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Vom Unglück, ein Wunderkind zu sein

Der Amerikaner William Sidis (1898–1944) war ein berühmtes Wunderkind, das am Leben scheiterte. Davon erzählen Klaus Cäsar Zehrer und Morten Brask in ihren Erstlingsromanen.

William Sidis starb mit 46 Jahren.
William Sidis starb mit 46 Jahren.
zvg

Mit achtzehn Monaten las William Sidis die «New York Times», mit acht Jahren sprach er zehn Sprachen und hatte vier Bücher geschrieben, mit zehn beeindruckte er die Harvardprofessoren mit der Originalität seines mathematischen Vortrags.

Geerbt hatte er seine Intelligenz wohl von seinen jüdischen Eltern, die vor den Pogromen in der Ukraine in die USA geflüchtet ­waren: Trotz ihrer Armut zog seine Mutter ein Medizinstudium durch, und sein Vater, ein Sprachtalent, wurde ein bekannter Psychologieprofessor, der therapeutisches Neuland erforschte und sich mit Freud anlegte.

Scheiternd am Leben

Am Beispiel seines Sohnes wollte Boris Sidis beweisen, dass mit entsprechender Förderung jedes Kind zum Genie werden kann. Unter dem ständigen Lerndruck blieb aber die emotionale und ­soziale Entwicklung auf der ­Strecke: In der Schule wurde ­William von den Klassenkameraden wie von den Lehrern ausgegrenzt als arroganter Besserwisser. Er scheiterte auch als brillanter Universitätsdozent am Spott seiner viel älteren Studenten. Und jede andere, bescheidene Anstellung verlor er nach kurzer Zeit.

Schon früh war Billy zur Einsicht gekommen, «dass man nur in der Einsamkeit ein perfek­tes Leben führen kann». Nichts weniger als das strebte er an in einer verbesserungsbedürftigen Welt. Schliesslich hatte er schon als Sechsjähriger eine egalitäre Staatsverfassung mit Minderheitenschutz entworfen.

Das führte den jungen Mann in sozialistische Kreise, wo er sich – erstmals in seinem Leben und chancen­los – in die Aktivistin Martha ­Foley verliebte. Bei einer Demonstration wurde er verhaftet und anschliessend von den Eltern zu Hause eingesperrt. Mit 46 Jahren starb William Sidis an einer Hirnblutung.

Unterschiedliche Romane

Gleich zwei Autoren haben, unwissend voneinander, das Thema aufgegriffen: Zehn Jahre arbeitete der 1969 geborene deutsche Kulturwissenschaftler Klaus Cäsar Zehrer an seinem Debütroman «Das Genie». Er zeichnet das stimmige Psychogramm der ungewöhnlichen Familie und zugleich ein detailreiches Zeitbild, gestützt auf vielfältige Quellen. Dabei erzählt er chronologisch, beginnend mit der Ankunft der Eltern in New York.

Einen anderen Zugang zu dem umfangreichen dokumentarischen Material wählt der 1970 ­geborene dänische Filmwissenschaftler Morten Brask in seinem ebenfalls ersten Roman «Das perfekte Leben des William Sidis»: Er beleuchtet das tragische Leben des Genies in Momentaufnahmen, von Kapitel zu Kapitel wechselnd zwischen fünf Zeitebenen.

Welches der zwei aufwendig ­recherchierten und gekonnt geschriebenen Büchern man auch liest: Man empört sich, wie ehrgeizige Eltern und eine verständnislose Umwelt einen talentierten jungen Menschen seelisch verkrüppeln, und denkt nach über die Gefahr einer einseitigen Bildungsförderung.

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie. Diogenes-Verlag, 645 S. Morten Brask: Das perfekte ­Leben des William Sidis. Verlag ­Nagel & Kimche, 365 S.

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