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Sie spricht mit dem Jenseits

Die gebürtige Emmentalerin Dolly Röschli arbeitet als Medium: Sie stellt Kontakte zu Verstorbenen her. Klingt nach Esoterik und Abzocke? Nicht bei Dolly Röschli.

«Ich will anderen Menschen helfen, ein letztes Mal Tschüss zu sagen oder alte Chnörze zu lösen», sagt Dolly Röschli.
«Ich will anderen Menschen helfen, ein letztes Mal Tschüss zu sagen oder alte Chnörze zu lösen», sagt Dolly Röschli.
Fabienne Andreoli

Dolly Röschli wirkt überhaupt nicht wie ein Medium. Und nein, ihr Vorname ist kein Spitzname, sondern eine Referenz an eine Cousine. In einer Dreiviertelstunde soll sie zur Buchtaufe im Lyceum-Club in Zürich aus ihrem gerade erschienenen Werk «Hallo, Jenseits» erzählen. Die 43-Jährige ist nervös.

Mit einer Zigarette in der einen Hand und einem Glas Prosecco in der anderen versucht sie, sich zu entspannen. Sie hat überhaupt nichts Alternativ-Esoterisches an sich: Mit ihrer eleganten Hose und ihrer Bluse könnte man sie sich auch gut in einem Anwaltsbüro vorstellen. Auffallend ist nur, wie leicht es fällt, mit ihr ins Gespräch zu kommen, zu plaudern und zu lachen.

Es klingt alles plausibel

Beim anschliessenden Interview in einem Nebenzimmer bleibt Dolly Röschli auch bei kritischen Fragen locker. Man spürt: Es ist ihr egal, ob andere an ihre Fähigkeiten glauben oder nicht. Die gebürtige Emmentalerin, die heute mit ihrer Familie im Zürcher Oberland lebt, arbeitet in einer Gruppenpraxis in Aathal.

Dort ist sie neben Physiotherapeuten, Osteopathen und Kraniosakraltherapeuten der Paradiesvogel. Dolly Röschli bietet «mediale Beratung» an. Konkret: Sie stellt für ihre Kundinnen und Kunden Kontakte zu Verstorbenen her.

Bei vielen dürften die Alarmglocken klingeln. Ist das nicht eine von denen, die gutgläubige Leute abzocken, weil sie ihnen versprechen, wovon viele träumen: noch einmal mit geliebten Verstorbenen reden zu können? Aber je länger man Dolly Röschli zuhört, desto mehr verflüchtigt sich der Argwohn und desto öfter denkt man: «Sie muss tatsächlich mehr spüren als die meisten anderen.»

Denn Dolly Röschli will zuvor nichts von ihren Kunden wissen: «Ich möchte möglichst offen sein und den Eindruck vermeiden, ich ziehe mein Wissen einfach daraus, dass ich geschickt nachfrage.» Und woher bekommt sie die Informationen dann? Sie höre eine innere Stimme, die wie ihre eigene klinge.

«Doch die Satzstellung, der Tonfall und die Rhetorik weichen von meiner eigenen ab.» So sprächen die Verstorbenen zu ihr. Und so erfahre sie, mit wem sie es zu tun habe. «Die Verstorbenen vermitteln mir zudem Eindrücke und Bilder.» Plötzlich schmecke sie vielleicht Kautabak im Mund. Dann wisse sie, dass der Betreffende früher gerne Tabak gekaut habe.

Dolly Röschli betont zudem, dass sie keine bestimmten Personen herbeirufe. «Ich könnte beispielsweise nicht einfach mit Marilyn Monroe reden», erklärt sie. «Man kann sich nicht wünschen, wer in den Sitzungen erscheint. Manchmal kommt auch jemand, von dem meine Kunden überhaupt nichts wissen wollen.» Das sei gerade kürzlich wieder passiert, als der verstorbene Vater einer jungen Frau auftauchte.

Er hatte die Tochter jahrelang sexuell missbraucht. «Zuerst wollte sie sofort wieder gehen», erzählt Dolly Röschli. Doch der Vater drängte so sehr, dass sie die Tochter zum Bleiben überredete. Er entschuldigte sich für seine Taten. Sie hoffe, dass die Frau das Trauma nun aufarbeiten könne, sagt Dolly Röschli. «Ich habe ihr die Adressen von mehreren Psychologen gegeben, denn dafür bin ich nicht geschult.»

Geld steht nicht im Zentrum

Das sei es, was sie antreibe, sagt Dolly Röschli: «Ich will anderen Menschen helfen, ein letztes Mal Tschüss zu sagen oder alte Chnörze zu lösen.» Sie schildert etwa, wie ein Ehepaar zu ihr kam, dessen Baby plötzlich gestorben war. Die Eltern machten sich schwere Vorwürfe. Da erschien Dolly Röschli die Grossmutter mit dem Baby auf dem Arm und erklärte, dass die Eltern keine Schuld trügen. Das Baby hätte einen plötzlichen Kindstod erlitten. Eine spätere Obduktion bestätigte den Befund.

Hoffnung zu vermitteln, ist ein schönes Motiv, aber sie verdient daran sicher auch kräftig? Diesen Einwand pariert die 43-Jährige gelassen: «Ich verlange 160 Franken pro Stunde.» Das ist weniger, als viele Psychologen erhalten. Aber wieso nimmt sie überhaupt Geld entgegen?

Sie arbeitet ja nur halbtags als Medium, könnte also durchaus noch einem Brotjob nachgehen. Die Antwort kommt ohne Zögern: «Die Leute wollen mir doch etwas geben! Es wäre für beide Seiten unangenehm, wenn sie das Gefühl hätten, in meiner Schuld zu stehen und mir nichts zurückgeben zu können.»

«Freunde warten auf uns»

Auch das leuchtet ein. Ein Widerspruch bleibt aber. Dolly Röschli betont, dass sie im Grunde nicht gerne im Rampenlicht stehe. Werbung für ihre mediale Beratung müsste sie ebenfalls keine machen, denn sie ist oft auf Monate hinaus ausgebucht. Dennoch sucht sie mit ihrem Buch «Hallo, Jenseits» die Öffentlichkeit.

Darin erzählt sie nicht nur von ihrer Arbeit, sondern auch sehr persönlich von ihrem Werdegang. Als Kind litt sie oft unter ihren Fähigkeiten. Bei den Schulkameraden im Emmental galt sie als komische Besserwisserin, und wenn nachts an ihrem Bett Verstorbene auftauchten, hatte sie grosse Angst. «Ich möchte den Menschen zeigen, dass es seriöse Medialität gibt», erklärt Dolly Röschli.

In ihrem Werk, das sie als autobiografisches Sachbuch bezeichnet, legt sie zudem dar, dass Spiritualität in vielen angelegt sei und man sie trainieren könne. Und schliesslich geht es ihr darum, unsere Angst vor dem Tod zu lindern: «Unsere Freunde und unsere Familienmitglieder, die bereits verstorben sind, warten auf uns.»

Kritiker werden jetzt sagen, das sei vielleicht ein tröstlicher Gedanke, aber Kontakte ins Jenseits blieben Humbug. Auch die Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx war anfangs skeptisch, ob sie im seriösen Wörterseh-Verlag ein Buch über ein Medium her­ausgeben soll.

Aber als sie Dolly Röschli kennen gelernt habe als «bodenständige Frau, die drei Kinder hat, auch mal raucht und trinkt und gerne Spass hat», sei ihr klar gewesen: «Ich wäre blöd, wenn ich es nicht machen würde.» Man muss ihr recht geben. Denn Dolly Röschli zwingt auch diejenigen zum Nachdenken, die nicht an Übersinnliches glauben.

Dolly Röschli: «Hallo, Jenseits. Mein Dialog mit der geistigen Welt», Wörterseh-Verlag, 205 Seiten.

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