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«Ich bin ein Fassadenfresser!»

Am Dienstagabend liest der Schriftsteller Paul Nizon in seiner Berner Heimat aus seinem neu erschienen Buch «Sehblitz – ein Almanach der modernen Kunst».

«Ich verstehe mich als Autofiktionär»: Der Autor Paul Nizon im Kunstmuseum Bern, wo er einst als Assistent gearbeitet hat.
«Ich verstehe mich als Autofiktionär»: Der Autor Paul Nizon im Kunstmuseum Bern, wo er einst als Assistent gearbeitet hat.
Enrique Muñoz García

Herr Nizon, Sie sind eben noch mit Ihrem Biografen durch Bern gestreift. Haben Sie auch die Länggasse, das Quartier Ihrer Kindheit, besucht?Paul Nizon: Ja, ich habe tatsächlich meinem Begleiter die Länggasse gezeigt, wo meine Kindheit stattgefunden hat. Die Kulisse ist immer noch gleich, geändert hat sich wenig. Damals war es eine Tramlinie, jetzt ist es eine Bus­linie.

Sie haben in «Geboren und aufgewachsen in Bern» (1979 ) geschrieben: «Bern war jahrelang nur die Länggasse, und sie war ohne Vergleich, war grösser und bedeutungsvoller selbst als New York und Tokio zusammen . . .» Das war natürlich meine Wahrnehmung als Kind, als ich ja auch noch nichts anderes kannte. Mein wichtigster Ort war das Restaurant Casa d’Italia. Als Kind habe ich dort immer Schach gespielt. In diesem Rummel der Italianità verbrachte ich Stunden als kleiner Knirps. Es ging dort einfach viel lebendiger zu und her als an anderen Orten Berns.

Auch zum Kunstmuseum Bern haben Sie eine spezielle Be­ziehung. Ich war Halbtagesassistent hier. Meine erste Tat bestand darin, eine Raucher- und Kaffeeecke einzuführen. Ich war zuständig für Public Relations. Ich habe Leute angeworben und Führungen für Arbeiter und Angestellte organisiert. Für Leute, die an sich nicht ins Museum gehen.

«Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich war sehr autonom als junger Mensch.»

Sie haben unter anderem an der Universität Bern Kunstgeschichte studiert. Waren Ihre Eltern davon begeistert? Ich musste kein Elternhaus fragen. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Mein Vater war schon tot. Ich war sehr autonom als junger Mensch. Überlegungen punkto Sicherheit hat es weder bei mir zu Hause noch bei mir selbst je gegeben. Geld zu machen, hat mich nie interessiert.

Promoviert haben Sie zu Vincent van Gogh. Warum gerade dieser Künstler? Er hat mich in Brand versetzt. Nachdem ich ihn in einer Aus­stellung entdeckt hatte, beschloss ich sofort, meine Dissertation über van Gogh zu schreiben. Er wurde mir zur Leitfigur. Eine totale Künstlerfigur! Er ist mit nur 37 Jahren gestorben und hat in ganz wenigen Jahren ein Riesenwerk hinterlassen.

Als Schriftsteller bekamen Sie früh Anerkennung vom einflussreichen deutschen Autoren­treffen «Gruppe 47». Wie haben Sie die Gruppe erlebt? Da haben sich die ganze Literaturkritik und alle Verleger von Rang und Namen versammelt. Ich bin damals von Ingeborg Bachmann und Günther Grass vorgeschlagen worden. Ich las aus meinem sich im Entstehen befindenden Roman «Canto» (erschienen 1963, Anm.). Mein Verleger hatte mir davon abge­raten, weil er Angst hatte, dass das Buch bei einer schlechten Resonanz disqualifiziert sei. Aber es ist gut angekommen.

Ihrem Verlag Suhrkamp halten Sie seit Jahren die Treue . . . Suhrkamp war seit den Anfängen bekannt dafür, dass er ein Werk wachsen lassen und propagieren wollte. So war das auch bei mir. Mein ganzes Werk ist bei Suhrkamp herausgekommen.

Gibt es Unterschiede zwischen Ihrem journalistischen und Ihrem literarischen Schreiben? Nein. Ich habe nie etwas anderes im Sinn gehabt, als Schriftsteller zu werden. Ich wusste nur nicht, ob ich es schaffe. (wendet sich an seinen Biografen aus Berlin)Na, wie tönt das? Grossmäulig? In meinem aktuellen Buch «Sehblitz – ein Almanach der modernen Kunst» werden ja jetzt Kritiken veröffentlicht. Das ist ge­wissermassen meine erste Prosa. Kunstkritiken, die jetzt fast ein Jahrhundert später rauskommen, das passiert ja eigentlich niemandem ausser mir . . . Jetzt weiss ich nicht mehr, was ich sagen wollte.(lacht) Wenn man im Eigenlob abdriftet, wird man gestraft!

Als Sie 1976 Bern zugunsten von Paris verliessen, sprachen Sie von einem Exil. Wovor sind Sie geflüchtet? Es gab viele Gründe zu gehen. Eine Scheidung war auch dabei. Aber eigentlich bin ich ausLebenshunger gegangen. Paris war damals die kulturelle Hauptstadt der Welt. Meine Ambition als Schriftsteller ging weitüber den deutschsprachigen Raum hinaus. Der internationale Wettbewerb war mir wichtig.Ich wollte mich messen an den Grossen. Viele Leute haben Angst, in einen freien Beruf zu gehen. Ein Grund, warum die Schweizer Literatur eine Lehrerliteratur ist.

Man hört immer wieder, Sie seien in Frankreich berühmter als im deutsch­sprachigen Raum. Das ist eine Übertreibung. Aber es stimmt schon, ich bin dort gemeinsam mit Peter Handke der einzige wichtige deutschsprachige Autor. Und ich bin sofort von den Franzosen akzeptiert worden, was nicht selbstverständlich ist. Ich bin sogar in die Enzyklopädie Larousse aufgenommen worden. Das ist, als käme man in den Olymp.

Sie schreiben sehr langsam. Wie muss man sich den Ent­stehungsprozess eines Textes bei Ihnen vorstellen? Es ist die «Inkubationsphase», die lange dauert, die Zeit, bis ich zur eigentlichen Thematik vorstosse. Das Schreiben selbst ist für mich als Sprachmensch kein Problem. Ich kann so schnell schreiben, wie ich tippen kann.

Sie schöpfen immer wieder aus dem eigenen Leben. Warum keine reine Fiktion? Wirklichkeit ist meiner Meinung nach nicht durch Handlung abbildbar. Ich sehe das als Billig­verfahren. Ich verstehe mich als Autofiktionär. Ich schreibe ba­sierend auf selbst Erlebtem, aber niemals biografisch.

«Meine Ambition ging weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. Der internationale Wettbewerb war mir wichtig.»

Sie waren dreimal verheiratet und haben vier Kinder. Die Liebe ist und bleibt Ihr wichtigstes Thema. Ja. Ich fühle mich diesbezüglich mit Henry Miller verwandt. Ich denke, Liebe und Eros sind mächtige Triebfedern.

Sie haben sich selbst auch schon als «marcheur» beschrieben. Was meinen Sie damit? Wissen Sie, schreiben und laufen, das waren immer schon Synonyme. Wenn ich «marcheur» sage, dann meine ich damit, dass ich keiner bin, der flaniert. Ich bin viel physischer, ich rase raus, um mich am Leben zu reiben, nicht um des kontemplativen Genusses wegen. Ich bin kein Flaneur, ich bin ein Fassadenfresser!

Lesung und Gespräch: Dienstag, 10. April, ab 18.30 Uhr, Kunst­museum Bern.

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