Nur ein Tweet bis zur Katastrophe

Reporterlegende Bob Woodward beschreibt das Chaos im Weissen Haus und erklärt,weshalb sich Donald Trump in Washington und in der Welt von Feinden umzingelt fühlt. 

Beratungsresistenter Egozentriker: US-Präsident Donald Trump. Foto: Yuri Gripas (Reuters)

Beratungsresistenter Egozentriker: US-Präsident Donald Trump. Foto: Yuri Gripas (Reuters)

Matthias Kolb@matikolb

Trump ist exakt ein halbes Jahr im Amt, als Verteidigungsminister Jim Mattis und Wirtschaftsberater Gary Cohn erneut versuchen, das «grosse Problem» zu lösen. Sie verzweifeln daran, dass der Präsident nicht versteht, wie wichtig die Verbündeten in Asien und Europa für die USA sind. Um Trump zu erklären, dass militärische, wirtschaftliche und geheimdienstliche Partnerschaften mit ausländischen Regierungen miteinander verknüpft sind, schmieden sie einen Plan: Sie holen ihren Chef vom Weissen Haus ab und erklären ihm im Pentagon die Komplexität der Welt.

Als Trump «The Tank» verlässt, bleiben im abhörsicheren Raum schockierte Männer zurück. Während Stabschef Reince Priebus denkt: «So also sieht Wahnsinn aus», sagt Aussenminister Rex Tillerson: «Er ist ein verdammter Vollidiot.»

«Kompletter Blödsinn»

Nachzulesen ist die Szene vom Juli 2017 in «Furcht. Trump im Weissen Haus». Reporterlegende Bob Woodward schildert minutiös, wie Berater Trump mit grossen Karten erklären, wo das US-Militär vertreten ist und welche Handelsabkommen die Staaten verbinden. Der Präsident schweigt erst und sagt dann: «Davon will ich nichts hören, das ist kompletter Blödsinn.»

Wie ein roter Faden zieht sich Trumps Beratungsresistenz durch das Buch, von dem in den USA schon über eine Million Exemplare verkauft wurden und das eben auf Deutsch erschienen ist. Den Titel hat der 75-Jährige einem Interview entnommen, das er im März 2016 mit Trump für die «Washington Post» führte: «Wirkliche Macht ist – ich möchte dieses Wort eigentlich gar nicht benutzen – Furcht.»

Die über 500 Seiten legen offen, was die Mitarbeiter der zerstrittenen Regierung verbindet: Furcht vor dem Egozentriker. Den Menschen ausserhalb des Weissen Hauses nimmt Woodward die Hoffnung, dass Trump sich ändern und etwa die Bedeutung der Nato begreifen könnte: Er ist getrieben von der Angst, als Schwächling dazustehen, und hasst Kurskorrekturen.

Für Woodward, dessen Watergate-Recherchen 1974 zum Rücktritt von Richard Nixon führten, ist Trump schon der neunte US-Präsident, dem er ein Buch widmet. Es liegt an dieser Erfahrung, dass «Furcht» einen Ehrenplatz im Kanon der Trump-Bücher finden wird und die Welt aufhorcht, wenn er im Prolog den «Nervenzusammenbruch der politischen Exekutive des mächtigsten Landes der Welt» ankündigt.

Szenen in Dialogform

Niemand kennt mehr Details als Woodward. Für «Furcht» hat er Hunderte Interviews mit den wichtigsten Akteuren geführt, die er teils spätabends anrief oder an deren Türen er klingelte. Oft durfte er ein Tonband verwenden und alles «unter zwei» verwenden: So nennen es Journalisten, wenn zwar zitiert werden darf, aber die Quelle verborgen bleibt. Woodward ordnet diese Informationen, prüft sie anhand von Dokumenten (manche sind abgebildet) und erzählt Szenen in Dialogform nach. Dass viele Akteure die ihnen zugeschriebenen Zitate dementieren, ist Teil des Spiels – und dient dem Selbstschutz vor Trumps vulkanischer Wut.

Die wichtigsten Informanten ausser Stephen Bannon sind schnell entschlüsselt: Es sind Priebus, der ehemalige Stabs-sekretär Rob Porter und Gary Cohn, die versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Cohn will Trump ständig davon überzeugen, dass die USA vom Freihandel profitieren und er keine Strafzölle erlassen sollte. Erfolgreich ist er nicht – doch wenn Trump Dekrete aufsetzen lässt, um die Freihandelsabkommen mit Südkorea oder den Nafta-Deal mit Mexiko und Kanada aufzukündigen, dann entfernt Cohn diese Dokumente vom Schreibtisch des Oval Office. Die Strategie «Aus den Augen, aus dem Sinn» funktioniert gut bei Trump.

Beim Lesen entsteht eine schaurige Faszination, wenn Woodward enthüllt, dass sich Trump populäre Tweets grossformatig ausdrucken lässt, um Muster zu erkennen. Aber Woodward macht klar, wie gefährlich dieser Mann für die Welt ist. Ausführlich beschreibt er Nordkoreas Nuklearprogramm, das Obama sträflich ignoriert hat, und enthüllt, dass Trump Ende 2017 beinahe einen Atomkrieg ausgelöst hätte. Er wollte via Twitter ankündigen, dass die Angehörigen der in Südkorea stationierten US-Soldaten abgezogen werden sollten – was Pyongyang als Vorbereitung auf einen Angriff angesehen hätte. Wie sich Trump umstimmen liess, beschreibt Woodward nicht, aber die Episode erklärt, wieso er sagt: «Das Risiko, das mit Donald Trump vom Weissen Haus ausgeht, ist unvorstellbar.»

Ein Segen für die Verlage

Auch wenn sein Buch im März 2018 endet, sind viele Schilderungen weiter relevant. Es ist klug, an den Wahlkampf 2016 zu erinnern und zu beschreiben, wie nach dem «Pussygate»-Video das Partei-Establishment Trump zum Rückzug der Kandidatur drängen wollte. So wird klarer, wieso sich Trump von Feinden umzingelt sieht.

Für die Verlage ist Trump ein Segen. Im ersten Halbjahr 2018 drehten sich drei Viertel aller Sachbuch-Bestseller in den USA um ihn, denn auch schwärmerische Porträts verkaufen sich blendend. «Furcht» dürfte viele progressive Amerikaner bestärken, die Macht dieses Präsidenten beschneiden zu wollen. Woodward rechnet damit, dass seine Schilderungen irgendwann auch die Trump-Hochburgen erreichen: Es sei stets «ein langer Prozess», bis Informationen ihre Wirkung entfalteten. Bei Nixon sei das nicht anders gewesen.

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