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«Wäre gern der erste tote Mensch auf Mars»

Das grosse Werk des amerikanischen Fantasy-Autors Ray Bradbury wird bei Diogenes neu aufgelegt: ein Gespräch mit dem fast 90-Jährigen über Gott, die Angst und die Literatur.

Mit Ray Bradbury sprach Denis Scheck

Stimmt es, dass ausgerechnet der Sciencefiction-Autor Ray Bradbury keinen Führerschein besitzt und nur ungern ein Flugzeug besteigt?

Streng genommen, bin ich gar kein Sciencefiction-Autor - ich habe nur einen einzigen SF-Roman geschrieben, «Fahrenheit 451». Alles andere von mir ist Fantasy. Und das ist schliesslich die älteste Literaturtradition der Welt. Homer war auch ein Fantasy-Autor.

Aber woher rührt Ihre für einen Einwohner von Los Angeles ungewöhnliche Aversion gegen Autos?

Ich bin in einem Milieu aufgewachsen, wo man schlicht zu arm war, um sich ein Auto leisten zu können. Übrigens sind auch heute die meisten Menschen zu arm, um sich Autos wirklich leisten zu können, sie merken es nur nicht und sind daher bereit, für so einen dämlichen Blechsarg ihre Seele zu verkaufen. Als ich mit Ende 30 schliesslich genug Geld hatte für ein Auto, waren schon zu viele meiner Freunde bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen, als dass ich noch grosse Lust dazu empfunden hätte.

Und Ihre Flugangst?

Leider habe ich erst vor zwanzig Jahren herausgefunden, dass ich nicht Angst vorm Fliegen hatte, sondern nur Angst vor mir selbst. Bis dahin hatte ich mehrmals für unschöne Szenen gesorgt, weil ich kurz vor dem Start aufgesprungen bin und die Stewardessen buchstäblich angebettelt habe, das Flugzeug anhalten und mich wieder aussteigen zu lassen. Seither fliege ich sogar ganz gern und war schon an die zwanzigmal mit der Concorde in Paris.

Haben Sie einen Rat, wie man seine Ängste in den Griff bekommt?

Man analysiert, was einem Angst macht, und im Verlauf dieser Analyse verliert man seine Ängste.

Kann die Literatur dabei helfen?

Unter Umständen. Aber an erster Stelle muss die Selbstanalyse stehen. Wenn Sie Probleme haben, sollten Sie nicht von der Gesellschaft erwarten, dass sie die Probleme für Sie löst. Erwarten Sie dies auch nicht von einem Psychiater oder der Literatur. Lösen Sie Ihre Probleme selbst!

Beim Wiederlesen Ihrer gesammelten Werke ist mir aufgefallen, wie stark diese von der Angst vor dem Atomkrieg durchdrungen sind. Diese Angst ist heute fast verschwunden. Empfinden Sie darüber Erleichterung?

Unsere Atomwaffen sind eine zwiespältige Sache. Einerseits war das Leben mit der ständigen Angst vor dem nuklearen Inferno schrecklich. Andererseits haben unsere Atomwaffen die Russen in die Schranken gewiesen und dafür gesorgt, dass nicht der ganze Erdball in jenem Elend versank, in das der Kommunismus Polen und Ostdeutschland gestossen hat.

Jetzt klingen ausgerechnet Sie wie ein Kommunistenfresser von anno dazumal.

Als vor über 50 Jahren Joe McCarthy und Konsorten ankamen und alle möglichen Leute in Hollywood beschuldigten, Kommunisten zu sein, habe ich eine Anzeige im «Daily Variety» geschaltet, in der ich sie aufforderte, sich doch bitte wieder ins Jahr 1682 zu den Hexenverfolgungen zu verziehen. Mein Agent erklärte mich damals für verrückt und warnte mich, dass ich niemals wieder Arbeit finden würde, sollte ich Senator McCarthy auf diese Weise angreifen. Ich habe nur gesagt, dass ich mich von niemandem zu einem Kommunisten machen lasse.

Mit welchen Konsequenzen?

Ein Jahr später kam John Huston zu mir und gab mir den Auftrag für das Drehbuch zu seiner Verfilmung von «Moby Dick». Und da habe ich meinem Agenten gesagt: Siehst du? Es zahlt sich aus, Widerstand zu leisten und aktiv für eine Zukunft zu kämpfen, die man haben will, statt sich einfach mit allem und jedem abzufinden.

Wie gross sind Ihre Hoffnungen heute noch in das politische System der USA?

Meine Enttäuschungen liegen auf anderem Gebiet - zum Beispiel, dass nicht mehr Länder die Demokratie eingeführt haben. Afrika ist eine einzige Katastrophe. Überall regieren Wahnsinnige.

In Ihrem berühmten Roman «Fahrenheit 451» ist der Feind des Lesers der Staat. Wer ist der Feind von uns Lesern heute? Immer noch der Staat oder eher die Grosskonzerne oder die Medien?

Eine Mischung aus allem. Die Erfindung des Computers, der Medien, von all dem, was über Leitungen oder drahtlos durch die Luft zu uns in unser Heim eindringt, all diese Spielzeuge, nach denen wir süchtig geworden sind: Im Zentrum von all dem steht einfach ein bedauerlicher Mangel an Grips, an Intelligenz. Wenn wir noch mehr Kino und Fernsehen und noch mehr E-Mail wollen, müssen wir dafür sorgen, dass dahinter auch Grips steht. Im Moment kümmert sich niemand darum, aber wir müssen das leisten.

Wie bringt man Grips in die Medien?

Man muss dafür sorgen, dass die klügsten Köpfe ins Kino und Fernsehen gehen. Und dass die Medien nicht der Linken oder der Rechten gehören, sondern schön in der Mitte bleiben.

In Ihren Erzählungen qualmen sich die Kapitäne Ihrer Raumschiffe die Lungen aus dem Leib. Das wirkt heute eher unwahrscheinlich. Wo hat unsere Gegenwart sonst noch Ihre Zukunftsvisionen eingeholt?

Das Wichtigste ist die Bedeutung des Fernsehens und der Computer in unserem Leben. Das wurde völlig unterschätzt. Mir kommt es vor, als hätten wir uns nicht vernünftig informiert, ehe wir uns mit diesen Spielzeugen zu amüsieren begannen.

Wenn heute Ausserirdische mit ihrem Raumschiff im Vorgarten Ihres hübschen Häuschens hier in Los Angeles in Kalifornien landen würden, was wäre Ihre Frage an sie?

Glauben Sie an Gott? Und natürlich würden die Ausserirdischen an Gott glauben, denn sie kommen ja aus dem Universum. Das Universum ist so riesig, dass wir uns verschiedene Namen für die Schöpfung, den Kosmos und für Gott ausgedacht haben. Und darüber führen wir Krieg - was für eine Idiotie! Wir sollten uns stattdessen einfach damit abfinden, dass wir entgegen jeder Plausibilität auf diesem Planeten leben: ein unmöglicher Haufen auf einer unwahrscheinlichen Welt, aber unbestreitbar vorhanden. Sollte ein Raumschiff von einer anderen Welt hier landen, würde ich die Insassen daher fragen: Was bedeutet das Leben für Sie? Bedeutet es dasselbe wie für mich? Nämlich, wie herrlich die Gabe des Lebens doch ist!

Wie erklären Sie sich, dass so wenige Frauen Sciencefiction und Fantasy lesen?

Das war schon immer so. Wir Männer sind nun mal eher die mechanischen Schöpfer. Manchmal ist das, was wir erschaffen, etwas Böses, das Auto zum Beispiel, und manchmal ist es das Raumschiff, mit dem wir zum Mond geflogen sind und das uns zum Mars bringen wird. Wir Jungs sind ganz vernarrt in unsere Spielzeuge, wir sind grosse Tüftler und Schrauber und lieben nichts mehr, als eine Zündschnur anzuzünden und eine Rakete in den Himmel steigen zu lassen. Und deshalb lesen Männer gern Sciencefiction.

Sie nähern sich Ihrem 90. Geburtstag. Haben Sie so etwas wie einen Tipp, wie man ein erfülltes Leben führt?

Die einzige Antwort, die ich darauf habe, lautet: Tu, was du liebst, und liebe, was du tust! Das sollte im Mittelpunkt Ihres Lebens stehen. Man sollte niemals etwas tun, was man nicht liebt. Die meisten Filme und Bücher heute werden von Menschen gemacht und geschrieben, die das Leben nicht lieben. Und diese Menschen würde ich am liebsten in den Hintern treten und ihnen sagen: Verdammt noch mal, Mann, du bist lebendig! Das ist ein Wunder, es ist grossartig, du kannst lieben! Wenn du also deinen nächsten Film drehst, dein nächstes Buch schreibst oder die nächste politische Partei gründest, dann muss das aus Liebe zur Menschheit geschehen und um den Menschen beizubringen, wie man liebt.

Wie kann die Literatur dabei helfen?

Ich glaube weder an Lehrer noch an Universitäten, ich glaube an Bibliotheken. Die ideale Ausbildung besteht in meinen Augen darin, dass man sich zehn Jahre in eine Bibliothek setzt, ein Buch nach dem anderen liest und auf diese Weise allmählich zu Sinn und Verstand kommt.

Was wünscht sich Ray Bradbury heute?

Ich hoffe, dass wir auf dem Mars gelandet sind, bis es für mich ans Sterben geht. Ich wäre so gern der erste tote Mensch auf dem Mars. Dann könnte man meine Asche im Bradbury-Graben beisetzen, den man auf dem Mars nach mir benannt hat. Das wäre mein Wunsch.

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