Wenn Eselshäute knapp werden

Oxford-Professor Peter Frankopan beurteilt die Folgen der chinesischen Seidenstrassen-Initiative für die Machtverhältnisse in der Welt. Der Westen, meint er, hat keine Strategie.

Der Tiefseehafen der pakistanischen Stadt Gwadar. Diese könne zu einem «Shanghai des Westens» werden, so der Autor. Foto: Getty Images

Der Tiefseehafen der pakistanischen Stadt Gwadar. Diese könne zu einem «Shanghai des Westens» werden, so der Autor. Foto: Getty Images

Martin Ebel@tagesanzeiger

Mit «Licht aus dem Osten» (Originaltitel: «Silkroads») hatte Peter Frankopan vor wenigen Jahren einen Coup gelandet. Er erzählte die Geschichte einer Welt, in der Europa nicht Mittelpunkt, sondern Peripherie war, und holte die Kulturen Vorder- und Zentralasiens aus dem Nebel unserer Ignoranz. Jetzt springt der Oxforder Historiker mit Universalanspruch – vom Spezialgebiet her eigentlich Byzantinist – in die «Gegenwart und Zukunft unserer Welt», so der Untertitel seines neuen Buches.

Seine These: Die Dominanz Europas, die mit den Entdeckungen Amerikas und des Seeweges nach Indien begann, sich durch technologischen Fortschritt verfestigte und mit der Selbstzerfleischung in zwei Weltkriegen endete, war, weltgeschichtlich betrachtet, nur ein Zwischenspiel. China, einst das Zentrum der Welt, wird diesen Platz wieder einnehmen. Dazu bedient es sich der «neuen Seidenstrassen», die Frankopan in den Plural setzt, weil es sich weniger um eine Strasse handelt als um ein Infrastrukturgeflecht aus Strassen, Bahngleisen, Häfen, Umschlagplätzen und Fabriken.

«Wir durchleben eine Transformation und geopolitische Verschiebung von epochalen Ausmassen und epochalem Charakter», schreibt Frankopan, womit gleich ein Beispiel für seinen dramatisierenden, marktschreierischen Ton gegeben sei. Europa ist mit sich selbst beschäftigt: Brexit, wachsender Rechtspopulismus, beschädigter Rechtsstaat in Polen und Ungarn. Die USA taumeln im Trump-Chaos dahin und entwickeln wieder starke isolationistische Tendenzen.

Alles hängt zusammen

Im Osten dagegen zeigt sich die Gegentendenz: der Wille vieler Staaten zur Kooperation. Der äussert sich in verstärkter nachbarlicher Zusammenarbeit (etwa bei den zentralasiatischen Staaten, die sich lange misstrauisch beäugten und einander buchstäblich das Wasser abgruben), in supranationalen Institutionen oder in länderübergreifenden Infrastrukturprojekten.

Hier liefert der Autor eine Fülle von Beispielen, Zahlen und Details, die zeigen sollen, dass in der neuen Welt alles mit allem zusammenhängt. So hat der zunehmende Wohlstand der chinesischen Mittelschicht zu einem Rückgang der Eselsbestände in Tadschikistan geführt. Denn aus Eselshäuten wird ein in China populäres alternatives Heilmittel gewonnen, das unter anderem die Libido steigern soll. Esel sind aber in ärmeren Ländern als Lasttiere immer noch unentbehrlich, sodass in einigen afrikanischen Staaten ein Exportverbot von Eseln nach China verhängt wurde – worauf natürlich ein entsprechender Schwarzmarkt entstand.

So anschaulich ist Frankopans Darstellung nicht immer. Meist reiht er ein Projekt ans andere, zieht immer neue Linien zwischen Staaten, die mit neuen Stromtrassen, Schienensträngen oder Pipelines ihre Entwicklung vorantreiben wollen. Das Buch ähnelt dann einer bunten Weltkarte, die mit grafischen Zeichen bis zur Unkenntlichkeit überschrieben ist.

Für das Gesamtbild, das «big picture», reicht dann allerdings ein Name: China. Ein Global Player mit einer klaren Strategie. Die geht über das vitale Interesse hinaus, den riesigen Eigenbedarf an Rohstoffen, Nahrung und Energie zu sichern – durch Landkäufe, langfristige Pachtverträge, aber auch die militärische Kontrolle der wichtigsten Schifffahrtsrouten. Dahinter steht der Wille, die Welt auch kulturell zu dominieren; davon ist Frankopan überzeugt.

Problem Überschuldung

Der Autor geht der chinesischen Propaganda durchaus nicht auf den Leim; er nennt Probleme beim tatsächlichen Fluss der zugesagten Gelder und weist darauf hin, dass sich die Empfängerländer massiv ver- und überschulden. Das Eigeninteresse aber überwiege meist, glaubt er und führt als Beispiel Pakistan an, ein Land, in das China besonders viel investiert und in dem die verbesserte Infrastruktur schon für eine Steigerung des BIP gesorgt habe. Der Tiefseehafen Gwadar hat es ihm besonders angetan: Gwadar könne das «Shanghai des Westens» werden.

Den eigentlichen Westen sieht Frankopan einigermassen hilflos gegenüber Chinas Strategie. Vor allem die USA unter Trump hätten aussenpolitische Kompetenz verloren und verdürben es durch Druck und Überheblichkeit mit ihren Verbündeten. Die suchen sich neue, neben China auch Russland. Die Türkei, Indien, selbst Saudiarabien kauften Kriegsgerät von den Russen.

Die neue Welt ist eine, in der man wählen kann. Keine Wahl ist allerdings Nichtstun oder Kopf-in-den-Sand-Stecken für den Westen, bei dem der Autor eine Zukunftsvision vermisst. Schliesslich sei die Welt in ihrer gegenwärtigen Übergangsphase zu einer neuen bipolaren Struktur viel zu unsicher, die Risiken eines ungewollten militärischen Konflikts viel zu gross.

In Djibouti am Horn von Afrika etwa treten sich die Militärs vieler Staaten regelrecht auf die Füsse – Franzosen, Türken, Japaner, Amerikaner und Chinesen; nicht weit davon auch die der Emirate und Katars. Hier findet eine der neueren Versionen des Great Game statt, meint der Autor und bezweifelt, dass der Westen wisse, wie man es spielt.

Das Buch ist kein grosser Wurf, zu schnell geschrieben, hastig übersetzt und unzureichend strukturiert. Dem interessierten Zeitgenossen gibt es aber etliche Informationen, die man in der Tageszeitung nicht mehr findet.

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