«Verbrechen heisst ja auch, dass etwas bricht»

Das ist der Schweizer Krimi des Jahres: Michael Theurillats Roman «Wetterschmöcker» um Kommissar Eschenbach spielt in den eisigen Höhen der Schweizer Wirtschaftswelt.

Michael Theurillat: «Ein guter  Kriminalroman muss mehr bieten als Lokalkolorit.»

Michael Theurillat: «Ein guter Kriminalroman muss mehr bieten als Lokalkolorit.» Bild: Keystone

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Er beherrscht die hohe Kunst des Kriminalromans wie kaum ein Zweiter im deutschschreibenden Raum: Michael Theurillat, 1961 in Basel geboren, erhielt für seinen Roman «Rütlischwur», der sich mit den Machenschaften der internationalen Finanzwelt auseinandersetzte, 2012 den renommierten Glauser-Preis.

Und dass seine Romane um Kommissar Eschenbach, den Leiter der Zürcher Kantonspolizei, regelmässig auf die Schweizer Bestenliste schiessen, ist kein Zufall.

Die Suche nach der Wahrheit

Theurillats Bücher sind ebenso «old school» wie heutig. Er entwirft Tableaus um Schuld und Verbrechen, Wahn und Hintertreibung, in deren Zentrum sich regelmässig ein unerschrockener Moralist auf die Suche nach der Wahrheit macht.

Eine Figur, die das Gegenteil all jener Abziehbilder und Knallchargen repräsentiert, die durch die meisten zeitgenössischen Krimis spuken und drittklassige Drehbuchdialoge runterbeten.

Zudem wuchert der ehemalige Banker Theurillat im Rahmen seines neusten Romans «Wetterschmöcker» einmal mehr mit allem, was wirkliche Krimiliteratur ausmacht: mit einem Plot, der sich jeder vorschnellen Durchschaubarkeit klug entzieht. Mit Dialogen, die sitzen. Und mit Figuren, die das Zeug zu echten Menschen haben.

Vor allem aber: Dieser Autor schreibt eine ebenso unaufgeregte wie glasklare Prosa, wie man sie sonst nur von den Altmeistern des Genres kennt, also von Grössen wie Georges Simenon, Friedrich Dürrenmatt, Friedrich Glauser oder dem kürzlich verstorbenen Henning Mankell.

Da nerven keine schrägen Bilder und allzu flotten Sprüche – vielmehr setzt hier einer gekonnt auf die Macht seines logischen Denkens und den Twist seiner quecksilbrigen Sprache.

«Ich mag das verdichtende von ‹crime› in einem Roman», sagt Theurillat. «Verbrechen heisst ja auch, dass etwas bricht. So erhält der Roman Tragik und eine gewisse Struktur. Zwei Dinge, die nie schaden.»

Der Autor belegt das in «Wetterschmöcker» aufs Feinste, einem Roman, der langsam und wie in Zeitlupe anrollt, bis er sich mit seinen Sätzen in den Seelen einer Handvoll Figuren festkrallt und seinen Autor als kühl sezierenden Psychologen zeigt. «Meine Romane», sagt Theurillat, «sind moderne Gesellschaftsromane, in denen nicht ganz zufällig ein Verbrechen geschieht.»

Jäh vom Himmel geholt

In «Wetterschmöcker» ereilt dieses Schicksal eine junge, aufstrebende Wirtschaftsführerin, die – auf dem Sprung an die Spitze eines Milliardenkonzerns – jäh vom Himmel geholt wird. Und lange scheint unklar, weshalb Clara Thüring sterben musste. Bis Eschenbach und seine Helfer tiefer zu bohren beginnen und Clara Thüring sich alsbald als Teil einer Aufsteigerbande um eine Handvoll Sprösslinge ehemals aktenkundig gewordener Straftäter erweist.

So führen Eschenbach seine Ermittlungen am Ende in die eisigen Höhen der Schweizer Wirtschaftswelt. Bis die Luft da oben immer dünner wird – und er selbst auf den Radar der über Leichen gehenden Machthaber gerät.

«Was mich beim Krimi interessiert ist das Zeitdiagnostische», sagt Theurillat. «Dabei bilden Rechtsverständnis, moralisches Empfinden und dergleichen vielschichtige Instrumente dazu, den Puls der Zeit zu greifen.»

Mehr als Lokalkolorit

Sein Roman greift diesen Puls mit den Mitteln des klassischen, unaufgeregten Erzählens – auf höchst unterhaltsame Weise. Zum aktuell boomenden Regionalkrimitrend sagt Theurillat: «Ein guter Krimi muss mehr bieten als Lokalkolorit.

Er muss unabhängig von der Region etwas zu sagen haben und bewegen. Die Region darf Kulisse für ein Stück sein, mehr nicht.» Theurillat hats begriffen – und mit seinem Buch etwas ganz Besonderes daraus gemacht. «Wetterschmöcker» ist schon jetzt der Schweizer Krimi des Jahres.

Michael Theurillat, «Wetter­schmöcker». Ullstein-Verlag, 348 Seiten (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.07.2016, 12:19 Uhr

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