Viel Liebe, viel Leiden, viel Tod

Wer Russland verstehen will, sollte Ljudmila Ulitzkaja lesen. In ihrem neuen Roman «Jakobsleiter» verwebt sie geschickt ihre Familiengeschichte mit der russischen Geschichte des letzten Jahrhunderts.

Seit hundert Jahren unverändert und wahr: Das neue Buch «Jakobsleiter» von Ljudmila Ulitzkaja basiert auf Briefen ihrer Grosseltern.

Seit hundert Jahren unverändert und wahr: Das neue Buch «Jakobsleiter» von Ljudmila Ulitzkaja basiert auf Briefen ihrer Grosseltern. Bild: Imago

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Am Anfang steht eine Geburt. Am Schluss auch. Dazwischen gibt es viel Liebe, viel Leiden, viel Tod. «Jakobsleiter» von Ljudmila Ulitzkaja ist in mancher Hinsicht ein Jahrhundertbuch. Weil der Roman einerseits im Zeitraum von einem Jahrhundert spielt, von 1911 bis 2011. Und weil er andererseits zeigt, wie die russische Gesellschaft funktioniert. Nicht aufgrund einer ermüdenden po­litischen Analyse, sondern mit einer Familiengeschichte, die fesselt, fasziniert und zu einem grossen Teil auf wahren Begebenheiten basiert.

Liebe, Krieg und Trennung

Ausgangspunkt ist ein Bündel Briefe, das Ljudmila Ulitzkajas Grossmutter ihr hinterlassen hat. Jahrelang scheut sich die Autorin, das Bündel zu öffnen. Sie macht es erst 2011, hundert Jahre nachdem Ulitzkajas Grossvater Jakow Ulitzki den ersten Brief an Grossmutter Maria geschrieben hat. Dann ist sie wie im Rausch. Ulitzkaja liest alle fünfhundert Briefe, «es hatte etwas Unheimliches – so als fielen plötzlich Skelette aus dem Schrank», sagt sie später in einem vom Verlag geführten Gespräch. Sie habe vorher noch nie daran gedacht, ihre Familiengeschichte in einem Roman zu verweben, «aber die Lektüre dieser Briefe hat mich einfach dazu gezwungen». Auf diesen Briefen – manche original, andere leicht abgeändert, einzelne erfunden – basiert der 600-seitige Roman.

Sie zeugen anfangs von der grossen Liebe zwischen Jakow Ossetzki (wie er im Buch heisst) und Maria, genannt Marussja. Die beiden haben sich in Kiew kennen gelernt, werden jedoch bald getrennt, weil Marussja eine Tanzschule in Moskau besucht. Ihre spätere Ehe ist von langen Trennungen geprägt, Militärdienst, Krieg, Erholungsurlaub im Sanatorium. 1931 fällt Jakow, ein Musik liebender Wirtschaftswissenschaftler, der alles genau verstehen und analysieren will, im Sowjetstaat in Ungnade. Er wird verbannt. Die Eheleute halten auch während dieser Zeit Briefkontakt. Doch als Jakow nach Moskau zurückkehrt, erfährt er, dass Marussja sich in­zwischen von ihm hat scheiden lassen. Sie will Bolschewistin sein, er ist ihr dabei im Weg. Damit bricht auch der Kontakt zu seinem einzigen Sohn Genrich ab. Enkeltochter Nora sieht er in den 1950er-Jahren nur ein ­einziges Mal, als er nach Moskau kommt, um seinen nächsten Aufenthaltsort zu erfahren – als ehemals Verbannter darf er nicht in Moskau leben.

Heirat zum Witz

Das Leben von Enkeltochter Nora ist der zweite, erfundene Handlungsstrang des Romans. Sie ist Bühnenbildnerin und für sowjetische Verhältnisse unkonventionell, indem sie freischaffend tätig ist, sich von ihrem Mann, den sie aus einem jugendlichen Witz heraus geheiratet hat, ein Kind machen lässt und dieses dann zu einem grossen Teil allein aufzieht. Ihre grosse Liebe gilt einem georgischen Regisseur, der auftaucht und verschwindet, wie es ihm passt. Ihr Sohn Jurik hingegen tut sich schwer im Leben. Trost spendet ihm nur die Musik, auf der Gitarre spielt er die Beatles rauf und runter. Bis auch er ganz unerwartet familiäres Glück findet.

Stammbaum hilft

Dies ist eine höchst lückenhafte Zusammenfassung des Buches, das die ganze Spannweite vom russischen Leiden zum russischen Lieben umfasst. Eben die «Jakobsleiter». Für Ulitzkaja steht dieser biblische Begriff für das Weiterexistieren von Generation zu Generation, jede Generation ist nötig dafür, eine Sprosse weiterzukommen. Ulitzkaja fasst mit diesem Bild ein Jahrhundert russischer Geschichte zusammen, vom Zarenreich über die Sowjetunion bis zur zögerlichen Demokratie, von intellektueller Freiheit über Stalinismus bis zur Perestroika. Ein auf dem Umschlag des Romans aufgezeichneter Stammbaum hilft, dass man sich in dieser Familiengeschichte nicht verliert.

«Die ‹grosse Geschichte› wird von Zeit zu Zeit umgeschrieben und korrigiert, die Briefe unserer Grosseltern hingegen unterliegen keinerlei Zensur, in ihnen steckt die eigentliche Wahrheit», sagt Ulitzkaja. Dieser Roman enthält vielleicht nicht die voll­ständige Wahrheit, aber einen realen Blick auf die russische Geschichte.

Ljudmila Ulitzkaja: «Jakobsleiter», Hanser, 603 Seiten. Lesung im Rahmen der Buch Basel (siehe Kasten): Sonntag, 12. 11., 17 Uhr, Volkshaus Basel. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.11.2017, 07:36 Uhr

Literaturfestival

Viel Welt in Basel

Heute Freitag wird die diesjährige Buch Basel mit einer Rede von Michail Schischkin eröffnet. An dem dreitägigen Literaturfestival treten in Basel internationale Grössen auf, darunter Sven Regener, Ljudmila Ulitzkaja und Péter Nádas, Petros Markaris und John Burnside oder David Constantine. Ein Schwerpunkt ist der gesellschaftspolitischen Grosswetterlage gewidmet, die von tiefen Rissen durch viele demokratische Gesellschaften gezeichnet ist. Dabei wirft der indischstämmige Essayist Pankaj Mishra einen globalen Blick auf die Frage, woher der Hass kommt. Der Politaktivist und ehemalige EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit diskutiert zusammen mit der jungen Feministin Margarete Stokowski über die Wirksamkeit von Strassenprotesten und Blogein­trägen. Am Samstag steigt ein Fest zur Feier des 10-Jahr-Ju­biläums des Schweizer Buchpreises. Wer den diesjährigen Schweizer Buchpreis gewinnt, wird am Sonntag zum Abschluss des Literaturfestivals bekannt gegeben. ass

Buch Basel: 10.–12. November, www.buchbasel.ch.

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