Im Sog von Gimma

Rapper Gimma hat seine Autobiografie geschrieben. «Hinter dera Maska isches dunkel» ist ein Trip durch die todtraurige Kindheit und Jugend eines Hochbegabten. Bündnerdeutsch, knallhart, mit Sogwirkung.

Ein Trip durch die todtraurige Kindheit und Jugend eines Hochbegabten: Rapper Gimma hat seine Autobiografie geschrieben.

Ein Trip durch die todtraurige Kindheit und Jugend eines Hochbegabten: Rapper Gimma hat seine Autobiografie geschrieben. Bild: zvg

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Er torkelte nackt über Konzertbühnen oder erbrach sich an Preisverleihungen. Er präsentierte den Zuschauern einer Fernsehshow live auf den eigenen Bauch gepinselte Abstimmungsparolen. Er produzierte Werbejingles für einen Pornoproduzenten oder hatte für einen Videoclip Sex an einer Hochzeit, auf einer Wurstplatte. Mit der Braut.

Gian-Marco Schmid, Künstlername Gimma, war in den 35 Jahren seines Daseins immer für einen Skandal gut. Jetzt hat der Rapper eine «Semiautobiografie» geschrieben, wie er sagt. Anfang und Ende des Buches sind fiktiv, einige Namen geändert. Der grosse Rest ist wahr. Mit der Bezeichnung «Semiautobiografie» drücke er sich aber vor lästigen Fragen, so Gimma. «Wenn jemand zu tief bohrt, sage ich einfach ‹stimmt nicht› und das Thema ist erledigt.»

In Bündner Dialekt enthüllt Gimma, in wie viele Ex-Missen und «Glanz & Gloria»-Moderatorinnen er seinen «Zipfel ina­gsteckt» hat. Er berichtet, wie er sich nach der Einnahme von psychoaktiven Pilzen mit einem Berg verbrüdert hat. Er behauptet, dass sich politisch rechts eingestellte Frauen im Bett gern demütigen lassen: «Dia stönd denn wirkli uf dia wüaschte Gschichta. Wirkli z volle Programm vu ‹Hau mi! Hau mi!›, ‹Gib mr Tiarnäme!› I glaub schu, das hät mit dr politische Gsinnig z tua.»

Todtrauriger Trip

Ja, Gimmas Buch bietet Stoff für fette Schlagzeilen – ganz, wie es sich für den «grössten Provokateur der Schweiz» («Blick») gehört.

Was auf den ersten Blick wirkt wie die Memoiren eines kleinen Gangsters aus den Bergen, der zu viele Drogen genommen hat, ist aber mehr, viel mehr. Gimma schickt seine Leser auf einen todtraurigen Trip durch die todtraurige Kindheit und Jugend eines hochbegabten jungen Mannes.

Die Sprache des heute als Werbetexter und Journalist arbeitenden Rappers ist eigenwillig, hart – und erstaunlich leicht zu lesen: «Mini Geburtsazeig isch an Knopf gsi. Das isch glaub z zärtlichschta gsi in minem Leba. Zu minara Taufi hät dr Chefarzt vur Tschechoslowakischa Hockey­nati gschriba. Es rechts Ereignis. I glaub, ma hät kli Hoffnig in mi inainterpretiart.»

Pinguine und der Platzspitz

Als Gimma sechs Jahre alt ist, lassen sich seine Eltern scheiden. Seine «Mä» hat Alkohol- und Drogenprobleme. Mit sieben Jahren fährt er mit ihr zum ersten Mal nach Zürich. In den Zoo, Pinguine schauen, dann auf den Platzspitz, Haschisch kaufen. Bald grüssen ihn die Dealer mit «Hoi Knopf!». Er sagt: «Hoi Herr Dealer!»

Mit neun Jahren versucht er zum ersten Mal, sich umzubringen. Mit dreizehn nimmt er regelmässig Kokain. Dann: Psychosen, Psychiatrie, ein Klosteraufenthalt, KV-Lehre in einer Bierbrauerei. Drogen, Alkohol. Weitere Suizidversuche. Und Riesenerfolg als Rapper. Goldene Schallplatten, Swiss Music Awards, 30 Wochen Charts. Zeitweise hat Gimma über 500'000 Franken auf dem Konto und einen Porsche Cayenne in der Garage, obwohl er bis heute nicht Auto fahren kann.

Als «Notfallration für Desperados, zu Tröstende oder solche, die bisher keinen Zugang zu diesen Welten hatten», bezeichnet die Bündner Schriftstellerin Romana Ganzoni Gimmas Buch. Sie hat recht. Man kann nicht anders, als das Werk zu verschlingen. Weil es bewegt. Und weil man dabei keine Sekunde das Gefühl hat, der Autor bettle um Mitleid oder wolle mit krassen Geschichten angeben, was Rapper ja oft und gerne beides tun.

«Hinter dera Maska isches dunkel» zu lesen, ist ein bisschen, wie wenn man beim Aareschwimmen in einen Strudel gerät. Man wird reingezogen, kann nichts dagegen tun. Dann wird man runtergezogen, beängstigend schnell. Wenn man am Boden ist, kann man seitwärts wegschwimmen, wieder auftauchen, sich befreien. Man hat dann das Gefühl, gerade etwas sehr Eindrückliches erlebt zu haben.

Gian-Marco «Gimma» Schmid: «Hinter dera Maska isches dunkel», Markenkern, 100 Seiten, erscheint am 23. November. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.11.2015, 12:00 Uhr

Warum Mundart?

Dass sein Buch in Bündnerdeutsch verfasst ist, sei eine «bewusste Entscheidung», sagt Gimma (35). «Ich habe Musik in dieser Sprache gemacht, werde als Werbesprecher in dieser Sprache gebucht, und ich bin einer von einer Handvoll Leuten, die regelmässig Texte in dieser Sprache publiziert.» Der Rapper weiss: Reich wird er so nicht, ausserhalb der Schweiz wird er kaum ein Exemplar verkaufen. «Dafür kann ich eine Sprache prägen. Das ist mir viel wert.»

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