Ohio ist näher, als man denkt

Der Berner Historiker Benedikt Meyer (36) hat ein berührendes Buch über seine Urgrossmutter geschrieben, die einst in die USA auswanderte. Die Geschichte ist packend und erstaunlich aktuell. 

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Angefangen hat alles mit einer Radiosendung. Benedikt Meyer hörte sich die Aufnahme auf Kassette als Bub immer wieder an. Seine 91-jährige Urgrossmutter erzählt darauf von ihrem Leben. Aufgenommen wurde das Radiogespräch 1964, also rund 20 Jahre vor Benedikt Meyers Geburt. Das tat dessen Faszination aber keinen Abbruch.

Ausschnitt aus der Radiosendung von 1964.

«Ich sah so viel Mut und Courage im Leben meiner Urgrossmutter», erzählt der heute 36-Jährige in seiner gemütlichen Altbauwohnung im Berner Mattequartier. «Als Erwachsener wollte ich mehr wissen und begann zu recherchieren.» Weil er gerade sein Geschichtsstudium abgeschlossen hatte, verfügte er nicht nur über das nötige Wissen, sondern auch über die Zeit. So entstand sein Debütroman «Nach Ohio», der vor kurzem erschienen ist.

Suche nach dem Glück

Stephanie Cordelier, wie Meyers Urgrossmutter hiess, war 1891 als 19-Jährige aus der Region Basel in die USA ausgewandert. Sie erhoffte sich in der Ferne eine bessere Zukunft – und wollte wohl auch aus dem ihr vorbestimmten Leben als Hilfskraft der Mutter ausbrechen.

Diese war Wäscherin und schuftete so, wie man sich das heute nur noch schwer vorstellen kann. Zunächst kam Stephanie Cordelier zu einer Ärztefamilie in der aufstrebenden Kleinstadt Defiance im Bundesstaat Ohio. Doch schon bald musste sie ihre Pläne ändern.

Die Auswanderergeschichte ist für die damalige Zeit nicht aussergewöhnlich; viele suchten in Amerika einen Neuanfang. Aber wie Benedikt Meyer erzählt, ist eine Wucht. Das liegt einerseits an seiner knappen, prägnanten Sprache.

So schreibt er etwa über das harte, aber dank dem Klatsch auch sehr informative Leben der Wäscherin: «Sie hatte vom vielen Waschen bald die Unterarme eines Holzfällers, die Hände eines Metzgers und das Wissen eines Kommissars.» Andererseits schafft er es, dass man das Gefühl hat, dabei zu sein, wenn Stephanie Cordelier beispielsweise zum ersten Mal eine Banane isst oder mit einem Lift fährt.

Zudem zeigt er elegant anhand persönlicher Tragödien gesamtgesellschaftliche Probleme auf. Stephanie Cordeliers Vater war Alkoholiker. Der Autor schreibt, gestützt auf Zahlen des Bundesamts für Statistik: «Nie zuvor und nie danach wurde in der Schweiz so gebechert wie 1880.» Und vor allem: «Wer trank, trank nicht, sondern soff.» Das Phänomen ist unter dem Namen Branntweinpest in die Geschichtsbücher eingegangen.

Tritt als Slammer auf

Als promovierter Historiker kennt Benedikt Meyer diese Probleme. Doch «Nach Ohio» ist kein wissenschaftliches Buch, sondern ein historischer Roman. Der Autor hat zum Glück keine Mühe damit, Fakten zu ver­dichten und zugunsten der Geschichte Details wegzulassen oder neu zusammenzusetzen. «Man schreibt ein Buch ja nicht dafür, dass man ein Buch in den Händen hält, sondern für die Leser», betont er.

«Ich musste mich nie motivieren, nachzuforschen oder zu schreiben.» Benedikt Meyer, Historiker und Autor

Sein Erzähltalent stellt er auch an Science-Slams unter Beweis. Das sind analog zu literarischen Poetry-Slams Wettbewerbe, bei denen Wissenschaftler ihre Forschungsthemen in einem Kurzvortrag möglichst unterhaltsam präsentieren. Ab und zu tritt Benedikt Meyer sogar an Firmenanlässen als Science-Slammer auf. Und er schreibt Texte für verschiedene Kulturinstitutionen und Medien. Eine Festanstellung sucht er zurzeit nicht. «Ich schaue jetzt mal, wie es als freischaffender Historiker weiterläuft», sagt er.

Quer durch die USA

Benedikt Meyer mag es, sich Zeit zu lassen, um sich den entscheidenden Fragen anzunähern. Als er für sein Buch recherchierte, reiste er nicht etwa im Flugzeug, sondern im Containerschiff nach New York.

«Fliegen geht mir zu schnell, es killt den Planeten und überhaupt: die Ankunft per Schiff in der ‹Neuen Welt›! Dieses Bild, diese Vorstellung, da ist eine solche Kraft drin!», erklärt er. Wie seine Urgrossmutter vor 125 Jahren auf dem Dampfschiff wollte er diese Ankunft erleben. Auf dem Velo fuhr er anschliessend während dreier Monate quer durch die USA und folgte dabei den Spuren von Stephanie Cordelier.

Dieses Nachforschen beschreibt der Autor im Buch in einem zweiten Handlungsstrang. Damit bringt er der Leserin und dem Leser die Urgrossmutter noch näher. Sie ist keine abstrakte historische Figur, sondern fest in der Realität verwurzelt.

Auch in ihrer Lebensgeschichte stecken viele Themen, die nach wie vor aktuell sind: Erwachsenwerden, Emanzipation, Migration. Erschreckend ist allerdings, zu lesen, wie eingeschränkt um 1900 die Perspektiven als Frau waren. Die eigene Arbeit war immer in erster Linie Dienst an einem Mann – sei es als Wäscherin oder als Haushälterin.

«Eine unbequeme Frau»

«Ich musste mich nie motivieren, nachzuforschen oder zu schreiben», sagt Benedikt Meyer. Seine Neugierde habe ihn einfach immer weitergeführt in der Geschichte. Dabei stiess er auch auf Schweizer Nachfahren im Freundeskreis von Stephanie Cordelier. «Diese Begegnungen und die vielen Zufälle, die dazu führten, waren aufregende und berührende Erlebnisse», sagt er.

Das Buch endet mit der Heirat seiner Urgrossmutter. Warum? Weil auch ihr eigener Lebensbericht hier aufhört. Das sei leider typisch für die damalige Zeit. «Frauen lösten sich als Persönlichkeit auf, sobald sie eine Familie hatten», erklärt der Autor. «Dabei weiss ich, dass Stephanie zeitlebens eine unbequeme Frau blieb.»

Benedikt Meyer: «Nach Ohio.Auf den Spuren der WäscherinStephanie Cordelier», Zytglogge, 209 Seiten.Lesung: 25. 3., 19.30 Uhr,Monolog, Postgasse 51, Bern.

Berner Zeitung

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