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Literaturprojekte: Zurück auf Start

Das Doppelprojekt Strauhof/Bärengasse ist gestorben. Nach der Absage der ETH will die Stadt ihre Vorhaben nun «ergebnisoffen» prüfen.

Felix Schaad

Noch letzte Woche, im Interview mit Redaktion Tamedia, zeigte sich Stadtpräsidentin Corine Mauch von den beiden Literaturprojekten der Stadt vollständig überzeugt. In den Strauhof, bisher Ort der Literaturausstellungen, sollte ein Schreiblabor für Jugendliche (Jull) einziehen. In der Bärengasse würde ein neuer Anziehungspunkt geschaffen: aus den hochkarätigen Literaturarchiven der ETH. Ausstellungen könnten dort ebenfalls stattfinden, aber unter privater Trägerschaft und mit nur noch ein bisschen städtischem Geld.

Dass die Pläne nach Redaktion Tamedia-Recherchen schon vor dem Aus standen, bestritt Mauch. Dabei hatte der zuständige ETH-Vizepräsident Roman Boutellier sehr deutlich zu erkennen ge­geben, dass die Bärengasse für seine kostbaren Archivalien ungeeignet sei. Auch der heftige Protest gegen die Strauhof-Umwidmung machte ihr zwar Eindruck, Konsequenzen wollte sie daraus nicht ziehen.

Wenige Tage später hat sie sie doch gezogen. Mitten in der Aufregung um die neue Departementsverteilung hat die Stadt eine Medienmitteilung herausgegeben. Demnach reagiert sie auf die geäusserten Einwände und «führt nun eine ergebnisoffene Auslegeordnung für ihre Vorhaben in der Literaturförderung durch». Ein zentraler Bestandteil dieser Vorhaben ist tot: «Das geplante Archiv-Zentrum in der Bärengasse mit dem Thomas-Mann-Archiv und dem Max-Frisch-Archiv der ETH Zürich sowie dem James-Joyce-Archiv wird nicht realisiert», heisst es.

Unvermeidlicher Rückzug

Den Ausschlag gegeben hat ein Gespräch der Stadtpräsidentin mit Boutellier, in dem dieser der Bärengasse eine endgültige Absage erteilt hat. Die Bedenken «baulicher und organisatorischer Art», sagt ETH-Sprecher Roman Klingler, haben sich nicht zerstreuen lassen. Das Gebäude in der Bärengasse ist zu feucht und nicht einbruchsicher.

Immer hatten sowohl Kulturchef Peter ­Haerle wie auch seine Chefin Corine Mauch erklärt, selbst im Fall einer Absage bliebe es bei den Plänen der Stadt, dort privat finanzierte Literaturausstellungen stattfinden zu lassen – dann halt mit anderen Mitbenutzern des historischen Gebäudes, die man schon finden werde. Nun wird auch diese Behauptung kassiert. Der bereits lancierte Ideenwettbewerb für Literaturausstellungen in der Bärengasse «wird vorerst sistiert», steht in der Mitteilung der Stadt.

Der Rückzug der Stadt war unvermeidlich, er kommt noch rechtzeitig, und er ist total. Denn in die «ergebnis­offene Auslegeordnung» wird auch der Strauhof mit einbezogen. Das erklärt die Medienmitteilung nicht explizit; Nat Bächtold, der Sprecher des Stadtpräsidiums, bestätigt aber auf Anfrage ausdrücklich: Dass im Strauhof, dem laut einer Petition bei Tausenden von Zürchern beliebten Standort von Literaturausstellungen, diese auch künftig stattfinden könnten, ist durchaus ein mögliches Ergebnis der Prüfung.

Das Strauhof-Komitee hat bereits hocherfreut reagiert, der Stadt seinen Respekt für den Rückzug bekundet («Chapeau!», sagt Komiteesprecher Urs Kummer) und seine Zusammenarbeit angeboten. Das Komitee zeigt sich offen – für Verhandlungen über «abgespeckte» Ausstellungen, auch über eine Integration des Jull.

Die Stadt hatte ideologisch gedacht

Ja, das Jull. Dem war der Strauhof ja als Sitz versprochen worden, und als Kompensation hatte die Stadt den Literaturfreunden und der Öffentlichkeit erst vollmundig und vage, dann etwas konkreter und spendenfreudiger, aber immer noch unabgesichert einen neuen Ort an der Bärengasse präsentiert. Über die Verknüpfung oder Nichtverknüpfung der beiden Projekte kann man streiten. Wesentlicher aber ist: Die Stadt hatte bei diesen Projekten nicht kultur- oder literaturpolitisch gedacht, sondern ideologisch. Oder sozialtherapeutisch. Jull in den Strauhof: Das war die «Duftmarke» des Kulturpolitikers Peter Haerle. Damit wollte er etwas vermeintlich Altbackenes durch etwas Frisches ersetzen.

Die Vorstellung, Autoren verhälfen benachteiligten Jugendlichen zur Sprache, diese inspirierten sie dafür aus ihrem wilden Leben, hat offenbar auch die Sozialdemokratin Mauch überzeugt. Beredt warb sie noch vor Tagen für eine Kulturpolitik, die auf eine sich verändernde Welt reagieren müsse. Mit dem Jull.

Diese Kulturpolitik liegt nun am Boden. Die gestoppten Projekte werden noch einmal von Grund auf geprüft, auch der Jull-Standort, wie Haerle auf Anfrage bestätigt. Geprüft von genau der Stelle, die sie sich ausgedacht hat: der Dienstabteilung Kultur. Dass Corine Mauch an Peter Haerle festhält – er habe ihr «volles, uneingeschränktes Vertrauen» und mache einen «ausgezeichneten Job», lässt sie mitteilen – , ist politisch vielleicht unklug. Andrerseits verlangt es der Anstand, schliesslich hat sie sich sein Projekt und dessen ideologischen Background öffentlich zu eigen gemacht, bis zum Schluss und fast schon wider besseres Wissen.

Wie könnte eine Lösung aussehen? Der Strauhof bleibt der Ort für Literaturausstellungen, vielleicht in langsamerer Taktzahl, vielleicht mit einem Budgetmix aus städtischen und privaten Geldern. Das Strauhof-Komitee, inzwischen ein Verein, will gern beim Fundraising helfen. Das Schreiblabor Jull, an dessen Förderung die Stadt festhält (das ist ebenfalls anständig), zieht dort mit ein, in reduziertem Format, oder bekommt eine andere Perspektive.

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