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«Ich habe das Gefühl, eine Verantwortung zu tragen»

Swetlana Alexijewitsch sieht den Nobelpreis als Verpflichtung. Die Autorin setzt sich weiter für die Demokratie und Menschenrechte ein.

Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ist bekannt für ihre Dokumentationen über Tschernobyl, den Krieg der Sowjets in Afghanistan oder die Rolle der Frauen in der Roten Armee während des Zweiten Weltkriegs.
Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ist bekannt für ihre Dokumentationen über Tschernobyl, den Krieg der Sowjets in Afghanistan oder die Rolle der Frauen in der Roten Armee während des Zweiten Weltkriegs.
Wikimedia
Die weissrussische Schriftstellerin und Journalistin erhielt 2014 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Die weissrussische Schriftstellerin und Journalistin erhielt 2014 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
EPA/Arne Dedert, Keystone
Die Auszeichnung erhält sie für ihr «vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt», teilte die Schwedische Akademie mit.
Die Auszeichnung erhält sie für ihr «vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt», teilte die Schwedische Akademie mit.
EPA/Peter Endig
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Die weissrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch erachtet den ihr verliehenen Literaturnobelpreis als Verpflichtung zum weiteren Einsatz für Demokratie und Menschenrechte. «Ich habe das Gefühl, eine Verantwortung zu tragen», sagte Alexijewitsch bei einem Auftritt in der Bundespressekonferenz in Berlin. «Enttäuscht oder erschöpft sein geht nicht mehr.»

Es gehe ihr darum, Romane aus den wahren Geschichten von Menschen zu schreiben. «Es ist der Versuch, die Zeit zu erfassen, sie festzuhalten, etwas aus dem Chaos herauszuholen, in dem wir leben.» Sie mache mit ihren Interviews aber keine journalistische Arbeit. «Ich sammle das Material wie ein Journalist, aber ich arbeite damit als Literatin.»

Die Feuilleton-Chefin der Wochenzeitung «Die Zeit», Iris Radisch, kritisierte dagegen, man dürfe Journalismus nicht mit Literatur verwechseln. «Literatur muss etwas Schöpferisches haben. Sie muss «fiction», eine eigene Erfindung sein, sie muss eine besondere Sprachqualität haben, und sie muss - das ist ganz wichtig - eine eigene imaginative und weltverwandelnde Kraft haben», sagte Radisch der Deutschen Presse-Agentur. «Das ist bei Swetlana Alexijewitsch nicht der Fall.»

Demokratie nicht wie Schweizer Schokolade

Alexijewitsch berichtete vor den Medien, sie dürfe ihre Bücher nach wie vor nicht in ihrem Heimatland veröffentlichen. Sie erschienen aber in Russland und kämen so auch nach Belarus. «Eine Zeitlang gab es sie nur unter dem Ladentisch, aber jetzt kann man sie oft auch so bekommen. Und die Menschen lesen sie auch.»

Die Autorin hatte wegen der schwierigen Bedingungen in ihrer Heimat zehn Jahre lang im Ausland gelebt, unter anderem in Deutschland. Das habe ihren Blick geweitet, sagte sie. «Aber ich habe auch begriffen, dass man Demokratie nicht einfach einführen kann wie Schweizer Schokolade.» Der Prozess brauche gerade in einem lange diktatorisch regierten Land sehr viel Zeit.

Putin und Medwedew haben sich nicht gemeldet

Die 67-jährige erzählte, Weissrusslands umstrittener Präsident Alexander Lukaschenko habe ihr am Donnerstag einige Stunden nach der Verkündung in Stockholm persönlich gratuliert. «Das war ein bisschen komisch.»

Der russische Präsident Wladimir Putin und Regierungschef Dimitri Medwedew hätten sich dagegen nicht gemeldet. «Ich hatte gesagt, dass sie die Ukraine besetzt haben, dass es eine Okkupation war, und da war die Liebe von Putin und Medwedew natürlich hin», erklärte Alexijewitsch.

Radisch kritisierte generell, «Literatur zum Themenlieferanten «zu degradieren». Sie beobachte mit Sorge, «dass Literatur zunehmend mit ausserliterarischen Kriterien beurteilt und gewertschätzt wird», sagte Radisch. Dabei trete die Frage in den Hintergrund, welche literarischen Qualitäten der Roman habe.

«Der Nobelpreis darf sich nicht so sehr an ausserliterarischen Kriterien orientieren. Der Literaturnobelpreis ist eine Institution. Der muss sich danach richten, was nach genuin literarischen Kriterien gut oder schlecht ist», forderte die «Zeit«-Journalistin, die auch den SRF-Literaturclub moderiert hatte.

SDA/nab

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