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Viel mehr als eine Familiensaga

Wer würde hinter dem Namen Vögeli so eine aufregende Familiengeschichte vermuten? Berlin-Korrespondent Peter Vögeli erzählt in seinem Buch, wie seine Vorfahren als Unternehmer und «Balkankönige» bis 1946 Belgrad aufmischten.

«Idi kod Fegeli» steht 1912 in grossen Lettern auf der Frontseite der Zeitungen in Serbiens Hauptstadt Belgrad. Fegeli, das ist die serbische Schreibweise des Schweizer Familiennamens Vögeli. Der Satz bedeutet: «Gehe zu Vögeli, der weiss etwas.»

Die Gebrüder Henri und Christian Vögeli aus dem Kanton Glarus sind damals in Belgrad nicht nur als Unternehmer tätig, sie ­haben im Balkankrieg von 1912 auch die serbische Agentur des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) aufgebaut. Ihre Kartei umfasst 90'000 gefangene, vermisste oder kranke Soldaten. Angehörige kommen und fragen nach ihren Söhnen. Was das IKRK ist, weiss damals in Belgrad niemand, die Vögelis aber sind ein Begriff.

Was haben zwei Glarner im unterentwickelten Serbien verloren? Sie sind Auswanderer. Aber nicht die Armut treibt sie in die Fremde. Ihr Weg ist ein Aufbruch. Er beginnt in der lokalen Textilindustrie. Henri Vögeli, den sie später den «Balkankönig» nennen, kommt nach Stationen in London, Manchester, Istanbul und Smyrna nach Belgrad. Serbien ist arm, aber es gibt brachliegendes Potenzial. Als Handelsagenten beschaffen die Vögelis in Berlin etwa Lokomotiven für Serbiens Eisenbahn.

Die beiden Glarner sind in Belgrad mittendrin in der brausenden Weltgeschichte: Sie erleben die Frühglobalisierung der Belle Epoque, die Weltkriege. Es ist eine Zeit der Risiken, aber auch der Freiheiten. Vor Ort vernetzte Schweizer Unternehmer übernehmen in diesen unregulierten Zeiten im Nebenamt diplomatische Aufgaben und sind Schweizer Handelsvertreter. Individuelle Initiative ermöglicht vieles.

Hinter dem Familiennamen mit dem Diminutiv vermutet man nicht die aufregende Familiensaga, die nun im Buch «Der Balkankönig und seine Familie» vorliegt. Aufgeschrieben hat sie Peter Vögeli, Korrespondent des Schweizer Radios in Berlin. Der Balkankönig Henri ist sein Urgrossvater. Peter erzählt gemeinsam mit seinem Vater Nikolaus Vögeli, der in Belgrad aufgewachsen ist, nach dem deutschen ­Einmarsch 1941 aber nicht mehr zurückkehren konnte.

Das Buch lebt von den eindringlich geschilderten Erlebnissen und Figuren. Am Balkankönig Henri wird etwa vorgeführt, wie sich Schweizer Fleiss und Realitätssinn im wilden Balkan bewähren. Auf einer Reise nach Belgrad lassen Vater und Sohn an den alten Schauplätzen Erinnerungen aufleben.

Auch ­jene an bittere Verluste: Henris Sohn Rudolf Vögeli, unter der Nazibesetzung ebenfalls IKRK-Koordinator in Belgrad, wird 1946 vom sozialistischen Jugoslawien enteignet und ausgewiesen. Es mutet wie eine Art Versöhnung an, dass Nikolaus Vögeli dann 1973 in Zürich die schweizerisch-jugoslawische Handelskammer gründete.

Das Buch: Peter und Nikolaus Vögeli: Der Balkankönig und seine Familie – eine andere Geschichte der Schweiz, 200 S., Stämpfli-Verlag Bern, 39 Franken.

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