Verloren im Treibgut

Betörend unaufgeregt schreibt Rolf Lappert über Menschlichkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt. Sein neues Buch «Über den Winter» ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Kleider, Schuhe,  vom letzten Sturm angeschwemmtes Strandgut: Der Protagonist des Buchs sammelt am Strand Habseligkeiten Ertrunkener.

Kleider, Schuhe, vom letzten Sturm angeschwemmtes Strandgut: Der Protagonist des Buchs sammelt am Strand Habseligkeiten Ertrunkener.

(Bild: Keystone)

Dunkelheit, Stacheldraht, eine Ansammlung von Bungalows an einem namenlosen Ort, wo Afrika «als Ahnung hinter dem Horizont» liegt: Wie in den Eröffnungsminuten eines Films tappt man mit der Hauptfigur in Rolf Lapperts neuem Roman hinter die Absperrung, wo sich verschrobene Figuren verschanzen. Das Feriendorf ist zur Festung geworden. Ausgemergelte Hunde werden brutal abgeknallt, Wurfgeschosse aus Steinschleudern fliegen über den Zaun, am Strand hat das Meer Treibgut vom letzten Sturm angespült: Kleider, Schuhe, Koffer mit Habseligkeiten, bis hin zu einem toten Säugling unter einem umgedrehten Boot.

An diesem Niemandsort, wo «die Kontinente voneinander wegtreiben», ist Lennard Salm gestrandet. Als Konzeptkünstler, der die Technik beherrscht, «ein paar Provokationen» und «politische Unkorrektheiten» zu dosieren, sammelt er die Habseligkeiten von ertrunkenen Flüchtlingen und plant daraus sein neustes Projekt. Bis ihn zeitgleich mit dem Fund des toten Säuglings die Nachricht vom Tod seiner Schwester erreicht.

Leben am Wendepunkt

Archetypisch zeichnet Rolf Lappert den Auftakt zu seinem neuen Roman «Über den Winter». Die düstere Szenerie, in jüngster Zeit hochaktuell geworden, ist die Folie, vor der sich die eigentliche Geschichte entfaltet. Und was dort passiert, ist schnell gesagt: die zögerliche Annäherung des Protagonisten an seine Familie, vor der er immer geflohen ist, der Einzug bei seinem hochbetagten Vater, sein Entschluss, keine Kunst mehr zu machen. Zuletzt lässt Lappert seinen Protagonisten Bilanz ziehen: «Das war er also, Lennard Salm, bald fünfzig, mit weniger Freunden als Fingern, ein ehemaliger Mitschwimmer in den Strömen zwischen New York und Miami, Kassel und Basel, ein kreativer Allesmacher und Nichtskönner, ein Blender, ein Profiteur ohne Rücklagen.»

Leuchtende Sprachkraft

Das Ereignis dabei ist, wie der 56-jährige Autor, der 2008 für sein Buch «Nach Hause schwimmen» mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde, die radikale Umkremplung des Lebens seiner Figur erzählt. Lapperts Sprache ist ruhig und langsam, scheinbar unspektakulär, und doch gibt sie präzise Beobachtungen von Gefühlsregungen wieder und findet ganz eigene, treffende Bilder. Der Text wird zu einem unaufdringlichen, aber dichten Teppich von wiederkehrenden Motiven und Bezügen, deren augenfälligste die symbolisch aufgeladenen Wetterstimmungen sind.

Von dieser Sprache getragen, folgt man Lennard, wie er in einem «Kokon» aus zunehmender Alkoholschwere und Müdigkeit umherirrt. Aus dem Takt seines früheren Lebens geworfen, knüpft er vorsichtige Beziehungen, die auf Menschlichkeit und Empathie bauen – zunächst mit seiner jüngeren, quirligen Schwester, seinem Vater, dann aber auch mit weiteren Bewohnern des verfallenden Hauses, Zufallsbegegnungen bis hin zu einem ausgemergelten Pferd.

Menschlichkeit und Empathie

Menschlichkeit, Solidarität, Wärme und der Blick auf das engste Umfeld – ist das die Lösung für die Probleme dieser Welt? Gegen Vorbehalte, das sei zu einfach oder gar sentimental, wehrt sich der Autor: «Etwas mehr Sentimentalität und Empathie und weniger Zynismus würden der Gesellschaft guttun.»

Als Lennard aus seinem bisherigen Leben aufbricht, verliert er seinen Koffer. Am Ende des Buches erhält er den Koffer endlich zurück, hat jedoch keine Verwendung mehr dafür: Er ist ein Heimkehrer nach langer Odyssee. Und das schmerzende Bild des toten Säuglings unter dem Boot so etwas wie ein Heilsbringer unter umgekehrten Vorzeichen.

Rolf Lappert: «Über den Winter», Hanser, 384 Seiten.

Berner Zeitung

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