Weihnachten machte sie zu Bestseller-Autorinnen

Sie wollte weder Schriftstellerin noch Verlegerin werden. Heute ist die Berner Oberländerin Irene Graf beides. Zusammen mit Illustratorin Edith Pieren legt sie jetzt mit «Schmucktruckli» erstmals ein Werk für Erwachsene vor.

Mit Adventskalendern und Weihnachtsgeschichten zum Erfolg: Illustratorin Edith Pieren (links) und Autorin Irene Graf.

Mit Adventskalendern und Weihnachtsgeschichten zum Erfolg: Illustratorin Edith Pieren (links) und Autorin Irene Graf. Bild: Patric Spahni

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Als ein gestandener Berner Autor erfuhr, wie viele Exemplare der Adventsgeschichten um Mäxu, Frudi, Balthasar und Doro die Autorin Irene Graf und die Illustratorin Edith Pieren seit 2009 abgesetzt hatten, schluckte er leer. Als er der Mundartautorin beschied, dass sie mit diesen Zahlen auf Bestsellerlisten auftauchen würde, wenn ihr Verlag entsprechend gelistet wäre, schluckte sie leer. Die Geschichte, wie Irene Graf eine erfolgreiche Mundartschriftstellerin wurde, ist auch die Geschichte von einer Erzählung, die viral ging, bevor es die Plattformen dazu überhaupt gab.

«Viral», bevors das Wort gab

Wenn heute ein Beitrag auf Facebook oder ein Film auf Youtube sich rasend schnell durchs Internet bewegt und Millionen von Menschen rund um den Globus ein Begriff ist, spricht man von etwas, das viral geht – weil es sich wie ein Virus verbreitet. Das Virus, das Irene Graf in die Welt gesetzt hat, ist der «zahnschonendste Adventskalender»: Ende der 1990er-Jahre schrieb die gebürtige Steffisburgerin eine Weihnachtsgeschichte für ihre Göttibuben.

Schön portioniert, auf 24 A4-Blättern, von denen an jedem Tag vom 1. bis 24. Dezember eines vorgelesen werden konnte. Es war die Geschichte von Mäxu, dem Mäusejungen, der sich aufmacht, die Welt zu entdecken – und sie basiert auf einer wahren Begebenheit. «Ich sollte die Mäuse von Nachbars Tochter hüten, vergass einmal, den Deckel des Käfigs zu schliessen – und schwupp, waren die Tiere weg. ‹Läck›, war das ein Drama, bis wir sie eingefangen hatten», erinnert sich die 49-jährige Mutter zweier Söhne, die damals im Sekretariat des Thuner Stadtpräsidiums arbeitete.

Aha-Erlebnis in Adelboden

Jahre später, die Familie war mittlerweile des Wintersports und der Liebe zu den Bergen wegen nach Adelboden gezogen, wurde die Autorin gefragt: «Sind Sie die Frau Graf, die Geschichten schreibt?» – «Ich? Nein, ich publiziere keine Geschichten», habe sie geantwortet, wohl wissend, dass sie schon immer Geschichten geschrieben hatte. «Ich hatte als Kind eine lebhafte Fantasie und konnte in Gedanken aus dem Alltag in andere Welten fliehen», sagt Graf.

Doch die Geschichten, die sie schrieb, schrieb sie immer für sich. Oder für Freunde oder Verwandte. Und ebendiese waren namentlich von der Advents­kalender-Geschichte um Maus Mäxu so begeistert, dass sie anfingen, sie zu kopieren und weiterzugeben. So fand Mäxus Geschichte den Weg via Heimenschwand, Eriz, Schwanden ob ­Sigriswil und Brienz nach Adelboden, wo Kinder die Geschichten einander weitergaben. «Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte: ‹Die lesen meine Geschichte›», sagt die Autorin.

«Mäxu» fand sofort Anklang

Zur selben Zeit lernte Irene Graf Edith Pieren kennen. Gemeinsam suchten und fanden die Geschichtenerzählerin mit KV-Ausbildung und die Lehrerin mit dem Talent für detailverliebte Illustrationen einen Verlag, der die Geschichte von Mäxu herausgeben wollte – 200-mal 24 Couverts, verpackt in einer passenden Falttasche aus LKW-Planen. «Nach zwei Wochen waren alle 200 Stück weg, und wir fingen zusammen mit Frauen aus der Familie und dem Bekanntenkreis an, nächtelang weitere Taschen zu nähen, um die restlichen gedruckten Geschichten auch noch verpacken zu können.» Bevor der November 2008 vorbei war, waren die ersten offiziell veröffentlichten 1000 Exemplare von «Mäxus Abentür» bei den Kunden angelangt und die erste Auflage vergriffen.

Wichtig: Die Unabhängigkeit

Nach dem Bruch mit dem Verlag entschieden sich Graf und Pieren, alles auf eine Karte zu setzen und einen Mundartverlag zu gründen. «Nicht wegen des Profits», wie Graf betont, «sondern weil wir unabhängig bleiben wollten.» Eine Haltung, der sie bis heute treu geblieben sind, selbst als ein renommierter Verlag anklopfte und «ein sehr anständiges Angebot» auf den Tisch legte, wie Graf sagt.

Nach «Mäxus Abentür» folgten 2010 «Frudis Abentür» um den Frosch, der den Winter über wach bleiben wollte; 2012 die Geschichte um «Balthasar – es sydefyns Wiehnachtsgschänk» vom Schaukelpferd, das aus der Brockenstube abhaut, und 2015 «Mamma-Mia Doro» mit dem Eichhörnchen, das unfreiwillig mit der Bahn auf grosse Fahrt geht. Insgesamt wurden seit 2008 25 000 Adventskalender produziert, allein 10 000 gehen auf das Konto von «Überflieger» Mäxu, wie Irene Graf ihn nennt. «Unsere Helferinnen haben mehr als eine halbe Million Geschichtenblätter in Couverts gesteckt.»

Endlich: Ein gebundenes Buch

Dass sie mit dem «Schmuck­truckli» in diesem Jahr ein Buch mit Weihnachtsgeschichten für Erwachsene veröffentliche, sei die Erfüllung eines lange gehegten Traums, sagt Irene Graf. «Nach den Geschichten für die Adventskalender wünschte ich mir nichts sehnlicher als ein fixfertig gebundenes Buch.» Fünf der zwölf Mundartgeschichten stammen aus früherer Zeit, sieben hat sie extra für das neue Buch verfasst.

Darin erfindet sie das Rad der Mundartweihnachtsgeschichten keineswegs neu, sondern erzählt in bester Tradition bekannter Volksschriftsteller wie Simon Gfeller, wie Menschen Weihnachten erleben, die entweder am Rand der Gesellschaft leben oder aus anderen Gründen jene Tage allein verbringen, die andere in der Gesellschaft der Liebsten feiern. Dass Weihnachten bei Irene Graf nicht immer heile Welt bedeutet, versteht sich zumindest für all jene von selbst, die ihre Kindergeschichten kennen, wie die Tatsache, dass selbst ­Maschinen menschlich fühlen können.

Und bald ein Roman?

Was nach dem «Schmucktruckli» kommt, ist für Irene Graf offen. «Ich habe die Geschichte für einen Roman im Kopf», sagt sie. Der an Weihnachten spielt? «Nein, definitiv nicht. Es wird dem einen oder anderen ziemlich an den Kragen gehen, bleibt aber humorvoll.» Wie es mit den Adventskalendern weitergehe, sei noch offen, «weil ich mich nicht gern wiederhole. Aber wenn mir plötzlich eine neue Geschichte begegnet – wer weiss?» Das dürfte den Fans Hoffnung machen. Im «Schmucktruckli» ist auf jeden Fall mehr als einmal die Rede davon, dass Geschichten ihr «einfach zufallen».

Irene Graf, Edith Pieren:«Schmucktruckli». 136 Seiten, Mundartverlag. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.11.2017, 13:07 Uhr

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