«Lesen Sie das Rezept ganz durch!»

Julia Childs Kochbuchklassiker ist auf Deutsch erschienen. Kommt er 50 Jahre zu spät? Keinesfalls! Die Amerikanerin, die ihren Lands­leuten die französische Küche näherbrachte, ist unsterblich.

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Nina Kobelt@Tamedia

«Iiii’m Julia Child! Bon appétit!» Lockenkopf, Perlenkette, Ehering und eine überschwängliche Gestik im Allgemeinen: So kennt man, wenn überhaupt, Julia Child, eine der einflussreichsten Kochbuchautorinnen der Welt. Und auch wenn man wahrscheinlich Meryl Streep vor Augen hat – sie hat Julia Child im Film «Julie & Julia» gespielt – macht man sich wohl ein richtiges Bild.

Julia Child war ein Original, in allen Belangen, ein Freak, eine Besessene. Nicht nur, weil es nach Operette klang, wenn sie im Schwarzweiss-TV französische Omeletten ankündigte.

Der offizielle Trailer zu «Julie & Julia». Video: Youtube/Sony Pictures Entertainment

Julia Child, geboren 1912 in Kalifornien, arbeitete erst mal für den amerikanischen Geheimdienst, bevor sie zu kochen anfing. In Sri Lanka, das damals noch Ceylon hiess, lernte sie ihren zukünftigen Mann Paul Child, einen Diplomaten und Feinschmecker, kennen.

Etwas Wunderbares!

Und so begann sie zu kochen. 1948 war das Ehepaar nach Frankreich gezogen, wo Julia Child sich von diversen Koryphäen zur Köchin ausbilden liess und selbst eine Kochschule gründete. Und ihr Standardwerk «Mastering the Art of French ­Cooking» schrieb.

Dieses ist jetzt erstmals auf Deutsch übersetzt worden. Das 656-seitige Werk basiert auf der Erstausgabe von 1961, man hat lediglich die US-Masseinheiten durch die hier ­üblichen ersetzt sowie die Weinempfehlungen und die Fleischzuschnitte.

«Sie haben sich etwas Wunderbares vorgenommen! Toujours bon appétit!» Die Einleitung Julia Childs, die eine vorbildlose Karriere im US-Fernsehen hinlegte, macht Lust auf mehr. Trotzdem fragt man sich: Kann ein Buch, das an «die dienst­botenlose amerikanische Hausfrau» gerichtet war und sich an der klassischen französischen Küche orientiert, heute noch bestehen?

Köstliche Schauspielerinnen

Bien sûr. «Französisch kochen», wie der Schinken auf Deutsch heisst, ist ein Klassiker, der niemals ausgedient haben wird. Dass es Spass macht, das Buch (ohne Fotos, nur mit wenigen Zeichnungen) einfach so durchzublättern, ist der grossen Julia Child zu verdanken, die nebst ihrem Sinn für Verrücktes mit viel Humor gesegnet war.

Ihre Tipps auf den ersten Seiten sowie bei allen Rezepten lesen sich manchmal wie komische Krimis: «Wir empfehlen Ihnen daher dringend, egal, wie oft Sie schon gekocht haben, immer ­zuerst das Rezept ganz durchzulesen.»

Oder: «Sowohl das Aufschlagen als auch das Unterheben sind eigentlich recht unkomplizierte Tätigkeiten – man muss nur verstehen, warum sie genau nach Anleitung ausgeführt werden sollten», das steht bei den Soufflés. An anderer Stelle erklärt sie verschiedene Arten von Lamm oder woraus man alles Gratin machen kann (sie schlägt unter anderem Hirn vor).

Julia Child ist 2004 92-jährig verstorben. Unsterblich gemacht haben sie «Mastering the Art of French Cooking» und ein Kinofilm: Der eingangs erwähnte ­«Julie & Julia» beschreibt den ehrgeizigen Versuch der Autorin Julie Powell, in 365 Tagen 524 Rezepte der Köchin nachzukochen und diese Erfahrungen auf einem Blog festzuhalten. Meryl Streep und Amy Adams (als Julie) verkörperten die beiden realen Personen très köstlich. Bon appétit!

Julia Child: «Französisch kochen», 656 S., Verlag Echtzeit, ca. 58 Franken.

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