Nicht sein Tod

Unter dem Titel «Begegnungen mit dem Leibhaftigen» publiziert der Berner Arzt und Ex-Nationalrat Lukas Fierz (75) 21 Geschichten über sein Leben. Darunter auch diese über eine sinnlose Wiederbelebung.

Ergibt es immer Sinn, und ist es immer unser Wille, dass der Tod aufgehalten wird?

Ergibt es immer Sinn, und ist es immer unser Wille, dass der Tod aufgehalten wird?

(Bild: Getty Images)

Es läutete an der Tür der früheren Praxis. Draussen standen zwei jüngere Leute, ein Mann und eine Frau. Auf der Strasse sei jemand zusammengebrochen, hier sei doch ein Arzt. Der Arzt war pensioniert, lebte aber noch dort. 

Was im nächsten Abschnitt folgt, lief innert 30 Sekunden ab: Der alte Arzt ging hinaus, durch den Vorgarten auf den Bürgersteig. Dort stand eine kleine Gruppe von Menschen um einen, der am Boden lag. Er lag mit dem Gesicht zum Boden, eine kleine Gestalt in einem abgeschabten Anzug. Von seiner Hose zog sich eine Flüssigkeitsspur gegen den Rinnstein. Er hatte wahrscheinlich Urin verloren, das konnte von einem epileptischen Anfall sein. Oder er hatte einen Herzstillstand.

Der Arzt kniete nieder, drehte das Gesicht des Liegenden zu sich, es war etwas bläulich. Dann ein Griff in die Hosentaschen, er fand einen Geldbeutel, darin eine Identitätskarte, geboren 1923. Jetzt hatten wir 2010, also war der Mann 87 Jahre alt. In diesem Alter hat bei einem Herzstillstand eine Wiederbelebung auf der Strasse keinen Sinn. Selbst bei einem Erfolg bleiben die Leute fast immer schwer geschädigt und werden zum Pflegefall. Man soll es bleiben lassen.

Immerhin, der Arzt wollte wissen, was los war, suchte den Puls an den Handgelenken, am Hals, es hatte nirgends einen Puls. Herzstillstand. Er stand wieder auf, wandte sich an die Umstehenden und erklärte – ganz der gute alte Onkel Doktor – dass es sich um einen Herzstillstand handle. Dass der Mann 87 Jahre alt sei. Und dass in diesem Alter eine Reanimation keinen Sinn mache, weil die Resultate praktisch immer katas­trophal seien. 

Ganz leise tönte durch die Luft das Düüdää, Düüdää eines ­Krankenwagens, jemand hatte mit dem Mobiltelefon schon die Ambulanz gerufen. Der Arzt wollte noch sagen, dass man dem alten Mann besser seine Ruhe gönne, so sei es ein schöner und schmerzloser Tod. Aber die ­Sirene war jetzt laut, und schon bog auch das Ambulanzfahrzeug in die Nebenstrasse ein, giftgelb, hochglanzpoliert und blau­blitzend, näherte sich rasch und bremste scharf neben der Menschengruppe. Die Rettungs­sanitäter, ein mittelalterlicher Mann und eine jüngere blonde Frau mit einem Notfallkoffer sprangen heraus, beide sportlich trainiert, topfit und in ­blitz blanken gelben Leuchtwesten.

Sie versicherten sich rasch, dass man von hier telefoniert habe, stürzten sich auf den auf dem ­Boden liegenden Mann, griffen nach den Pulsen, die sie auch nicht fanden. Die junge Frau begann seinen Brustkorb zu pumpen, um ihn zu reanimieren. Der alte Arzt wäre ihnen gern in den Arm gefallen, aber sie hatten die Uniform der Ordnungsmacht und alle die Umstehenden konnten ja nicht einmal wissen, ob er ein Arzt war. So hielt er sich still.

Der Sanitäter schleppte den Defibrillator an, während die Frau weiter pumpte, öffnete er das Hemd, machte den Brustkorb frei und klebte die Elektroden an. Der Bildschirm zeigte keine geordnete Herzaktion, also löste man den Elektroschock aus. Danach kein Effekt. Nochmals ein Schock, jetzt zeigte der Bildschirm wieder eine Herzaktion, zwar unregelmässig, aber immerhin, er hatte auch wieder einen unregelmässigen Puls und wurde etwas rosig, blieb aber bewusstlos.

Die Frau verschwand im Rettungswagen und kam mit einer Bahre und einer Infusionsflasche zurück. Der alte Mann wurde auf die Bahre gelegt, die Infusion in eine Armvene gesteckt. Dann wurde der alte Mann auf der Bahre von den beiden in die Ambulanz getragen, die junge Frau blieb beim Patienten, der Mann schloss rasch die Hecktüre, grüsste kurz, stieg auf den Fahrersitz, und weg brausten sie mit Blaulicht und der Sirene, welche immer leiser wurde. Der ganze Spuk hatte vielleicht drei Minuten gedauert. 

Ja, diese ganze Aktion war höchst professionell und virtuos abgelaufen. Solche Qualität und solches Tempo erreicht man nur mit dauernder Übung. Gleichzeitig hatte die Inszenierung etwas synthetisch Unwirkliches: Die Sanitäter wirkten wie glänzende Lego-Männchen, die mit ihrer Lego-Ambulanz in einer perfekten Lego-Welt funktionierten. Oder wie Computeranimationen in diesen amerikanischen Filmen, in denen alle Oberflächen so perfekt nachgemacht  sind – virtual reality –, und doch bleibt alles unwirklich.

Für diese perfekte Lego-Welt war das alte abgeschabte Männchen das falsche Objekt. Das Männchen war offenbar bisher selbstständig gewesen. Und jetzt wollte im hohen Alter sein Leben zu ­Ende kommen. Sein Glück wäre gewesen, einem Tod zu begegnen, der alles hatte, was man von einem Tod wünschen konnte: plötzlich, friedlich und schmerzlos. 

Aber sie haben ihm seinen Tod weggenommen, seinen Tod hinausgeschoben in die Pflegeabhängigkeit, in ein Pflegeheim. War das der Wunsch dieses Männchens? Hätten wir diesen Wunsch? Hat unser Gesundheitsbudget Geld, um solchen Leerlauf zu bezahlen? 

Wenn das Männchen ein Einzelfall wäre, so könnte man darüber hinweggehen. Aber das Männchen ist kein Einzelfall. Es ist Ausdruck einer allgemeinen Philosophie. Der alte Arzt erinnert sich: In jungen Jahren war er zur Ausbildung in der Klinik für Innere Medizin, die damals als die beste galt. Die Direktive dort lautete: «Jeder Herzstillstand wird reanimiert, weil das eine gute Übung für den Assistenzarzt ist»; die gleiche Direktive gilt für die Rettungssanitäter, ob das nun am gegebenen Objekt Sinn macht oder nicht. 

Wir werden nicht gefragt.

Berner Zeitung

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