«Moralisieren wurde Mainstream»

Bernhard Schlink erkundet in seinem Roman «Olga» die deutsche Grossmannssucht. Das Buch trifft einen wunden Punkt der deutschen Geschichte.

Wieso lesen wir? «Wir wollen mehr als ein Leben leben», meint der Schriftsteller Bernhard Schlink. Foto: Gaby Gerster (Laif)

Wieso lesen wir? «Wir wollen mehr als ein Leben leben», meint der Schriftsteller Bernhard Schlink. Foto: Gaby Gerster (Laif)

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In Ihrem neuen Roman vertritt die Hauptfigur Olga die Meinung, dass die Deutschen zu gross dächten und handelten. Das sei das Verhängnis Deutschlands. Teilen Sie die These?
Olga ist Autodidaktin, und Autodidakten erklären sich die Welt gerne in klaren ­Linien und einfachen Bildern. Olgas Auffassung ist nicht meine. Aber sie trifft ­gewiss einen Punkt.

Welchen?
Das Pferd, auf das Bismarck Deutschland gesetzt hat, war wohl zu gross, als dass Deutschland es gut hätte reiten können. Das Kaiserreich mit seinen Fantasien von deutscher Mission, Weltgeltung und einem Kolonialreich, über dem die Sonne nicht untergeht, Fantasien, die sich auf andere Weise im National­sozialismus fortsetzten – das alles ging weit über jedes vernünftige Mass hinaus.

Worin liegen die Gründe für diese Übersteigerung?
Olga hat dazu eine These: Für die Deutschen war der Nationalstaat lange Zeit nur ein Sehnsuchtsobjekt, ein Fantasieprodukt. Alle anderen hatten ihn, schliesslich sogar die Italiener, während die Deutschen aus dem zerstückelten Land mit den mal grösseren, mal kleineren Territorien, Herzogtümern und Königreichen kamen – viele Deutsche empfanden es als eines Europäers unwürdig, als persönliche Kränkung. Nachdem die Deutschen über Jahrzehnte Deutschland nur fantasiert hatten, hörten sie damit, als sie den Nationalstaat endlich bekamen, nicht einfach auf. Sie richteten die Fantasien weiter auf etwas, das grösser war als die Wirklichkeit, auf ein Reich mit Weltgeltung, ein koloniales Reich, die Nazis auf ein Grossdeutschland bis zum Ural. Mit der Sehnsucht nach dem Nationalstaat beginnen für Olga auf zunächst unschuldige Weise die Grössenfantasien.

Hat die BRD der Grossmannssucht ein Ende gesetzt?
Deutsche Grössensehnsucht kann sich heute nicht mehr auf Territorien richten. In Olgas Augen ist gleichwohl manches zu gross geraten, unter anderem das Wirtschaftswunder, die Vergangenheitsbewältigung, die Studentenbewegung, die Lust der Deutschen am Moralisieren. Die Deutschen sind gross im moralisierenden Skandalisieren und Denunzieren.

Woher kommt das?
Es kommt nicht zuletzt von der Studentenbewegung. Es brauchte damals wirklichen moralischen Mut, gegen die Verkrustungen in Universität und Gesellschaft zu kämpfen, alte Nationalsozialisten in führenden Positionen zu entlarven, Vertuschungen von nationalsozialistischen Verbrechen aufzudecken. Aber dann wurde, wofür damals gekämpft wurde, Mainstream, und Mainstream wurde auch das Moralisieren. Mut braucht es dafür schon lange nicht mehr, es ist billig geworden und versichert sich seiner Bedeutung, indem es skandalisiert und denunziert.

Die 68er wollten ja die ganze Welt retten, nicht nur die Universitäten. Hat sich das Denken im grossen Stil vielleicht doch fortgesetzt?
Zu gross können nicht nur das Streben nach Macht und die Machtentfaltung geraten, sondern auch die Träume, das Denken, die Gesten. Denken Sie nur an die Flüchtlingspolitik: So richtig es war, die Integration der Flüchtlinge, die nun einmal da waren, schaffen zu können und schaffen zu wollen, so grössenvermessen war die einladende Geste, die als Ermutigung an alle, nach Deutschland zu kommen, verstanden wurde.

«Das wirklich Grosse ist das Nichts.»

Olga verliert ihren Geliebten und ihren Sohn an die Grossmannssucht.
Ihr Geliebter Herbert Schröder, zu dem mich eine historische Gestalt angeregt hat, war von der afrikanischen Sandwüste überwältigt, hat dann die arktische Eiswüste erkunden und erobern wollen und ist dort bei einer schlecht vorbereiteten und schlecht durch­geführten Expedition umgekommen. Es sind Aufzeichnungen von ihm erhalten, die die Sehnsucht erkennen lassen, sich in die Wüste, die Weite, die Leere zu verströmen und darin zu verlieren. Alles andere ist für diese Sehnsucht zu klein. Das wirklich Grosse ist das Nichts.

War es für Sie schwierig, sich in die Rolle Olgas zu versetzen?
Schon bei meinem ersten Roman, «Selbs Justiz», stellte sich die Frage, ob er nicht aus der Sicht der Frau zu schreiben sei. Ich dachte, ich könnte es nicht. Ich weiss nicht wirklich, wie es sich anfühlt, Frau zu sein. In der kleinen Form der Briefe habe ich im Roman «Olga» gewagt, mich in die Rolle der Frau zu versetzen, und es hat mir Freude gemacht. Ich habe mir viel Zeit genommen für den Briefteil, den dritten Teil des Romans.

Ist Olga eine reale Person?
In mein Elternhaus in Heidelberg kam immer wieder eine Näherin, die wie Olga in mittleren Jahren taub geworden war. Das ist alles, was beide miteinander verbindet. Aber das Geräusch der Nähmaschine ist real; ich erinnere mich daran genau so, wie ich darüber geschrieben habe. Ich habe auch viel gelesen über die Generation von Frauen, zu der Olga gehörte, was sie werden konnten und wurden, wie das Leben von Volksschullehrerinnen in Preussen aussah. Viele dieser Frauen hatten das Zeug, zu studieren und Ärztinnen und Juristinnen und Architektinnen zu werden. Aber sie mussten unter ihren Fähigkeiten leben.

Schauen Sie sich die Orte an, über die Sie schreiben?
Ich war für den Roman sowohl in Norwegen als auch in Namibia.

Beeinflussen solche Recherchen Ihr Schreiben?
Die Recherchen haben sich nicht derart niedergeschlagen, dass ich diesen oder jenen Satz ohne sie nicht hätte schreiben können. Dennoch habe ich das Gefühl, dass ich die Geschichte nicht hätte erzählen können, wenn ich nicht in Afrika und Norwegen gewesen wäre. Ich wollte den Waterberg einfach einmal sehen und eine Vorstellung davon bekommen, wo und wie sich Deutsche und Hereros dort in und nach der Schlacht begegnet sind. Auch von der Wüste, die Herbert Schröder so faszinierte, wollte ich eine Vorstellung bekommen. Wie sich die Sanddünen hundert bis zweihundert Meter erheben und steil ins Meer abfallen, wie sich die Geröllwüste streckt, so weit das Auge sieht, wie man Stunden fährt, ohne dass sich das Bild verändert – es hat mich berührt, auch wenn ich nicht das Bedürfnis hatte, mich darin zu verlieren. Ich verstand besser, was Herbert antrieb.

Was bedeutet Ihnen Schreiben?
Ich bin selten so glücklich, wie wenn ich schreibe. Einen Nachmittag und Abend ohne andere Verpflichtung vor mir haben, ein Wochenende, eine Woche, einen oder mehrere Monate – es ist wunderbar. Vielleicht ist das Schreiben auch eine Flucht – aus dieser Welt in die Welt derer, über die ich schreibe. Es hat etwas Eskapistisches.

Eine Flucht aus dem banalen Alltag?
Ich finde den Alltag nicht banal. Aber mit dem Schreiben ist es wie mit dem ­Lesen: Wir wollen mehr als ein Leben ­leben.

Worin besteht der Unterschied?
Lesen ist Silber, Schreiben ist Gold? Das nicht, aber so sehr ich es liebe, beim Lesen in eine andere Welt einzutauchen und mit ihren Gestalten zu leben – mit den Gestalten, über die ich schreibe, lebe ich noch intensiver. So intensiv, dass ich immer mit Schmerzen von ihnen Abschied nehme, wenn ein Buch fertig ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2018, 18:08 Uhr

Bernhard Schlink

Schriftsteller und Jurist

Bernhard Schlink, emeritierter Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität, lebt in Berlin und New York. In seinem neuen Roman «Olga» geht es um die Verwerfungen der deutschen Geschichte, erzählt und interpretiert aus der Sicht der Protagonistin. Der Schriftsteller wird den Bestseller am Mittwoch, 25. April, im Volkshaus Basel vorstellen. (kal)

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