Für sie war es Vergewaltigung, für ihn einvernehmlicher Sex

Bettina Wilperts Debütroman erzählt von einer Nacht, die eine Frau und ein Mann miteinander verbringen.

Was uns in der Wirklichkeit verwehrt bliebe, schafft der Debütroman: Wir sehen beide Seiten zugleich. Bild: Plainpicture

Was uns in der Wirklichkeit verwehrt bliebe, schafft der Debütroman: Wir sehen beide Seiten zugleich. Bild: Plainpicture

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Die 27-jährige Anna und der ein Jahr ältere Jonas sind auf einer Geburtstagsparty. Sie trinken viel, Anna übernachtet bei Jonas, weil sie es nicht mehr zu sich nach Hause schafft. Sie schlafen miteinander. Zwei Monate später erstattet Anna Anzeige wegen Vergewaltigung. Jonas ist schockiert. Für ihn war der Sex einvernehmlich.

Was uns in der Wirklichkeit verwehrt bliebe, schafft die Literatur, schafft der Debütroman von Bettina Wilpert, 1989 geboren und in Oberbayern aufgewachsen: Wir sehen beide Seiten zugleich. Wir verstehen nach und nach, wie widersprüchlich und verworren eine Situation sein kann. Es ist nicht schwarz-weiss, es ist grau. Wir sind hin- und hergerissen.

Einem Protokoll ähnlich versucht das Roman-Ich, das nicht näher bestimmt wird, diese Nacht zu rekonstruieren. Dieses Ich redet mit Anna, redet mit Jonas, mit Annas Anwältin, den Familien der beiden, ihren Freunden. Und verknüpft dann alle Informationen zu einer Geschichte. Manchmal unterbricht es eine erzählende Person, fragt nach. Meist berichtet es distanziert und neutral.

Es schildert, wie Anna und Jonas sich Wochen zuvor kennen gelernt haben, woher sie kommen, wer sie sind und was all dies über jene Nacht aussagen könnte. Lügt sie? Lügt er?

Annäherung im Rückblick

«Dass es im Mai war und er sich als Joni vorstellte, obwohl sie ihn nie so nennen würde und auch niemand sonst ihn so nannte. Dass es an einem Dienstag oder Mittwoch war, unter der Woche jedenfalls», heisst es aus Annas Sicht der ersten Begegnung.

«Dass es im Juni war. Dass es ein Montag war, und eigentlich wollte er für seine Doktorarbeit einen langen Tag in der Bibliothek einlegen – meistens konnte er abends besser arbeiten als morgens», heisst es aus Jonas’ Sicht der ersten Begegnung.

«Dass er ihre Hose auszog. Sie registrierte zuerst nicht, was passierte. Als sie es merkte, wehrte sie sich, aber er war stärker, drückte sie an den Hand­gelenken in die Matratze. Er drang in sie ein. Irgendwann gab sie den Widerstand auf, es hatte kei­nen Sinn, sie war zu betrunken, und er war grösser und stärker», lautet Annas Version jener Nacht.

Das Ungefähre ist schwer zu ertragen

«Dass er sich nicht mehr an jedes Detail des Geschlechtsverkehrs erinnerte. Er war ziemlich betrunken, aber es war einvernehmlich, schliesslich benutzte er ein Kondom! Würde man das bei einer Vergewaltigung machen? Anna hatte keine Ablehnung signalisiert, selbstverständlich hätte er ihren Willen akzeptiert, wäre es anders gewesen», lautet Jonas’ Version jener Nacht.

Das Protokoll ist eine Annäherung im Rückblick. Eine Annäherung, die scheitern muss. Genau das nämlich, was man von dieser Spurensuche erwartet, kann sie gar nicht leisten: die Wahrheit finden. Der Roman zwingt die Leser, sich zu identifizieren. Jede Leserin könnte Anna sein, jeder Leser Jonas. Oder einer ihre Freunde, die entscheiden müssen, wem sie glauben sollen. Das Ungefähre ist schwer zu ertragen – obwohl im Zuge der #MeToo-Debatte um sexuelle Übergriffe oft beklagt wurde, dass das uneindeutige Wesen der sexuellen Anziehung, dass die Erotik zugrunde gehe, wenn man sich ständig absichern und seine Zustimmung explizit erklären müsse.

Statt zur Gewissheit darüber, was tatsächlich geschehen ist, bewegt man sich mit fortschreitender Lektüre des Romans weiter in den Graubereich hinein, wo sich ein junger Mann und eine junge Frau, einander eben noch zugeneigt, plötzlich als Gegner wiederfinden. Aussage steht gegen Aussage. Beide verzweifeln zunehmend, weil sie merken, wie ihr Erinnerungsvermögen infrage gestellt wird, ihre Glaubwürdigkeit und damit, letztendlich, auch sie selbst. Die Leute tuscheln, die Leute richten, die Leute bedrängen voreilig mit ihrer eigenen Wirklichkeit.

«Dass diese Person psychisch gestört sein muss, wenn sie ihrem Sohn so etwas vorwirft», findet Jonas’ Mutter. «Dass er nie gewalttätig wurde!», Jonas’ Ex-Freundin. «Dass sie ihr natürlich glaubte. Nie zuvor hatte sie sie so gesehen. So aufgelöst», Annas Schwester. «Wenn sie sagt, sie wurde vergewaltigt, muss man ihr glauben und kann nicht wie der Rest der Leute von Falschbeschuldigung sprechen. Wenn das Opfer es als Vergewaltigung empfand, war es eine», eine Bekannte von Jonas, die nur schon «aus feministischer Perspektive» zu Anna halten will.

Wie in einem Gefängnis

Das Grau der Unklarheit wird zum Grauen der eindeutigen Zuschreibung: Anna und Jonas sind darin eingesperrt wie in einem Gefängnis. Jonas ist ein Vergewaltiger geworden, ein Krimineller – er verliert seine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Anna ist ein Opfer geworden, beschmutzt und gelähmt von jener Ohnmacht, über die sie schon gelesen hat, die sie schon gesehen hat in Filmen, Erzählungen und Berichten. Aber bislang war das alles «nichts, was uns passiert».

Darum weiss Anna anfangs auch nicht, ob das wirklich möglich sein könnte – vergewaltigt? Sie googelt das Wort, um verstehen zu können. «Sie wusste, was passiert war, rational. Aber war es wirklich eine Vergewaltigung? Die hatte sie sich anders vorgestellt: ein Mann, der einen nachts auf dem Nachhauseweg überfällt, oder der Onkel. Oder der Nachbar. Aber kein Doktorand, den man kennt, zu dem man Vertrauen aufgebaut hat. Ein Geliebter. Ein Freund.»

Nach dieser Nacht stürzt sich Jonas in seine Arbeit. Auch ihm geht es nicht gut, noch immer hadert er mit der Trennung von seiner Freundin. «Er wollte sich ablenken, aber er musste immer wieder an seine Ex-Freundin denken, er vermisste sie. Komischerweise hatte er ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen, als habe er sie mit Anna betrogen. Er mochte Anna. Er hätte nicht mit irgendwem schlafen können. Es musste ein Grundvertrauen, eine Grundsympathie geben.» Empfindet so ein Vergewaltiger?

Dann kommt die Anklageschrift

Neun Monate sind inzwischen vergangen, seit Anna Anzeige gegen Jonas erstattet hat. Beide warten auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

«Wahrscheinlich konnte sie ihm nicht in die Augen blicken. Er wäre ihr gern begegnet und hätte ihr gesagt, wie er sich fühlte und was sie ihm angetan hatte», lautet Jonas’ Sicht. «Sie wollte eine Entschuldigung. Sie wollte, dass er ihr in die Augen blickte und sagte: Ich habe dich vergewaltigt, es tut mir leid», lautet Annas Sicht.

Die beiden treffen sich noch einmal, zufällig, blicken einander in die Augen, reden kurz. Dann kommt die Anklage­­­schrift der Staatsanwaltschaft. Da steht es schwarz auf weiss, nichts ist grau.

Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert. Verbrecher-Verlag, Berlin 2018. 165 S., ca. 30 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2018, 09:30 Uhr

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