Überschätzt: Bert Brecht

Künstler, mit denen wir wenig anfangen können. Heute: Brecht, der Dramatiker.

Wollte den Kapitalismus zur Strecke bringen und erfand zu diesem Zwecke das epische Theater: Bertolt Brecht. (Bild: Keystone)

Wollte den Kapitalismus zur Strecke bringen und erfand zu diesem Zwecke das epische Theater: Bertolt Brecht. (Bild: Keystone)

Guido Kalberer@tagesanzeiger

In den bewegten 1980er-Jahren war auch die Studentenstadt Heidelberg in Aufruhr. So verlangten wir etwa von unserem Germanistikprofessor, ausser der Lyrik von Hoffmannswaldau und den Romanen von Gottfried Keller auch mal die Dramen von Bertolt Brecht zu besprechen. Herr Pfaff, so hiess der Professor, liess sich aber nicht erweichen und meinte bestimmt und lakonisch: «Bevor ich dazu übergehe, in meinen Seminaren Brecht zu behandeln, biete ich lieber gleich ein Seminar zu Karl Marx an.»

Damals waren wir empört über diese zutiefst bürgerliche Haltung; heute gebe ich unserem Lehrer recht: Viele Theaterstücke von Bertolt Brecht sind in der Tat so sehr von der marxistischen Theorie durchzogen, ja durchdrungen, dass sie selbst wie eine Blaupause daherkommen. Da die Figuren wie Abziehbilder aus dem kommunistischen Lehrbuch handeln, ist das Geschehen vorhersehbar. Das Böse und das Gute sind, wie im Märchen, schön getrennt, die Bonzen sind immer Ausbeuter und die Ausgebeuteten arm und herzensgut. Die gesellschaftlichen Verhältnisse determinieren die Menschen total. Und wenn es mal einen erwischt, ist es der Falsche: «Das ist wie die Bäum, die graden, luftigen werden abgehaun für Dachbalken, und die krummen dürfen sich ihres Lebens freun», weiss Mutter Courage. Darum warnt der Koch: «Alle Tugenden sind nämlich gefährlich auf dieser Welt.»

Im Würgegriff der Theorie

Nun ist es nicht so, dass bloss die Figuren von Bert Brecht so sind und reden, wie sie sind. Auch der Meister selbst outet sich in seinen Essays «Über experimentelles Theater» als jemand, der die Theorie von Marx in die Kunstpraxis umsetzt. «Das Theater, die Literatur, die Kunst müssen den ‹ideologischen Überbau› für die effektiven, realen Umschichtungen in der Lebensweise unserer Zeit schaffen.»

Nicht ans Gefühl will der Dramatiker appellieren, sondern an die Ratio. Das ist mit ein Grund, weshalb die Bühnenfiguren immer so blutleer sind und bloss das sagen, was ihnen die Theorie vorschreibt. Wenn man an den Dramatiker Bert Brecht denkt, denkt man unwillkürlich auch an das Reissbrett, auf dem seine Stücke aufgezogen wurden. Er wollte den Kapitalismus zur Strecke bringen und erfand zu diesem Zwecke das epische Theater. «Der Schrei nach einem neuen Theater ist der Schrei nach einer neuen Gesellschaftsordnung.» Darunter tut es ein Brecht nicht!

Mit dem Geschehen auf der Bühne darf es keine Empathie geben, das Publikum soll vielmehr verfremdet werden, um sich seiner Entfremdung bewusst zu werden. Als ob diese kalte Welt, die keine Einfühlung zulässt, den  Schriftsteller doch nicht ganz zufriedenstellte, hat er lebenspralle Gedichte verfasst, die den Würgegriff der Theorie nicht zu spüren bekamen. Als Dramatiker wird Bertolt Brecht nach wie vor überschätzt, als Lyriker nicht.

In dieser Serie stellen TA-Journalisten die Künstler aus dem Kanon vor, mit denen sie wenig anfangen können.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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