Widerworte zum Wiederentdecken

Dank einer sorgfältigen neuen Edition sind die drei wichtigsten Romane der Schweizer Autorin Mariella Mehr wieder greifbar.

Versteht sich als Romni: Mariella Mehr auf einem Standplatz für Fahrende, 1979.

Versteht sich als Romni: Mariella Mehr auf einem Standplatz für Fahrende, 1979. Bild: Rob Gnat/zvg

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Manchmal braucht es einen Geburtstag oder sonst einen äusseren Anlass, um Überfälliges anzupacken. So legt der Zürcher Limmat-Verlag zum 70. Geburtstag Mariella Mehrs am 27. Dezember 2017 zwei Sammelbände mit Texten von ihr neu auf. Dass viele davon länger nicht mehr greifbar waren, ist im Grunde ein Skandal, denn Mehr hat wie niemand sonst unter den zeitgenössischen Schweizer Autorinnen und Autoren Kritik geübt an den Machenschaften der Mächtigen. Sie war immer ein Sprachrohr derer, die keine Stimme haben, und ist in den letzten Jahren selbst fast verstummt.

«Hat keinen Namen Daskind. Darf nicht heissen. Darf niemals heissen, denn dann könnte keine der Frauen im Dorf, der danach zumute ist, Daskind Kleinerbub nennen oder Frecherfratz, zärtlich, gierig. Oder Saumädchen, Hürchen oder Dreckigerbalg.» So klingt das am Anfang des sprachmächtigen Romans «Daskind», der 1995 den Auftakt zur sogenannten Gewalttrilogie von Mariella Mehr machte.

Sprachlich geradliniger erschien 1998 «Brandzauber», der zweite Teil der Trilogie. Diese Geschichte spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und erzählt von der Unterwerfung zweier «ent­arteter» Mädchen unter das Joch katholischer Zucht. Der dritte Roman, «Angeklagt» (2002), kommt als Monolog einer jungen Frau vor Gericht daher, die – kaum ihrer grausamen Kindheit entwachsen – Brände gelegt und gemordet hat, um sich aus der Opferrolle zu befreien.

Sprache neu erschaffen

Gewalt ist das zentrale Thema von Mariella Mehrs Schaffen. Sie selbst hat sie von frühester Kindheit an am eigenen Leib erfahren und ein Leben lang literarisch ­geahndet. Im Rahmen der ras­sistischen Pro-Juventute-Aktion «Kinder der Landstrasse» ihrer jenischen Mutter entrissen, wuchs Mehr bei Pflegeeltern, in Heimen, Anstalten, Kliniken und im Gefängnis auf. Später kämpfte sie hartnäckig für die Rechte der Fahrenden. So wurde sie trotz zahlreicher Literaturpreise vor allem als schreibende Politaktivistin rezipiert.

Zu Recht lenkt die vorliegende Werkausgabe das Augenmerk nun auf die Literatin. Bis zum Alter von sechs Jahren sprach das Kind Mariella nicht – doch später, als Schriftstellerin, hat sie die Sprache ganz neu erschaffen, um das Unsagbare zu benennen und über das eigene Schicksal hinaus zu verallgemeinern. Wie sie mit kleinen, präzisen Verschiebungen, eigenen Schreibweisen von Wörtern und Wendungen den gängigen Sprachgebrauch unterläuft, wie sie die auch der Sprache innewohnende Gewalt enthüllt und neue, tiefer treffende Namen dafür wortschöpft, das ist hohe Kunst.

Ungeahnte Facetten

Mariella Mehr hat nicht nur Romane geschrieben. Zeitgleich mit der Gewalttrilogie präsentieren Nina Debrunner und Christa Baumberger, die Mariella Mehrs Archiv in der Nationalbibliothek kuratieren, einen Sammelband, der ein äusserst facettenreiches Bild dieser Schriftstellerin vermittelt. In ihren anwaltschaftlich-journalistischen Texten etwa schlägt Mehr einen scharfen, glasklaren Ton an, der manch-mal in literarische Verdichtung übergeht und in blanken Zorn mündet. Nachrufe auf Freunde, die wie sie selbst meist Aus­gegrenzte waren, sind hingegen von einer überraschenden Zärtlichkeit geprägt. In ihren Ge­dichten schliesslich, die eineganz eigene Seelensprache sprechen, blitzt zwischen verzwei­felten Aufschreien trotz allemso etwas wie Hoffnung auf:«Was tun, mein Herz / als fröhlich zu verwildern?», fragt sich die Dichterin.

Bleibt die Frage, ob die beiden Bücher zu schön geraten sind angesichts der Abgründe, die sich zwischen ihren Deckeln auftun. Gesetzt auf gestrichenem Papier, gebunden in feines Leinen, bedruckt mit Symbolbildern von Meret Oppenheim, Mehrs Lieblingskünstlerin, wirken sie edel. Man nimmt sie gern in die Hand – und vielleicht erleichtert dies den Zugang zu einer Lektüre, die der heutigen Wellnessgesellschaft nicht nur Wohlfühlmomente beschert.

Dieser Text wurde mithilfe der ­Gottlieb-und-Hans-Vogt-Stiftung realisiert.

Mariella Mehr: «Daskind – Brandzauber – Angeklagt», Romantrilogie, 384 Seiten; «Widerworte», ­Geschichten, Gedichte, Reden, Reportagen», 253 S., Limmat-Verlag. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.12.2017, 06:40 Uhr

Zur Person

Die Stimme der Sprachlosen

Mariella Mehr wurde am 27. Dezember 1947 als Tochter von Fahrenden in Zürich geboren. Vom «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute wurde sie gleich nach der Geburt zwecks Umerziehung zur Sesshaftigkeit ihren Eltern weggenommen. Ihre Mutter war 1927 eines der ersten Opfer des «Hilfswerks» gewesen, ihr Sohn 1966 eines der letzten.

Später folgten Aufenthalte in Erziehungsanstalten und psychiatrischen Kliniken und sogar im Gefängnis – ohne Gerichtsurteil. Nach der Geburt ihres Sohnes 1966 wurde Mehr wegen «sittlicher Verwahrlosung und Arbeitsscheu» administrativ in der Strafanstalt Hindelbank untergebracht. Ausserdem wurde sie zwangssterilisiert.

Inzwischen hat Mehr über ein Dutzend Literaturpreise erhalten, darunter den hoch dotierten Pro-Litteris-Preis für ihr Lebenswerk (2012) und zuletzt den Bündner Literaturpreis (2016). 1998 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Basel «für ihre schriftstellerische Leistung wie für ihr minderheitspolitisches Engagement».

Seit den 1970ern engagierte sich Mehr, die sich als Roma versteht, für die Sache der Jenischen und war Mitbegründerin der Radgenossenschaft der Landstrasse. 1975 begann sie zu publizieren, erst journalistisch, ab 1981 literarisch, «Steinzeit» hiess ihr erster Roman. Die Autorin lebte zwanzig Jahre in der Tos­kana. Vor kurzem zog sie wieder in die Schweiz. sda

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