Der singende Pfadfinder

Zum ersten Mal führt Mani Matter eine Schweizer Hitparade an. Warum ihm dabei nicht wohl gewesen wäre. Und warum es trotzdem richtig ist.

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Jean-Martin Büttner@Jemab

Als er starb auf dem Weg nach Rapperswil zu einem Konzert, er war wieder einmal spät dran gewesen und kollidierte auf der Autobahn mit einem Lastwagen, das war am 24. November 1972: Da hatte Hans Peter Matter mit 36 Jahren schon mehr erreicht als viele, die doppelt so lange lebten wie er.

Da singen sogar die Franzosen mit: Stephan Eichers schöne Version von «Hemmige». Video: Universal Music France (Youtube)

Bekannt geworden ist er für seine Lieder, dabei machte er so viel mehr. Der promovierte Staatsrechtler arbeitete als Rechtskonsulent der Stadt Bern, half also den Bürgern. Seine Dissertation über «die Legitimation der Gemeinde zur staatsrechtlichen Beschwerde», auf 84 Seiten in glasklarem Deutsch formuliert, wurde mit «summa cum laude» ausgezeichnet. Sie hat die Rechtsprechung des Bundesgerichts verändert. Und greift ein Thema auf, das Matter ein Leben lang beschäftigte: den schwindenden Einfluss des Kleinen auf das Grosse.

Auch seine Habilitation hatte er bereits geschrieben, es fehlten bloss die Fussnoten. Mani Matter verfasste Tagebücher, Theaterfragmente, Gedichte, Traktate, arbeitete an einem Libretto für eine «Madrigalkomödie» und machte Übersetzungen. «Schreiben heisst Auswählen», notierte er, der Meister der Reduktion.

Schöne Augen

Diese bestimmt auch seine «Liedli» und «Gschichtli», wie er sie nannte mit dem typisch Bernischen Hang zur Verkleinerung; bei ihm traf es das Zündhölzli, das Tabourettli, das Truckli und andere Wörtli. Nur meinte er den Diminutiv nicht verherzigend, er war bei ihm eher ein Reflex. Als müsse er sich dafür entschuldigen, dass seine Lieder nicht ernst genug waren, um wichtig zu sein. Dass Matter jetzt, zu seinem 80sten Geburtstag, zum ersten Mal eine Schweizer Hitparade anführt, hätte ihn gefreut. Aber ganz wohl wäre ihm nicht gewesen.

Eine hinreissende Version vom «Sidi Abdel Assar vo El Hama», gesungen von Guillermo Sorya. Video: Oscar Perez

Denn Komplimente machten ihn verlegen, und er verabscheute Schmeicheleien. Er brachte es sogar fertig, ein Stück humorvoll abzuwerten, bevor er es vorgetragen hatte. Das sei jetzt kein Beitrag zur arabischen Frage, sagte er zu «Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama», aber er sänge es trotzdem. Das Stück war ihm in Tunesien zugefallen, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern Ferien machte. Es liefert schon einen Grund, Matter für sein Manisein dankbar zu sein. Denn das Dünenstück über Sidi, der sich auf dem Weg zur Moschee in zwei schöne Augen verliebt, für die Mitgift aber zu wenig Kamele zusammenbringt – es ist so lustig erzählt und gereimt, das man es noch heute genau so lustig findet.

Diminutive Dialektik

Lautmalerische Texte wie der «Boxmätsch» mit seinen hämmernden Einsilbern, Einfälle wie «Dr Eskimo», bei dem sich jede Zeile auf «o» reimt, weisen ihn als sprachlichen Virtuosen aus; Lieder wie jenes über das fliegende Neunertram zeigen seinen Sinn für das Absurde. Nie hört man seiner Kunst das Können an, weil seine Lieder so einfach klingen, als habe ein Kind sie hingeschrieben. Darum haben die Kinder Mani Matter so gern wie die Erwachsenen, er ist zeitlos gut und für alle da wie Buster Keaton oder Schnitzel Pommes-frites.

Dass der tote Troubadour weiter für uns spielt, dass jede Generation ihm nachsingt, dass eine Platte von ihm die Charts anführt – man könnte es mit Schweizer Tugenden erklären, die er verkörperte: Bescheidenheit und Renitenz.

Nur wird letztere bei ihm häufig überhört. Matters Lieder sind in die Folklore eingegangen, er wurde zum singenden Pfadfinder verharmlost mit seiner Lagerfeuergitarre und den braven Akkorden. Man liebt das Diminutive an ihm und überhört seine Dialektik.

Mani Matters «Daellebach Kari». Video: baeremani (Youtube)

Er hatte es selber kommen sehen. Mani Matter misstraute der Begeisterung seines Publikums, er deutete sie als Beleg seiner eigenen Harmlosigkeit. Gegen Ende seines Lebens radikalisierte er sich politisch zusehends, interessierte sich für die ausserparlamentarische Opposition. Vom Moralismus seiner frühen Lieder hatte er sich schon früher distanziert. «Was ich bisher machte», bekannte er 1970 in einem Interview, «ist mir manchmal noch etwas zu tantenhaft oder zu lehrhaft oder zu moralisch auch.»

Sogar in der Selbstkritik bleibt er unerreicht.

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