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Süchtig nach Geschichtslektionen

Historische Romane werden gern belächelt, doch gemäss Bestsellerlisten noch viel lieber gelesen. Wir haben sechs aktuelle Beispiele verschlungen.

In «Teufelskrone» ist er nicht so demütig: John Ohneland (links) mit seinem berühmten Bruder Richard Löwenherz (rechts). Foto: Getty Images
In «Teufelskrone» ist er nicht so demütig: John Ohneland (links) mit seinem berühmten Bruder Richard Löwenherz (rechts). Foto: Getty Images

13. Jahrhundert: Lieben und leben auf Burgen

Worum geht es? England 1193: Als der (fiktive) Yvain of Waringham in den Dienst von John Plantagenet tritt, ahnt er nicht, was sie verbindet: Beide stehen im Schatten ihrer ruhmreichen Brüder. Doch während Yvain und Guillaume of Waringham doch noch ein wenig mehr als die Liebe zur selben Frau gemeinsam haben, stehen die Brüder John Ohneland, wie er später genannt wird, und Richard Löwenherz auf verschiedenen Seiten. Kurz: Es geht um Liebe, Krieg und das Leben auf Burgen.

Warum ist das so spannend? Weil die Historische-Romane-Königin Rebecca Gablé dieses tiefste Mittelalter nicht nur als grausam beschreibt, sondern viel Witz in die Story gibt. Auch super: Die Beziehungen zwischen diversen Hauptfiguren gestalten sich mitunter recht leidenschaftlich, und die Frauen sind stark. Stärker als manch ein Ritter.

Wer soll das lesen? Unter anderem Robin-Hood-Fans. Zwar reitet der König der Diebe nicht durch diese Geschichte, doch es soll schon im 13. Jahrhundert Balladen über ihn gegeben haben.

Rebecca Gablé: «Teufelskrone», 928 Seiten, Lübbe, ca. 39 Franken.

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15. Jahrhundert: Flirterei mit dem Richter

Worum geht es? Köln, 1423: Nicolai Golatti wird ermordet, zurück bleibt Aleydis de Bruniker, jetzt Witwe, die seine Wechselstube weiterführen muss. Sie ist jetzt eine Frau mit sehr vielen Feinden, die entweder ihr Geld oder ihre Mündel wollen. Also bittet sie – widerstrebend – Gewaltrichter Vinzenz van Cleve um Hilfe...

Warum ist das spannend? Unter anderem, weil einen die latent brodelnde Lust zwischen Vinzenz und Aleydis wachhält. Überhaupt ist diese Geschichte History-Porn erster Güte, sprich es ist der Stoff, der historische Romane so unwiderstehlich macht. Genau wie das Wissen, dass sie alle existiert haben, so oder in ähnlicher Form: Die Mägde und Knechte, Reiche, Arme, Dirnen, Räuber. Und bestimmt auch ein sexy Gewaltrichter.

Wer soll das lesen? Alle Unersättlichen. Allerdings gibt es im Moment erst einen weiteren Band über Aleydis («Das Gold des Lombarden»), der dritte soll aber bald folgen.

Petra Schier: «Der Ring des Lombarden», 416 Seiten, Rowohlt, ca. 17 Franken.

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19. Jahrhundert: Viktorianisch schräg

Worum geht es? London, 1863. Privatdetektivin Bridie Devine, die in ihrer Kindheit als Leichensammlerin gearbeitet hat, sucht nach der entführten Christabel. Dem Mädchen wird nachgesagt, dass es eine Art rachsüchtige Meerjungfrau sei. Ausserdem tummeln sich in der Geschichte besessene Ärzte, Schausteller und ein Geist mit lebendigen Tätowierungen.

Warum ist das spannend? Weil im Viktorianischen Zeitalter der Teufel los war, vor allem in England. Jess Kidds unglaubliche Beobachtungsgabe lässt einem hie und da das Blut in den Adern gefrieren. Und so präzise sind die Beschreibungen, so witzig die Zwischentöne, dass man sogar vergisst, dass es gar keine skurrile Krimiserie auf Netflix ist, die man sich gerade einverleibt.

Wer soll das lesen? Wer ein Faible für Fabelwesen, Medizingeschichte und schaurige Geschichten hat. Für Zartbesaitete ist dieser Krimi allerdings nicht geeignet. Zu viel Blut, zu viel Londoner Underground.

Jess Kidd: «Die Ewigkeit in einem Glas», 399 Seiten, Dumont, ca. 31 Franken.

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Zweiter Weltkrieg: Unter den Trümmern

Worum geht es? Bath, 1942: Im Chaos eines Bombenangriffs ist der kleine Davy plötzlich unauffindbar. Frances, die auf den Jungen aufpassen sollte, macht sich auf die Suche. Schon einmal ist ein Kind verschwunden: ihre Freundin Wyn, nach einem Streit – 24 Jahre zuvor. Ausgerechnet in dieser schicksalhaften Nacht hat der Einschlag einer Bombe das Skelett eines Kindes zutage gebracht. In den Trümmern findet Frances nicht nur Wyn, sondern auch die Auflösung von Rätseln aus der Vergangenheit.

Warum ist das so spannend? Dass Katherine Webb eine Meisterin der Unterhaltungsliteratur ist, wissen wir schon lange. Doch in diesem Buch baut sie eine Spannung auf, die es mit einem Hitchcock-Film aufnehmen kann. Und: Das Leben während eines Bombenanschlags, das ist auch heute leider noch traurige Wirklichkeit, wenn auch nicht in England.

Wer soll das lesen? Anglophile Leserinnen und Fans der britischen Autorin.

Katherine Webb: «Die Schuld jenes Sommers», 464 Seiten, Diana, ca. 29 Franken.

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Nachkriegszeit: Dior. Heute, morgen, allezeit

Worum geht es? Frankreich, 1944: Die Amerikanerin Copper ist ihrem Mann, einem Kriegsreporter, nach Paris gefolgt. Seit dem Ende der deutschen Besatzung herrscht in der Stadt – trotz Entbehrungen und Schwarzmarkt – eine vibrierende Aufbruchstimmung. Auch Copper ist es leid, nur als Sekretärin für ihren Mann zu arbeiten und dessen Untreue zu erdulden. Zufällig begegnet sie Christian Dior, wird seine Muse und taucht ein in eine schillernde Welt internationaler Künstler und Bohemiens. Und weil das kein Märchen ist, läuft nicht alles so rund; oder anders: Während Paris aufblüht, droht Coppers Glück wieder zu zerbrechen.

Was soll daran so spannend sein? Alles. Wie lebt es sich im Paris der Vierzigerjahre? Wie überlebt man? Wie ist es möglich, dass in einer gebeutelten Stadt ein Modeimperium entstehen kann? Und, und, und.

Wer soll das lesen? Modeinteressierte – der Autor zeichnet ein schönes, ehrliches Bild der späteren Modeikone.

Marius Gabriel: «Die Muse von Dior», 384 Seiten, Rowohlt, ca. 19 Franken.

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Kalter Krieg: Liebe, Spionage und Schiwago

Worum geht es? Können Worte zu Waffen werden? In diesem Roman schon, hier soll der Klassiker «Doktor Schiwago» die Welt verändern. Olga Iwinskaja, die Geliebte von «Schiwago»-Schriftsteller Boris Pasternak, wird verhaftet: Moskau will verhindern, dass Pasternaks Roman erscheint. Olga hält trotz widriger Umstände an ihrer Liebe fest. Gleichzeitig will in den USA die CIA den Widerstand in der Sowjetunion wecken, unter anderem mit Literatur. Für die Mission wird Irina angeworben und von der Agentin Sally ausgebildet. Die beiden verlieben sich.

Warum ist das so spannend? So viele Spannungen, im grossen Ganzen und im Kleinen, sowie ein Buch, das nicht erscheinen darf: Das ist ein atemberaubender Geschichtsthriller! Obwohl nicht gemordet wird. Jedenfalls nicht offensichtlich.

Wer soll das lesen? «Doktor Schiwago»-Fans natürlich. Und alle, die sich an die 1950er-Jahre erinnern können.

Lara Prescott: «Alles, was wir sind», 475 Seiten, Rütten & Loening, ca. 29 Franken.

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