Was der Krieg mit Menschen macht

Der Pariser Zeichner Christian De Metter nutzt Pierre Lemaitres Roman «Wir sehen uns dort oben» als Vorlage für einen Comic. Er handelt vom Wesen des Menschen, das sich nie so ungeschönt zeigt wie während eines Kriegs.

Überlebende des Ersten Weltkriegs: Albert Maillard (links) und Édouard Péricourt im Comic «Wir sehen uns dort oben».

Überlebende des Ersten Weltkriegs: Albert Maillard (links) und Édouard Péricourt im Comic «Wir sehen uns dort oben».

(Bild: zvg)

Man möchte Pierre Lemaitres Roman «Wir sehen uns dort oben» nicht als Film sehen. Die darin beschriebenen Gräuel des Ersten Weltkriegs sind schlimm genug, wenn sie sich im eigenen Kopf abspielen. Doch nun hat Christian De Metter die 521 Seiten Literatur auf 154 Comicseiten verdichtet.

Eine Parforceleistung, die in jeder Hinsicht überzeugt. Nachdem «Au revoir là-haut», wie der Roman im Original heisst, 2013 den renommierten Prix Goncourt gewonnen hatte, schlug der Verleger Pierre Lemaitre vor, daraus einen Comic zu machen. Da der Autor sich mit Christian De Metter, dem Zeichner von «Shutter Island» und «Scarface», auf Anhieb gut verstand, kam die Zusammenarbeit zustande.

Extrem ausdrucksstark

Statt die einzelnen Panels mit Sprechblasen zu überfüllen, hält De Metter die Dialoge knapp und lässt über weite Strecken die Bilder sprechen. Das funktioniert zum einen, weil die Mimik der Figuren extrem ausdrucksstark ist, zum andern, weil De Metter nicht fotorealistisch, sondern expressiv zeichnet. Dabei kombiniert er schwarze Tusche mit Aquarell- und Gouachefarben, Bunt- und Bleistiften.

Das Resultat ist ein hypnotischer Trip durch die Schützengräben des Ersten Weltkriegs und die Friedenszeit unmittelbar danach. Albert Maillard wird unter der Erde begraben, die eine feindliche Granate wegsprengte. Édouard Péricourt gräbt ihn aus und schafft es, ihn wiederzubeleben.

In diesem Augenblick wird Édouard der Unterkiefer weggeschossen. Nun kehren sich die Rollen um: Albert rettet Édouard, doch als dieser im Lazarett sein Spiegelbild sieht, will er nur noch sterben. Albert hält ihn jedoch davon ab, sich umzubringen. Weil Édouard nicht zu seiner Familie zurückkehren will, bezieht Albert mit ihm eine kleine Wohnung.

Dann hat Édouard die Idee, allen Gemeinden im Land günstige Kriegsdenkmäler zu Ehren der Gefallenen anzubieten und vor der Lieferung 40 Prozent Anzahlung zu verlangen. Nur will er gar nie liefern, sondern mit dem erschwindelten Geld in die französischen Kolonien fliehen.

Albert ist zuerst dagegen, lässt sich aber schliesslich überreden. Er betrachtet den Betrug als Schmerzensgeld für das, was Frankreich seinen Bürgern angetan hat, indem es die jungen Männer in den Krieg schickte.

Moral ging verloren

Der Wahnwitz dieser Geschichte lässt den Wahnsinn des Ersten Weltkriegs erahnen, zumal auch gezeigt wird, wie sich der ehemalige Vorgesetzte der beiden Protagonisten am Leid der Hinterbliebenen zu bereichern versucht.

Die Moral, so suggeriert der Comic, ist irgendwo auf dem Schlachtfeld verloren gegangen. Weggeschossen wie Édouards Unterkiefer. Was bleibt, ist die Hoffnung der Überlebenden, die gefallenen Freunde und Verwandten dort oben im Himmel wiederzusehen.

Berner Zeitung

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