Säbelzahnkatze und Katzenfisch

Seine Texte sind nach musikalischen Regeln komponiert. Nun bringt der Berner Michael Fehr einen Erzählband auf die Bühne. Hochkarätige Musiker spielen zur Buchtaufe auf.

«Sommer», dann «Winter», dann «wieder Sommer». «Gelbe Felder», ein «blauer Strom». Dann «weisse Felder» und ein «grauer Strom». Ein «dunkelbraunes Häuslein» am Fluss, aus dem im Winter ein «graues Räuchlein» aufsteigt. Im «Häuslein» ein Mann. Eine Frau, die vorbeikommt. Der Mann nimmt sie zur Frau, «und sie kümmerten sich um nichts / und niemand kümmerte sich um sie» – eine Geschichte ist die Erzählung «Nichts und niemand» von Michael Fehr genau genommen nicht. Vielmehr spiegelt sie die elementare Erfahrung der Geborgenheit.

Als maximal reduziertes Bild lässt sie diese vor dem inneren Auge auferstehen. Da sind die Jahreszeiten in ihrem grössten Gegensatz, da sind die klaren Farben, da ist der Lauf der Zeit, und da ist die Einsamkeit, die sich zur Zweisamkeit wandelt: Fehr nimmt einfache Worte, stellt die Worte wie Tonfolgen in den Raum, setzt sie zueinander in ein Spannungsverhältnis, wiederholt und variiert sie, inhaltlich und in ihrem Wortklang. So erschafft er eine Klangskulptur, die mit Spannung aufgeladen existenzielles menschliches Erleben wiedergibt.

Der mittlerweile 35-jährige Berner ist sicher der originellste Wortkünstler, der in jüngster Zeit auf sich aufmerksam gemacht hat. Mit seinem Erstling «Kurz vor der Erlösung» schlug er vor vier Jahren einen neuen Ton in der Literatur an. Und der neue Ton ist wörtlich zu verstehen, weil Fehr seine Texte nach mu­sikalischen Kompositionsregeln baut.

Es geht ihm darum, Puls und Wortsinn, die in der Musik und in Texten getrennte Wege ­gegangen sind, wieder zusammenzuführen. Er selbst verglich das auch schon mit einem alten, krummen Ehepaar, das aufeinandergestützt einigermassen gerade gehen könne. Mit seinem Zweitling «Simeliberg» zog Fehr auch in Deutschland Aufmerksamkeit auf sich und gewann mehrere Preise. Dieser Tage legt Fehr nun den Erzählband «Glanz und Schatten» vor, der achtzehn kurze Geschichten vereint. Nicht alle Texte sind neu. Drei wurden 2015 von Radio SRF als Hörspiel produziert, andere erschienen schon in gedruckter Form oder wurden von Fehr in Performances vorgetragen.

Eigenwilliger Humor

Doch die Zusammenstellung führt Fehrs Kompositionsprinzip in verschiedenen Tonalitäten vor und lässt wiederkehrende Motive ebenso erkennen wie eine melancholische Grundierung – Fehr selbst spricht vom Blues. Nicht nur die urmenschliche Sehnsucht nach Geborgenheit wird da als Klangbild heraufbeschworen, auch die existenzielle Erfahrung von Gewalt gewinnt in Fehrs Wortminiaturen Gestalt.

Und es finden sich von einem eigenwilligen Humor gezeichnete Blicke auf das Leben, etwa wenn Fehr einen Mann im Mückenschwarm zeichnet, wenn er eine Studentin sich ihren Lebenslauf ausmalen lässt, wenn er mit Fabeltieren wie der Säbelzahnkatze oder dem Katzenfisch in der titelgebenden Miniatur «Glanz und Schatten» die Bedeutung des Geschichtenerzählens in Wortbilder fasst.

Berner Blues

Der Blues ist bei Fehr aber durchaus auch musikalisch zu verstehen. Denn Fehr, der ursprünglich eine Karriere als Schlagzeuger verfolgt hatte, lebte seinen Hang zum Klang spartenübergreifend aus. Er trat auf dem jüngsten Album «Bruxelles» seines ehemaligen Schlagzeuglehrers Simon Ho als Sänger in Erscheinung. Und bei den letzten Auftritten mit eigenen Texten kam er mit Musikern auf die Bühne.

Mit dem Gitarristen Manuel Troller sind aus einigen der Geschichten des neuen Buches Songs geworden, bei denen Fehr mit rauher Stimme nun wirklich bluesig ins Mikrofon röhrt – mal im Sprechgesang, mal lässt er sich vom groovenden Puls davontragen. Fehrs Texte, die bald ins Märchenhafte, bald ins Surreal-Fantastische oder auch Abgründige kippen, sind ohnehin am besten live bei seinen Auftritten zu erleben. Mit dem Gitarristen Manuel Troller, dem Bassisten Andi Schnellmann und dem Schlagzeuger Julian Sartorius an seiner Seite dürften sie bei der Buchtaufe zum Ereignis werden.

Michael Fehr: «Glanz und Schatten», Der gesunde Menschenversand, 144 S. Buchtaufe: 29. 3., 20.30 Uhr, Bee-Flat im Progr, Bern.

Berner Zeitung

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