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Mogelpackung mit Mondrakete

Der neue «Räuber Hotzenplotz» ist erschienen. Das nachgelassene Buch ist allerdings gar kein so unbekanntes Fundstück wie angekündigt.

Die Geschichte des vermeintlich neuen Buches ist bereits unter einem anderen Titel im Thienemann-Verlag erschienen: «Vater Mond darf nicht krank sein», 1969. Bild: Keystone
Die Geschichte des vermeintlich neuen Buches ist bereits unter einem anderen Titel im Thienemann-Verlag erschienen: «Vater Mond darf nicht krank sein», 1969. Bild: Keystone

Ein unbekanntes Manuskript im Nachlass von Otfried Preussler sei gefunden worden, ein neues Hotzenplotz-Abenteuer! Selten hat die Ankündigung eines Kinderbuches einen solchen medialen Wirbel hervorgerufen. «Damit wird es neben den drei Bänden des berühmten Kinderbuchklassikers nach 45 Jahren erstmals eine weitere und gänzlich neue Geschichte geben,» schrieb der Thienemann-Verlag Anfang Mai. Die Tochter des Autors, Susanne Preussler-Bitsch, wolle dieses Manuskript nutzen, um daraus ein «erzähltes Kasperltheater zwischen zwei Buchdeckeln zu entwickeln».

Der Titel «Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete» ist nun am letzten Freitag erscheinen. Der Tochter sei «sofort klar» gewesen, schreibt der Verlag, «welchen Schatz sie gehoben hatte, als sie im vergangenen Jahr per Zufall auf dieses unbekannte Bühnenstück ihres Vaters stiess.» Allein, dieses Stück war kein wirklicher Schatz, unbekannt ist es auch nicht. Ein aufmerksamer Leser wies die SZ darauf hin, dass «Die Fahrt zum Mond», mit dem Untertitel «Ein Kasperlspiel von Otfried Preussler» bereits in «Das grosse Reader's Digest Jugendbuch 10» im Jahr 1969 erschienen ist zusammen mit einer Bauanleitung für ein Puppentheater.

Auf Hinweis von SZ und «3sat Kulturzeit» fanden Mitarbeiter des Thienemann-Verlags das Bühnenstück denn auch im eigenen Archiv, und zwar in dem von Otfried Preussler 1969 herausgegebenen Band «Puppenspiele 9». Hier hat es den Titel: «Vater Mond darf nicht krank sein». Der Verlag hatte sich völlig überrascht gegeben, nicht anders als Susanne Preussler-Bitsch. Sie habe für die Publikation bei Readers's Digest keinen Vermerk im Nachlass ihres Vaters gefunden. Die Ausgabe des Thienemann-Verlags schien sie nicht zu kennen. «Sowohl in der Bibliografie, die mein Vater so akribisch führte, als auch in Verträgen oder Vereinbarungen, die der Nachlass enthält, finden sich keine Hinweise auf diesen Titel als veröffentlichtes Stück», schreibt sie nun in einer Meldung.

Für das neue Buch wird die Handlung auf 60 Seiten gedehnt

Otfried Preussler hat selbst in seiner Festschrift zum 75. Geburtstag davon erzählt, wie es dazu kam, dass er den «Räuber Hotzenplotz» nicht nur als Buchfassung, sondern später auch als Hörspiel und Theaterstück herausgegeben hat. Doch das kleine fünfseitige Kasperlstück, aus dem Band «Puppenspiele», das nun die Vorlage für «Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete» bildet, blieb eine einmalige Geschichte, Preussler wollte damit die besondere Technik des Puppenspiels vermitteln, seine Leser anregen, selber zu inszenieren. Immer wieder finden sich Regieanweisungen, wie die Kinder an der Handlung mitwirken sollen, sie werden aufgefordert dabei zu helfen, dass Kasperl und Seppel den Räuber fangen können.

Dazu braucht es nur einen einzigen Gag, dass Hotzenplotz, aus dem Spritzenhaus ausgebrochen, von Kasperl und Seppel mit dem Gerücht hereingelegt wird, auf dem Mond liege ein Schatz. Die Rakete ist schon gebaut, die ihn befördern soll, mit Papprolle, Strick und Kartoffelsack.

Für das neue Hotzenplotz-Buch wird diese Handlung nun mit den vertrauten Figuren auf 60 Seiten gedehnt. Unklar ist, an welchen Stellen das Original angereichert wurde. Die Grossmutter wird neu hinzugefügt. Sie kocht am Schluss, wie sie es am Anfang versprochen hat, für alle Schwammerlsuppe mit Knödeln. Der Erzählton ist dem von Otfried Preussler nachempfunden, doch die gerade von Kindern geliebten Wort- und Satzverdrehungen zwischen Kasperl und Seppel fehlen gänzlich. Die Bilder von Thorsten Saleina erinnern an die wunderbaren Zeichnungen von F. J. Tripp und sollen wohl den Eindruck verstärken, dass dieses Buch ganz in der Tradition der bekannten und geschätzten Hotzenplotz-Bände steht.

Im Theaterstück fragt der Wachtmeister: «Ihr habt den Räuber Hotzenplotz gefangen? Ich sehe ihn aber nicht! Wo steckt er denn?» Das Publikum kann nun antworten: «In den ersten drei Hotzenplotz-Bänden.»

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