Temporeiches Grossstadt-Endspiel

Der dritte Thriller von Max Annas ist eine grandiose Hommage an alle, die auf der Flucht sind. «Illegal» ist schnörkellos erzählt, mit einer süchtig machenden Klarheit.

Schnörkellose Sprache: Autor Max Annas.

Schnörkellose Sprache: Autor Max Annas. Bild: Michelle Smith/zvg

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Mit dem Film «Fenster zum Hof» schuf Alfred Hitchcock, Altmeister des Psychothrillers, 1954 nicht nur einen zeitlosen Leinwandklassiker, sondern auch ein beklemmendes Lehrstück über Voyeurismus und seine mitunter gefahrvolle Umkehrung gegen dessen Betreiber. Bis heute finden sich in der zeitgenössischen Literatur immer wieder Anspielungen auf das perfekt inszenierte Hinterhofkammerspiel.

Auch das dritte Buch «Illegal» des deutschen Krimischreibers Max Annas spielt auf die berühmte Vorlage an: gleichwohl transponiert in das heutige Berlin, in welchem ein illegal dort lebender Ghanaer zufällig einen Mord mit ansieht – und wenig später selbst ins Visier des Täters gerät.

Grossstadtendspiele

Die Romane des 1963 in Köln ­geborenen Max Annas sind das aktuelle «Must Read» der deutschen Krimiszene. Für seine Romane «Die Farm» und «Die Mauer» heimste der Ex-Journalist jeweils den Deutschen Krimpreis ein, die Genre-Junkies preisen seine lakonische, an den Hard-boiled-Werken der angelsächsischen Meistererzähler geschulte Sprache. Tatsächlich schreibt Annas Thriller ohne ein Gramm Fett, temporeiche Grossstadtendspiele, die in ihren besten Momenten eine süchtig machende Klarheit erreichen.

So auch im Fall seines neusten Wurfs, zu dessen Intension Annas kürzlich erklärte: «Ich wollte klarmachen, dass der Begriff der ‹Illegalität› oder das ‹Illegale› gemacht ist, denn Menschen werden nicht illegal geboren, sondern durch politische Umstände dazu erklärt.» Und so liest sich sein Buch denn auch als entschiedene Parteinahme für alle jene, denen man den Stempel «illegal» aufdrückt, weil sie ins Räderwerk territorialer Politikinteressen geraten sind.

Ohne «Vor» und «Zurück»

So zielt Annas’ Geschichte des jungen Kodjo, der seit Jahren illegal in Berlin lebt, sich als Küchenhilfe durchschlägt und im Status eines rechtlosen Unsichtbaren sein Dasein fristet, ins Herz all jener, die ebenfalls in jenem entwürdigenden Transitzustand ohne Vor und Zurück leben. «Das war absurd», heisst es einmal über Kodjo, «aber es war auch gefährlich. Viel zu selten gestand Kodjo sich ein, dass er sich in seiner Situation eingerichtet hatte. Er hatte die Ziele aus den Augen verloren.»

Und dann wird die Gefahr plötzlich real und überspringt die Grenzen seiner Fantasie, als er per Zufall beobachtet, wie eine Prostituierte ermordet wird. Ähnlich wie in Hitchcocks Film, in welchem der Fotojournalist Jeff seine zu grosse Neugier am Ende mit Todesangst bezahlt, gerät auch Kodjo plötzlich auf den Radar des Mörders, als er eigene Ermittlungen anstellt.

Denn zur Polizei gehen kann er nicht – seine umgehende Ausweisung wäre die Folge. Also bleibt Kodjo gefangen in seiner Situation und in seinem Wissen. Doch Annas übersetzt und weitet Kodjos Gefangensein in eine grandiose Erzählung aus, die den scheinbar Gesichts- und Namenlosen eine Stimme gibt. Jenen, die niemals ankommen, sondern Gefangene bleiben im Transit ihrer Unsichtbarkeit. Illegale eben.

Der Journalist Jeff verliert am Ende von Hitchcocks Thriller das Gleichgewicht, stürzt aus dem Fenster – und fällt zwei Polizisten, die unten im Hof stehen, in die Arme. Kodjos Geschichte mündet in die Erkenntnis: «Das wirst du dein Leben lang nicht vergessen.» Das mag ihm eine Warnung sein. Retten wird es ihn nicht.

Max Annas:«Illegal». Thriller. Rowohlt-Verlag, 236 S. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.04.2017, 13:05 Uhr

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