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Literaten auf kühnen Pfaden

Warum steigen Autoren auf Berge? Sie hoffen auf Selbsterkenntnis, wollen dem Gefängnis Leben entfliehen oder suchen nach Grenzerfahrungen. Der Gründe sind viele, wie

Nacktwandern ist keine Erfindung unserer Zeit: In Emil Zopfis eben erschienenem Buch «Dichter am Berg» zeigt ein hundertjähriges Foto Hermann Hesse hüllenlos in einer Kletterwand ob dem Walensee. «Ich lebe nackt und aufmerksam wie ein Hirsch in meinem Geklüfte, bin dunkel rotbraun, schlank, zäh und flink», schwelgt der Dichter. Skifahren wird ihm ebenfalls zum sinnlichen Erlebnis: Er gleitet über welliges Gelände, «wie ein Liebender die Glieder seiner Freundin streichelt». Auch die jungen Männer in zweien seiner frühen Erzählungen erleben den Berg wie eine zu bezwingende spröde Frau. Und seine Romanfigur Peter Camenzind trotzt der Todesgefahr, um seiner Liebsten Alpenrosen vom Grat zu holen.

Kitsch und Sachlichkeit

Da klingt bereits der Kitsch an, der die Alpenliteratur in Verruf gebracht hat. In der Nazizeit vor allem verherrlichen Heimatromane und -filme im Stil von Luis Trenker den Bergsteiger als Übermenschen, wie ihn der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche predigte. Nicht zufällig hatte er im Engadin seine Vision von Zarathustra, der von den Bergen herabsteigt, um den Menschen das Heil zu bringen. Als Vorbild zu dieser mythischen Figur soll ihm der Fextaler Bergführer Christian Klucker gedient haben.

Dieser berühmte Gipfelpionier hat selber eine Autobiografie verfasst, die mit schlichter Sachlichkeit seine Erstbesteigungen im Bergell und in den Rocky Mountains dokumentiert. Emotional ist nur seine Empörung über die reichen Kunden, die ihre miserabel entlöhnten Führer wie Domestiken behandeln. Von eigener Erfahrung zeugt auch Max Frischs Roman «Antwort aus der Stille», in dem ein junger Mann aus einer Lebenskrise in die Berge flüchtet. Später hat sich Frisch von dem 1937 herausgekommenen Buch distanziert, weil es ihm trotz seiner Ironie zu sehr vom Geist jener Zeit geprägt erschien.

Mutige Frauen

So schlägt Emil Zopfi den Bogen über ein Jahrhundert «Alpine Literatur aus der Schweiz». Mit Biografien, Textauszügen und Fotos stellt der passionierte Kletterer und Autor von Bergromanen zwei Dutzend Autoren vor, berühmte wie unbekannte. Auch Frauen findet man darunter: Die Abenteuerreisende Ella Maillart etwa besteigt allein auf improvisierten Ski einen Fünftausender in Kirgisistan auf ihrer Suche nach Selbsterkenntnis in der Einsamkeit. Ihre Freundin Annemarie Schwarzenbach liefert von der gemeinsamen Reise nach Afghanistan poetisch dichte Beschreibungen der Berglandschaft. Und sie erinnert in einer Biografie an den Solothurner Kletterpionier Lorenz Saladin, nach dem ein Gipfel im Pamir benannt ist.

Berge wie Schiffe

Ludwig Hohls tragische Erzählung «Bergfahrt», ein Klassiker der Alpenliteratur, beruht auf eigener Erfahrung mit einem schwächeren Seilgefährten. Denn der Sonderling, der zwanzig Jahre bis fast zu seinem Tod 1980 in einem Genfer Keller lebte und seine zum Kultbuch gewordenen «Notizen» an Wäscheleinen hängte, war in seiner Glarner Jugend ein tollkühner Kletterer. Er sieht die Schneeberge als grosse Schiffe im Himmelsozean, die ihn in die Freiheit tragen: «Die Antwort auf die oft gestellte Frage, warum wir auf die Berge steigen, lautet: um dem Gefängnis zu entrinnen.»

Auch der kürzlich verstorbene Maurice Chappaz, kongenial übersetzt vom anderen Walliser Bergautor, Pierre Imhasly, braucht in seinen lyrischen Texten oft das Bild von den Bergen als Meerschiffen. Wortgewaltig kämpft er gegen die Zerstörung der Alpenwelt durch den modernen Kommerz – Sorgen, die auch Franz Hohler plagen: In mehr als einem Buch lässt er die Berge selber aufbegehren gegen die menschliche Ausbeutung. Und in seinen detailgenauen Wanderbeschreibungen erzählt er auch von schwierigen Besteigungen ohne jede Heldenpose.

«Schreiben über Berge ist eine Gratwanderung, jederzeit droht der Absturz in Pathos und Kitsch», weiss Emil Zopfi. Nicht jeder zitierte Text in seinem reichhaltigen Buch meistert diese Herausforderung; als Zeitdokumente sind sie jedoch alle interessant.

Emil Zopfi: Dichter am Berg. Alpine Literatur aus der Schweiz. AS Verlag, 375 S.

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