gesagt. Auch hier musste sie erklären, dass die Mutter im Buch nicht genau der Mutter im wirklichen Leben entspricht.

«Ich schreibe an diesem Text, seit ich als 10-Jährige in die Schweiz kam», sagt Meral Kureyshi. Es waren Tagebucheinträge, die aber schon immer über ein Tagebuch hinausgingen. «Ich habe nie die Wahrheit geschrieben, und so haben sich die Ebenen mit der Zeit vermischt.

Manchmal weiss ich selber nicht mehr, was wahr ist und was erfunden.» Die Dringlichkeit, die sei aber mit der Einreise in die Schweiz gekommen. «Das Schreiben war mein Freund, aber nicht nur ein guter Freund, es zwang mich immer wieder, zu erbrechen, alles aus mir herauszuwürgen.»

Eigenes Lyrikatelier

Meral Kureyshi, die das Literaturinstitut in Biel absolviert hat, spricht oft in Bildern. So, als hätte sie Angst, sonst noch immer nicht verstanden zu werden. Dabei hat sie sich hier längst etabliert: Sie führt ein Lyrikatelier, mit dem sie am kommenden Wochenende auch am Festival Kibuk (siehe Infobox) zu Gast sein wird. In diesem Atelier setzt sie sich wöchentlich mit denselben Kleingruppen zusammen, um an Texten zu arbeiten.

Von den Gedichtateliers leben kann Meral Kureyshi natürlich nicht ganz. Darum nimmt sie immer wieder Brotjobs an. Sie hat als Operateurin im Kino gearbeitet oder als Aufsicht im Museum. Diese Erfahrungen fliessen in ihre Texte ein. So wird die Protagonistin in ihrem nächsten, neu entstehenden Roman Museumsaufseherin sein. Auch an der Migros-Kasse hat sich Meral Kureyshi schon beworben.

Dafür sei sie überqualifiziert, kam der Bescheid. Nun überlegt sie sich, ihren Lebenslauf etwas zu kürzen, um doch eine Chance zu haben. Dieses Grundvertrauen, alles machen zu können, was sie wolle, habe sie von ihren Eltern mit auf den Weg gegeben bekommen.

Meral Kureyshi: «Elefanten im Garten», Limmat-Verlag, 144 Seiten. Buchvernissage: Dienstag, 20 Uhr, Münstergass-Buchhandlung, Bern.

Berner Zeitung

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