«Meine Frauen gehen über Leichen»

Die Grande Dame des deutschsprachigen Krimis liest anlässlich der Criminale in Bern. Im Gespräch erzählt die 78-jährige Ingrid Noll, warum ihre Täterinnen manchmal regelrecht sympathisch wirken und warum sie nicht übers Rotlichtmilieu schreibt.

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Helen Lagger@FuxHelen

Frau Noll, Ihre Mörder sind mehrheitlich weiblich. Geben Frauen die besseren Täter ab?Ingrid Noll: Es liegt vor allem daran, dass ich mich in Frauen besser einfühlen kann. Ich habe Schwestern, gute Freundinnen und bin selbst eine Frau. Ausserdem sprechen Frauen häufiger über ihre Wünsche, ihre Hoffnungen oder ihren Kummer und liefern dadurch mehr Stoff.

Frauen morden bei Ihnen unter anderem, um zu ihrem Recht zu kommen. Eine politische Aussage? Meine Krimis spielen im privaten Sektor und beschreiben unsere Gesellschaft mit ihrer wachsenden Unzufriedenheit, ihrem Streben nach immer mehr Besitz und mehr Anerkennung. Sie sind so gesehen nicht direkt politisch, spiegeln aber die heutige Zeit. Manche meiner Geschichten haben durchaus subversives Potenzial. Frauen, die zu kurz gekommen sind, nehmen sich einfach, was sie brauchen, und gehen dabei über Leichen. Etwa Rosemarie Hirte in «Der Hahn ist tot».

In «Die Häupter meiner Lieben» sympathisiert man sogar mit den skrupellosen Täterinnen... Ich möchte auf keinen Fall, dass meine Täterinnen reine Ekel sind. Wenn ich Figuren erfinde, schlüpfe ich wie eine Schauspielerin in eine Rolle und bringe meine eigenen Erfahrungen ein. Beim Beschreiben einer jungen Person frage ich mich, wie ich in diesem Alter empfunden hätte.

Wegen dieser psychologisch ausgeklügelten Porträts wurden Sie schon als Patricia Highsmith Deutschlands bezeichnet. Dieser Vergleich hinkt wie die meisten Vergleiche. Wir haben sehr unterschiedliche Biografien. Highsmith lebte einsam mit ihrer Katze – ich hatte immer ein volles Haus und kenne viele Menschen. Was ich aber sicher mit Highsmith gemeinsam habe, ist die Liebe zum Beobachten. Auch mit dem Mitgefühl, das Highsmith ihren Tätern entgegenbringt, kann ich mich identifizieren.

Lassen Sie sich von Bekannten zu Figuren inspirieren? Ich würde nie mir bekannte Mitmenschen so beschreiben, dass sie sich wiedererkennen. Und es ist auch nicht nötig, denn ich verfüge über genug Fantasie.

Sie beschreiben oft familiäre Abgründe. Warum trauen Sie dem trauten Heim nicht? Ich selbst hatte Glück und stamme aus einem turbulenten, aber liebevollen, sicheren Hort. Auch meine eigenen Kinder sind ganz gut gelungen (lacht). Allerdings bin ich davon überzeugt, dass es die heile Welt, wie manche Familien sie zelebrieren, nicht gibt. Wenn Eltern dauernd mit ihren erfolgreichen Kindern angeben, dann werde ich skeptisch. Ich schreibe gerne über Familien, weil ich darüber Bescheid weiss. Über das Rotlichtmilieu könnte ich nicht schreiben, weil ich davon keine Ahnung habe.

Ihr erstes Buch schrieben Sie mit 55 Jahren. Was war der Auslöser für dieses späte Debüt? Mein Auslöser war ein eigenes Zimmer, in das ich mich zurückziehen konnte.

Das klingt nach Virginia Woolfs... ...«A Room of One’s Own». Ja, so war das wohl bei mir. Ich konnte erst schreiben, als die Kinder aus dem Haus waren.

Früher galten Krimis eher als B-Literatur. Heute werden sie auch von Kritikern ernsthaft besprochen. Wie haben Sie diesen Wandel erlebt? In meiner Jugend sah man noch Reisende, die in der Bahn einen falschen Umschlag um ihren Krimi gewickelt hatten – wie es jetzt wohl nur ein Pornoleser täte. Doch auch früher gab es prominente Krimischreiber, zum Beispiel hatte Dürrenmatt keinerlei Berührungsängste.

An der Criminale lesen Sie unter anderem aus Friedrich Glausers «Der Chinese». Hat Sie Glauser beeinflusst? Ich muss ehrlich gestehen, dass ich Glauser zuvor kaum kannte. Er gilt zu Recht als Pionier unseres Genres und fasziniert mich.

Was halten Sie von der aktuellen Krimischwemme? Ich denke, dass selbst ein elitärer Kritiker sich nicht gegen die grosse Lust am Kriminalroman immun zeigen kann. Natürlich gibt es beim explosionsartigen Anstieg gedruckter Krimis viele unterschiedliche Qualitäten für jeden Geschmack. Oder wie der Volksmund sagt: Für jeden Topf gibt es auch ein Deckelchen.

Lesung: 19.April, 20.30 Uhr, Thalia im Loeb. Zudem liest Noll im Rahmen der Marathonlesung aus Friedrich Glausers «Der Chinese», zusammen mit 27 weiteren Autoren, am 18.April, 15–23 Uhr, Käfigturm.

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Berner Zeitung

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