«Man merkte, wie nah sie ihren Figuren ist»

Slawist Thomas Grob kennt Swetlana Alexijewitsch, die neue Trägerin des Literaturnobelpreises, auch persönlich.

  • loading indicator
Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Sie moderierten 2013 in Basel eine der raren Alexijewitsch-Lesungen. Welchen Eindruck hinterliess sie? Ihre Lesung war aussergewöhnlich intensiv. Man merkte, wie nah Alexijewitsch ihren Figuren ist, wie sehr sie sich noch immer mit ihren Schicksalen auseinandersetzt: mit den Weltkriegssoldatinnen, den Müttern sowjetischer Afghanistankrieger oder den Opfern von Tschernobyl. Man merkte, dass ihr die Katastrophentexte an die Substanz gehen, und hatte den Eindruck, dass es ihr wohl äusserst schwerfallen würde, häufiger aus ihnen zu lesen. Es ist daher sehr zu hoffen, dass sie mit dem Rummel, der nun auf sie einstürzt, fertig wird.

In welchem Verhältnis stehen bei Alexijewitsch Journalismus und Literatur? Alexijewitsch, die Journalismus studiert hat, entwickelte die journalistische literarisierte Form des Interviews früh zu einer eigenen Kunstform. Sie beschäftigte sich jahrelang mit einem Thema, sprach stundenlang mit Zeitzeugen und verwob deren Stimmen dann zu einem literarischen Chor. Ich kenne niemanden, der diese Methode vor ihr so verwendet hätte.

Alexijewitsch gilt als Oppositionelle, lebt nun aber wieder in Minsk. Wie geht das zusammen? Die Rückkehr sei aus privaten Gründen geschehen, deutete sie in Basel am Rand der Lesung an. Sie selbst zeigt wenig Optimismus, was die Gegenwart der postsowjetischen Regionen anbelangt.

Kann die Verleihung an Alexijewitsch als ästhetisches oder politisches Statement verstanden werden? Es gibt ja eine längere Tradition des Nobelpreiskomitees, eher «osteuropäische» Nobelpreise mit einer politisch-gesellschaftlichen Ausrichtung zu versehen – das war bei Solschenizyn ausgeprägt der Fall, vorher bei Pasternak, auch bei Herta Müller. Im Fall von Alexijewitsch kommt aber sicher vieles zusammen: ihr politischer Mut und ihre Konsequenz, das durchaus politische Hörbarmachen von Stimmen, die immer übergangen werden – aber das eben auch in einer sehr eigenen und ausgefeilten literarischen Form, die weit über die Einzelschicksale hinausführt.

Wie steht sie zum Sozialismus? Für sie ist Sozialismus wohl weitgehend gleichbedeutend mit ihrer sowjetischen Erfahrung. Die seelische Verarmung des Homo sovieticus ist eines ihrer grossen Themen – die Zerstörung von Individualität und Bürgersinn durch eine verlogene Ideologie, die in der Öffentlichkeit lange schöngeredet wurde und Kritik und Engagement verunmöglichte. Auch deshalb stieg sie in der Glasnost-Zeit zur populären Autorin auf. Aber ihren Texten ist auch immer eine grosse Sympathie für jene Menschen anzumerken, die redlich um eine Realisierung der sozialistischen Ideale gerungen haben, die sehr oft aber gerade daran zerbrachen.

Wird Alexijewitsch in Russland noch gelesen? Ja, sie hat dort seit den 1980ern eine grosse, treue Leserschaft und gilt unvermindert als moralische Instanz, die als eine der Ersten auf heikle Themen der späten Sowjetunion aufmerksam gemacht hat. Natürlich wurde sie immer wieder auch angefeindet, weil sie unpatriotisch sei und weil sie verbreitete Heldenbilder zerstöre. Ihre Bücher sind aber in guten Ausgaben greifbar.

Welches Buch empfehlen Sie einem Einsteiger? Da Alexijewitsch ihre charakteristische Montagetechnik sehr früh entwickelt hat, wird deren Wirkung schon in ihren ersten Büchern erfahrbar. Man kann sich also nach thematischer Vorliebe für sein erstes Alexijewitsch-Buch entscheiden – man erkennt ihre unverwechselbare Art in allen ihren Büchern.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt