Orgien für Ungläubige

Alain de Botton formuliert in seinem neuen Buch eine gewagte Forderung: Statt Religionen zu verachten, sollten Atheisten sich ihrer bedienen.

Voneinander profitieren, statt sich zu bekriegen: Kirche San Lorenzo im italienischen Miranda, gebaut auf den Überbleibseln eines römischen Tempels.

Voneinander profitieren, statt sich zu bekriegen: Kirche San Lorenzo im italienischen Miranda, gebaut auf den Überbleibseln eines römischen Tempels.

Philippe Zweifel@delabass

Seit Jahren spitzt sich der Kampf zwischen Atheisten und Gläubigen zu. Immer gehässiger wird die Diskussion, ob Gott existiert, geführt. Eine Annäherung an die Positionen des anderen scheint unmöglich. Das Rationalitätsdenken von Atheisten ist mit den jahrtausendealten Weltbildern von Religionen nicht vereinbar. Oder doch? Alain de Botton, selber Atheist, versucht mit seinem neuen Buch «Religion for Atheists» eine Brücke zu schlagen. Zwar bezeichnet der Philosoph religiöse Überzeugungen als Unsinn. Trotzdem seien sie nützlich, weil sie eine Menge über die Welt und den Menschen zu sagen haben: «Natürlich gibt es Gott nicht. Aber wir haben ihn erfunden. Wieso?»

Dass ein Ungläubiger die Vorteile von Religionen preist, ist in der jetzigen überhitzten Situation zwar provokant - aber nichts Neues. Religion, so das Argument von Skeptikern wie Edward Gibbon, sorgt für gesellschaftliche Stabilität. Jürgen Habermas denkt über das Thema ähnlich. Und der englische Poet Matthew Arnold, selber Atheist, fürchtete eine gottlose Arbeitergesellschaft – die er mit religiösen Gedichten bekämpfen wollte. Nun will Alain de Botton dem Volk aber keine Religionsdosis verpassen, sondern die Religionen «bestehlen». Denn diese seien voller guter Ideen, die in säkularisierten Gesellschaften verloren gegangen seien – nicht zuletzt wegen des atheistischen Furors, alles Religiöse zu verunglimpfen.

Was wirklich zählt

Als Beispiele für religiöse Konzepte, die der säkularisierten Gesellschaft guttun würden, nennt de Botton unter anderen das Gemeinschaftsgefühl: Der moderne Mensch lebt in einer Individualgesellschaft und sieht seinen Nächsten primär als Konkurrenten. Von Religionen, vor allem der katholischen, lernen wir, dass gemeinsame Rituale die Menschen verbinden. Auch für die Bildung könne Religion Nachhilfe geben. Schulen und Universitäten sollten nicht nur Spezialistentum und abstraktes Denken fördern, sondern den Menschen auch für die Herausforderungen das Lebens rüsten: Wie gehen wir mit Krankheit um? Was ist unsere Beziehung zur Natur?

Auch das Verhältnis zur Kunst («zu zeigen, was wirklich zählt») rechnet de Botton den Religionen hoch an. Weiter nennt er Architektur, Musik sowie die Fähigkeit, keinen Neid aufkommen zu lassen. Und ihm gefällt der christliche Pessimismus, von dem sich unsere Gesellschaft eine Scheibe abschneiden sollte. Denn in Anbetracht unseres technologischen Könnens würden wir uns heute als Herren des Schicksals sehen – doch die Menschheit sei letztlich Spielball des Zufalls. Es sei also, wie schon die Stoiker wussten, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Woran glaubt ein Atheist?

Kurz, de Botton fordert eine Art säkulare Religion, in der es Rituale und sogar atheistische Tempel geben würde (in welchen zum Beispiel – analog dem mittelalterlichen katholischen Narrenfest – in Orgien unser Bedürfnis nach Ausschweifung gestillt würde). Denn die liberale Gesellschaft helfe den Menschen zwar am Leben zu bleiben, unterstütze sie aber nicht darin, was sie mit ihrem Leben überhaupt anfangen könnten.

De Botton diagnostiziert also in der säkularen Welt ein Bedürfnis nach Orientierung. Sein Ansatz vom religiösen Ideenklau, der nebenbei die Fronten zwischen Atheisten und Gläubigen aufweicht, ist da lobenswert, aber letztlich sehr konzeptuell und auch etwas banal: Wer bezweifelt schon, dass Nächstenliebe oder die Musik von Bach tolle Dinge sind? Hier hat der französische Philosoph André Comte-Sponville kürzlich bessere Arbeit geleistet. In seinem Buch «Woran glaubt ein Atheist?» legte er sehr persönlich und überzeugend dar, wie Mitgefühl, Liebe und Gemeinschaft religionsunabhängige Werte sind – über die sich Gläubige und Ungläubige treffen können. Das Buch ermöglichte denn auch spannende Diskussionen zwischen den beiden Lagern.

Bei de Bottons Buch aber ist es trotz seines eindeutigen Titels unklar, an wen es sich überhaupt richtet. Zwar verspricht es, «die langweilige Debatte zwischen Atheisten und religiösen Fundamentalisten» weiterzubringen. Ob der Brückenschlag gelingt, darf allerdings bezweifelt werden. Denn Atheisten dürften nach der Lektüre des Buchs einwenden, dass die Philosophie sämtliche gesellschaftliche Bereiche abdecken kann, die von de Botton als vernachlässigt dargestellt werden. Gläubige wiederum werden de Botton zur Last legen, dass der Glauben kein Selbstbedienungsladen ist, der Instant-Trost für allerlei weltliche Probleme anbietet. Am ehesten richtet sich «Religion for Atheists» wohl an Zeitgenossen, die sich einem hemmungslosen Materialismus hingeben, einsam sind und offenbar an einer totalen inneren Leere leiden. Aber vielleicht gibt es davon ja mehr, als man denkt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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