Schwarzmaler und Weisswäscher

Kunst, Kanonen und Korruption: Der Waffenfabrikant und Mäzen Emil Bührle (1890–1956) bleibt eine Reizfigur. Ein neues Buch will die Debatte um dessen Erbe anheizen, das nun als Leihgabe ins Kunsthaus Zürich kommt.

Gerahmter Sammler: Emil Bührle 1954, zwei Jahre vor seinem Tod, in einer Aufnahme des ukrainischen Fotografen Dmitri Kessel.

Gerahmter Sammler: Emil Bührle 1954, zwei Jahre vor seinem Tod, in einer Aufnahme des ukrainischen Fotografen Dmitri Kessel.

(Bild: Dmitri Kessel/ Getty Images)

Oliver Meier@mei_oliver

Richtig stolz sieht er nicht aus. Emil Georg Bührle inmitten seiner Kunst, die Beine hat er übereinandergeschlagen, ein Schatten liegt über dem Gesicht. Hinter dem Kunstsammler sitzt «Madame Camus au Piano» von Edgar Degas. Die Nazis stahlen das Bild dem Pariser Juden Alphonse Kann, Bührle hat das Raubkunstwerk 1941 gekauft und nach einem verlorenen Gerichtsprozess später ein zweites Mal erworben – diesmal legal.

Die Fotografie von Dmitri Kessel wirkt selber wie ein Gemälde, Bührle wird zum Gerahmten, scheinbar unverrückbar. 1954, als das Bild entstand, war Bührle ein millionenschwerer Kriegsgewinnler, der sich zum Mäzen aufgeschwungen hatte: Zwei Stiftungen waren bereits errichtet, dann finanzierte er die Kunsthaus-Erweiterung in Zürich, deren Eröffnung er nicht mehr erlebte.

Mit Bührle in die Top-Liga

Jahrzehnte danach scheint sich der Kreis zu schliessen: Wieder wird das Kunsthaus vergrössert, eben haben die Arbeiten für den Erweiterungsbau von David Chipperfield begonnen. Zwar werden diesmal keine Bührle-Millionen verbaut, trotzdem steht sein Name im Mittelpunkt: Zwei Drittel der Sammlung Bührle – knapp 200 Werke – sollen als Leihgabe in die Institution kommen und das Museum in die Topliga hieven.

Ein letzter Triumph für Bührle – und ein fragwürdiger Vorgang. So zumindest sehen das die Autoren des «Schwarzbuch Bührle» mit dem knalligen Untertitel «Raubkunst für das Kunsthaus Zürich?». Der Unternehmer habe die «an Hitlers Krieg verdienten Millionen idealistisch zu verbrämen» gesucht, das «Blutgeld» in Kunst investiert und sich damit «endgültig reinwaschen» wollen, schreibt Charles Linsmayer.

Ein grosses Raunen

Woher stammen Bührles Bilder? Kann sich das Kunsthaus leisten, diese Sammlung aufzunehmen? Diese Fragen stehen im Zentrum des Bandes, herausgegeben vom Historiker Thomas Buomberger und Guido Magnaguagno, dem früheren Vizedirektor des Zürcher Kunsthauses.

Dass Bührle Raubkunst erwarb, ist bekannt. In neun Fällen kaufte er die Bilder später ein zweites Mal rechtmässig, vier weitere Bilder gab er nach dem Krieg zurück. Umstritten ist, wie viel Fluchtgut Bührle erwarb, also Werke, die von Emigranten verfolgungsbedingt verkauft wurden. Umstritten bleibt, wie gross die Provenienzlücken bei einzelnen Bildern sind (siehe Interview). Vor allem aber bleibt diffus, was es mit den Werken auf sich hat, die auch nach der Eröffnung des Erweiterungsbaus 2020 im Besitz der Familie Bührle verbleiben.

Was Buomberger und seine Mitautoren aus dieser Konstellation machen, ist allerdings eine Enttäuschung, in manchem gar ein Ärgernis. Der moralistische Grundton wirkt altbacken, die nötige Sorgfalt ist nicht immer gegeben. Noch am aufschlussreichsten ist das Buch dort, wo es den Aufstieg des deutschen Immigranten zum «Kanonen-König» schildert, der im Sumpf der Korruption agiert und zum Spiegelbild wird für die fragwürdige Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Doch von Details abgesehen bringen die Beiträge kaum Fakten, die über das hinausgehen, was die Bergier-Kommission, aber auch Buomberger selbst vor Jahren schon zusammentrugen. Und gerade bei den spannendsten Aspekten bleibt das Buch seltsam wortkarg. Etwa bei der zwiespältigen Rolle der jüdischen Galerie Wildenstein im besetzten Paris – ein Beispiel dafür, dass man mit Schwarz-Weiss-Schemen dem Thema Raubkunst nicht gerecht wird.

Dieses «Schwarzbuch Bührle» ist vor allem: ein grosses Raunen. Und eine verpasste Chance. Denn das Unbehagen beim Thema Bührle ist nachvollziehbar. Und wer das Porträt auf der Website der Stiftung betrachtet, kann ins Grübeln kommen: Es ist die Fotografie von Dmitri Kessel, frei von aller Düsterkeit, sogar der Schatten auf Bührles Gesicht ist verschwunden. Zumindest da möchte man mit Buomberger ausrufen: «Siebzig Jahre Weisswäscherei sind genug.»

Buomberger/ Magnaguagno (Hrsg): Schwarzbuch Bührle. Rotpunktverlag, 256 Seiten, erscheint am Montag.

Berner Zeitung

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