Wer hat Angst vor diesem Mann?

«Ich schreibe für alle», sagt Viktor Martinowitsch. Das Resultat sind grossartige politische Thriller. Momentan lebt der Weissrusse in Zürich. Eine Begegnung.

Pause im Land des teuren Kaffees: Bis Ende Mai lebt der weissrussische Autor Viktor Martinowitsch als Gastautor in Zürich.

Pause im Land des teuren Kaffees: Bis Ende Mai lebt der weissrussische Autor Viktor Martinowitsch als Gastautor in Zürich.

(Bild: Flurin Bertschinger/Ex-Press)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Kein Witz! In Weissrussland müssen Arbeitslose dem Staat eine Strafe zahlen, weil sie arbeitslos sind. Das nennt sich «Schmarotzersteuer». Letztes Wochenende gab es deshalb grosse Protestkundgebungen in der Hauptstadt Minsk. Doch das scheint Machthaber Aleksander Lukaschenko nicht zu kümmern.

Am Montag liess das Kulturministerium eine neue Regel verlauten: «Jetzt müssen auch Autoren des unabhängigen Schriftstellerverbands diese Strafe zahlen», sagt Viktor Martinowitsch erstaunlich ruhig. Dem Verband gehören zum Beispiel Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und er selber an. Wer hingegen Mitglied des staatlichen Schriftstellerverbands ist, wird verschont.

Aus Bücherläden verbannt

Viktor Martinowitsch hat Erfahrung mit der Ungleichbehandlung von Regierungstreuen und Regierungskritischen. Sein erster Roman «Paranoia» (2009) wurde in Weissrussland aus den Bücherregalen verbannt. Der überaus lesenswerte Politthriller spielt in einer vorgeblich fiktiven Stadt, die problemlos als Minsk zu erkennen ist. Gerade durch dieses Verbot erhielt der Autor aber international viel Beachtung. Kürzlich erschien mit «Mova» ein weiterer Roman von Martinowitsch auf Deutsch.

«Seit mein Fall internationale Beachtung gekriegt hat, ist man sehr korrekt zu mir.»Viktor Martinowitsch

Nun lebt der Autor für einige Monate in Zürich. Hier wohnt er auf Einladung des Literaturhauses und arbeitet an seinem neuen Roman. Er spaziert oft durch die Stadt, entwickelt in seinem Kopf die Geschichte weiter. Und er hat sich eine Thermoskanne gekauft, die füllt er mit schwarzem Kaffee und steckt sie in den kleinen schwarzen Rucksack, den er immer dabei hat. «Ich bin ein Kaffeejunkie, in Zürich könnte ich locker jeden Tag über 20 Franken nur für Kaffee ausgeben», sagt Martinowitsch in seiner unauf­geregten Art.

«Bettelarme Schweiz»

Ja, die Schweiz ist teuer. In Martinowitschs Roman «Mova», der 2044 spielt, ist sie aber nicht mehr reich. Da besteht zwischen Weissrussland und Westeuropa eine «irre dicke» Mauer und die ins Land einfahrenden Züge rasen schnell, «damit kein illegaler Einwanderer aus der bettelarmen Schweiz oder aus Frankreich vom fahrenden Zug auf unser Territorium springt». Weissrussland gehört zu Russland, und dieses wurde friedlich dem chinesischen Reich einverleibt.

Es gibt auch eine neue Droge, sie heisst Mova und ist streng verboten. Der Roman lässt abwechslungsweise einen Dealer und einen Junkie zu Wort kommen. Der Dealer besorgt den Stoff in Polen, der Junkie beschreibt den Rausch nach dem Lesen eines bedruckten Zettels. Ja, tatsächlich: Der Junkie konsumiert Wörter, Sätze, manchmal Abschnitte, in einer verbotenen Sprache. Das ist ein absurder und grossartiger Einfall von Martinowitsch. Unweigerlich taucht die Frage auf: Warum fürchten sich die Machthaber so sehr vor dem geschriebenen Wort? Und warum kann Literatur so berauschen?

Das Buch macht ähnlich süchtig wie die Droge selbst.

«Mova», das auf Weissrussisch «Sprache» bedeutet, ist temporeich geschrieben. Immer wieder müssen Rätsel gelöst werden. Das Buch macht ähnlich süchtig wie die Droge selbst. «Das ist Absicht», sagt Viktor Martinowitsch, «alle Leute sollen meinen Roman lesen können. Für die einen ist es einfach ein Buch über eine verbotene Droge, für die anderen ist es ein Buch über den Verlust von Zusammengehörigkeitsgefühl und Sprachkultur.»

Mit dem Rücken zu Russland

Tatsächlich wird Martinowitschs Roman in Weissrussland gut verkauft, junge Menschen laufen mit T-Shirts, auf denen das chinesische Zeichen für Mova abgebildet ist, herum. Und Martinowitschs Bücher kann man mittlerweile im ganzen Land kaufen. Findet Machthaber Lukaschenko nun Gefallen an Martinowitsch? «Seit mein Fall internationale Beachtung bekommen hat, ist man sehr korrekt zu mir», sagt der 39-Jährige. Momentan habe sich Lukaschenko von Putins Russland abgewendet und schiele mehr nach Westen. Darum werde auch alles Weissrussische sehr betont. Das könne aber schon morgen anders sein.

Dieser Unsicherheit ist Martinowitsch nicht völlig ausgesetzt: Eine Woche im Monat verbringt er im litauischen Vilnius. Dort unterrichtet er Politikwissenschaften. Die Europäische Geisteswissenschaftliche Universität zog 2005 wegen politischer Schikanen aus Minsk weg. Es ist Martinowitschs bürgerlicher Job – und jetzt die Garantie, dass er ­keine «Schmarotzersteuer» zahlen muss.

Viktor Martinowitsch:«Mova», ­Voland Quist, 400 Seiten.

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