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Wie huldigt man einem grossen Maler?

Der niederländische Zeichner Typex hat das Leben Rembrandts in einem dramatisch bewegten Comic geschildert.

Gottfried Knapp
Bildgewaltige Beschwörung: Rembrandt im Comic von Typex. Foto: Typex (Carlsen Verlag)
Bildgewaltige Beschwörung: Rembrandt im Comic von Typex. Foto: Typex (Carlsen Verlag)

Hätte man dem alten Rembrandt die luxuriös mit Goldschnitt und Schutzumschlag versehene Graphic Novel über sein Leben überreicht, dann hätte er die heftige mimische Reaktion, die sein Gesicht zeigte, vielleicht in einem Selbstporträt festgehalten. Er, der mehr als 1000 Zeichnungen – ein umfassendes Bilderbuch seiner Umgebung – hinterlassen hat, hätte wohl kaum geglaubt, dass 350 Jahre nach seinem Tod sein Leben in einem stattlichen Buch noch einmal ausschliesslich mit Zeichnungen nacherzählt wird.

Die Idee zu dieser Bilderzählung stammt von den heutigen Nachlassverwaltern Rembrandts, den Kuratoren des Rijksmuseums in Amsterdam. Sie haben dem holländischen Comiczeichner und Illustrator Typex den Auftrag zu diesem Rembrandt-Comic erteilt, wohl ahnend, dass beim Aufeinanderprall zweier so ausgeprägter Künstlernaturen etwas Ausserordentliches entstehen könnte.

Annäherung durch Beschränkung

Typex hat gar nicht erst den Versuch unternommen, das mystische Hell-Dunkel in Rembrandts Werk, in das man alles Mögliche hineindeuten kann, zu durchlichten. Er hat sich auf einige sprechende Details der Biografie und auf die Figuren in Rembrandts Umgebung konzentriert und ist durch diese Beschränkung dem Menschen Rembrandt so nahe gekommen, dass auch im künstlerischen Werk manches verständlich wird.

In den ersten beiden Kapiteln brilliert Typex mit bildgewaltigen Beschwörungen drastischer städtischer Ereignisse. In dem humanen Chaos, das er inszeniert, gewinnt der Typ mit der knolligen Nase und dem spärlichen Schnurrbart, den die Nachbarn Mijnher van Rijn oder Rembrandt nennen, erst allmählich an Profil. Ja, neben dem Elefanten Hansje, mit dem das Buch beginnt – das arme Tier wird von einem Kran aus dem Bauch eines Schiffes gehoben und hinunter auf den Platz in Amsterdam gesetzt – wirkt der Mann, der nach der Elefantenshow in einem Geschäft Hüte ausprobiert und Grimassen schneidet, fast lächerlich. Und auch beim wilden Besäufnis in jener Nacht, in der ein junges Dienstmädchen seine keifende Herrin erschlägt, macht er keine gute Figur.

Dabei ist er, wie wir im dritten Kapitel erfahren, ein von Kennern hochgeschätzter Maler, der viele Schüler hat, gerne über Kollegen schimpft, häufig nachgeahmt wird, mit seinen eigenen Arbeiten aber oft erst fertig wird, wenn die Kundschaft nicht mehr zahlen will.

Typex hat für die tragischen Momente im Leben Rembrandts ganz unterschiedliche Stilmittel entwickelt. Nur ein Comic kann zeigen, wie das 1668 für den Grossen Saal des Amsterdamer Rathauses gemalte Riesenbild aussah, als es im Ratssaal wieder abgehängt, von Spediteuren kostenpflichtig zurückgebracht und vor Rembrandts Haus abgestellt wurde. Es reichte bis in den dritten Stock hinauf. Sohn Titus musste eine Leiter nehmen, um die Leinwand vom Rahmen zu lösen. Danach hing das Meisterwerk faltig schlaff an der Wand des Ateliers, bis Rembrandt eine Schere nahm und ein querformatiges Stück aus dem extremen Hochformat herausschnitt. Heute gehört das übrig gebliebene Fragment der «Verschwörung des Claudius Civilis» zu den Schätzen des Nationalmuseums von Stockholm.

Ratten in der Speisekammer

Dem realen Grauen kommt Typex mit den Mitteln des Comics im Kapitel «Rattus Rattus» wohl am nächsten. Wie beiläufig lässt er Ratten im Haus Rembrandt auftauchen, hässliche Tiere, die immer mal wieder aus dem Geschehen verschwinden, dann aber in monströser Übergrösse beim Nagen in der Speisekammer beobachtet werden, bis schliesslich Rembrandts Lebensgefährtin Hendrickje Stoffels, von Pestbeulen übersät, vor den Kindern zusammenbricht. Direkter kann man das heimtückische Eindringen der Pest in die Häuser wohl kaum darstellen.

Im letzten Kapitel jagt Rembrandt dann den Erzherzog Cosimo de Medici, der bei ihm Bilder kaufen will, wütend aus dem Haus. Danach sieht man den Meister beim Malen eines Selbstbildnisses verzweifelt mit sich selber kämpfen. Den Schluss bilden vier ganzseitige Ansichten des immer finsterer werdenden Ateliers. Im letzten dieser Bilder ist Rembrandts Stuhl leer.

Typex: Rembrandt. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Carlsen-Verlag, Hamburg 2019. 264 Seiten, ca. 69 Fr.

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